Auf den Spuren von London Dry Gin

Am London Dry Gin macht sich Handwerk fest, denn es gibt nichts, womit man einen Fehler verdecken könnte.

© Shutterstock

Am London Dry Gin macht sich Handwerk fest, denn es gibt nichts, womit man einen Fehler verdecken könnte.

Am London Dry Gin macht sich Handwerk fest, denn es gibt nichts, womit man einen Fehler verdecken könnte.

© Shutterstock

Zehn Jahre dauert der Gin-Hype mittlerweile locker an, und das haben wir vor allem einer Kategorie zu verdanken: den Western Style Gins. Sie haben das aromatische Flagschiff der Kategorie, nämlich Wacholder, verlassen und sind umgestiegen auf regionale und lokale Zutaten, auf ausgefallene Kompositionen – immer gut für das Storytelling im Vertrieb oder am Tresen. Dabei ist das gar nicht immer nötig, denn selbst der Klassiker unter den Gins, der London Dry Gin, ist imstande, Geschichten zu erzählen.

Die Geschichte der »Gintrifizierung«

Im Grunde genommen ist es völlig unplausibel, weshalb Geschichte an Schulen und Universitäten nicht anhand der Geschichte verschiedener Spirituosen und Drinks, nicht entlang von Wein-Steuern und Bier-Gesetzen unterrichtet wird. Zumindest von den Römern an hätte man das meiste vermutlich abgedeckt. Gut, Gin jetzt vielleicht weniger, um die gesamte Antike zu erklären, aber bei den Kreuzzügen könnte man durchaus beginnen. Diesen ist nämlich die Kunst der Destillation durch Alkohol sowie ein breites Verständnis von Kräutern und deren Heilwirkung zu verdanken – sprich, das Mazerieren, also das Einlegen von Kräutern, um deren Wirkstoffe innerlich wie äußerlich anzuwenden, kam so nach Europa. 

Ziemlich schnell war herausgefunden, dass Wacholder gegen Magen- und Nierenprobleme, außerdem Koliken, Wunder wirken solle. Nächste Etappe: die Niederlande, Mitte des 17. Jahrhunderts. Ein deutscher, aber in den Niederlanden praktizierender Arzt kreiert einen für eben jene Befindlichkeiten heilsamen Wacholderschnaps, nennt ihn »Genever«, also »Wacholder« und den Leuten schmeckt’s. Wahrscheinlich hätte man den Kindern damals schon ans Herz legen sollen, dass Medizin nicht schmecken darf, wenn sie wirken soll, denn was dann kam, hätte dem Ganzen möglicherweise Einhalt geboten.

Im Zuge des spanisch-holländischen Krieges unterstützten britische Soldaten die Niederländer in Holland; umgekehrt befanden sich natürlich auch niederländische Soldaten auf englischem Boden. Ein reger Kulturaustausch in puncto Wacholderschnaps bestand also ohnehin bereits; als dann aber der niederländische König Wilhelm III. von Oranien-Nassau die politische Führung der Briten übernahm, kippte die Lage um den auch dort mittlerweile heiß begehrten »Gin«. Während Wilhelm III. Gin von jedweder Steuer befreite, wurden französische Alkoholika so wie Bier und Wein horrend besteuert, und schon bald gab es einen Erlass, dass der inzwischen längst auch in England produzierte Gin ausschließlich aus englischem Getreide produziert werden solle. Und voilà – so eignet man sich eine National-Spirituose an.

Vom Heilmittel in den Hofgarten

Gin wurde also zum erschwinglichsten alkoholischen Getränk, jeder durfte ihn herstellen und man kann sich die Folgen ausmalen: eine Gin-Krise. Diesem nationalen Rauschzustand wollte man Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem sogenannten »Gin Act« entgegenwirken, einem Gesetz, das der Spirituose in ihrer Herstellung strenge Regularien setzt, was den Preis erhöht und dazu führt, dass Gin nicht mehr für die gesamte Bevölkerung erschwinglich ist – zumindest nicht legal.

Für den London Dry Gin allerdings liegt genau hier die Geburtsstunde. Während man vorher noch oftmals mit Zucker nachgeholfen hatte, um den Schnaps noch bekömmlicher zu machen – in bis heute tradierter und aufgewerteter Form »Old Tom Gin« genannt – wurden dem London Dry Gin die härteren Auflagen auferlegt.

Während damals ein London Dry Gin viermal im Kupferkessel gebrannt werden musste, sind die Regularien heute etwas anders, dennoch ist es der Gin, der es am schwersten hat, sich auszuweisen. Zwar ist es mittlerweile komplett unerheblich, ob er in London oder anderswo destilliert wurde, mindestens zweifach destiliert wurde er jedoch allemal. Alle Botanicals, also zusätzliche natürliche Geschmacksträger, wie etwa Koriander oder Zitrusfruchtschalen müssen, im ersten Brennverlauf zugegeben werden. Nachträgliche Aromatisierung schließt Gin für diese Kategorie aus, und auch der sehr geringe Zuckergehalt ist strengstens vorgegeben.

Genau genommen sind es 0,1 Gramm Zucker auf den Liter, und dieser Gin muss vor allem nach Wacholder schmecken. Das war ja schließlich auch einmal die Grundidee. Vielleicht hilft er so auch wieder als Medizin. Im britischen Königshaus jedenfalls ist der London Dry Gin ein altbewährtes Lieblingsgetränk. Seit diesem Jahr gibt es sogar den »Buckingham Palace small-batch London Dry Gin« aus dem Garten der Queen höchstselbst.

Mit Botanicals wie Zitronenverbene, Weißdornbeeren, Lorbeerblättern und Blättern des Maulbeerbaumes braucht kein Bartender mehr mit viel Storytelling um die Ecke kommen. Das übernimmt der Gin schon selbst. Das fällt auch den Vertrieben auf: Tina Ingwersen-Matthiessen vom Hamburger Importeur »Borco« beispielsweise ist aufgefallen, dass trotz aller Botanical-Spiele in den letzten Jahren klassische Gin-Drinks wie der Martini oder ein Last Word hoch im Kurs stehen. Möglicherweise ja sogar deswegen. Sie hat daher ein Relaunch des »Finsbury London Dry Gin« entschieden – weil sie findet, dass man durchaus etwas zu erzählen hat, wenn man nach Rezepten von 1740 brennt.

Ein konstanter Compagnon

Das sind knappe 300 Jahre, da gibt es durchaus ein wenig zu erzählen. Allerdings muss auch hier, wie bei allen anderen Zutaten eines Drinks, dosiert werden, denn vielleicht will der Gast beim Schlürfen seines Martinis nicht immer eine Gemeinschaftskunde-Stunde mitgebucht haben. Wie bringt man nun nach all den Jahren des Trends eine Spirituose an den Gast und welche Gins braucht es an der Bar?

Die Produktion der Western Dry Gins nahm eine rasante Entwicklung, denn ihnen darf nach der Destillation noch allerhand hinzugefügt werden und es geht schnell, ihnen ein intensives Aroma zu verleihen. Doch die simplen Dinge sind oftmals die schwierigsten, da unterscheidet sich die Pizza Margarita nicht vom Whisky Sour – und auch nicht vom London Dry Gin. An ihnen macht sich Handwerk fest, denn es gibt nichts, womit man einen Fehler verdecken könnte, weil Rosenblüten zwar immer schön klingen, an manchen Orten aber schlichtweg nichts zu suchen haben. 

Wir haben uns über den Stand des London Dry Gin am Tresen und in den Hausbars einmal umgehört. Die Sommelière beim größten Getränke-Vollsortimenter im Raum Berlin-Brandenburg, Helen Mol, hat den Eindruck, dass London Dry Gin noch immer als perfektes Basic Pouring verwendet wird – weil er geschmacklich beständig ist und weil er oftmals großen Häusern angehört, mit denen sich beispielsweise qua Werbekostenzuschuss kooperieren lässt.

Obwohl sie den spürbaren Trend in Richtung Western Dry Gin wahrnimmt, was sie auf die Individualität in der Ausstattung, den Aromen, aber natürlich auch bei den Filler-Kombinationen zurückführt, macht sie sich um den Klassiker keine Sorgen: »In einer gut ausgestatteten Bar ist der London Dry Gin nicht wegzudenken«, so Mol. Timo Häberle, Geschäftsführer des »Rau & Herzlich«, sieht das ganz ähnlich: Er glaubt, dass die Bewegung der New Western Style Gins sehr schön demonstriert hat, was man mit einer Spirituose alles anstellen kann, wie man sie an der Bar nutzen und präsentieren kann. »Aber irgendwann ist auch da der Bogen überspannt und man sehnt sich nach einem Produkt, auf das Verlass ist und das für Konstanz sorgt«, so Häberle. Neugier auf neue Produkte – gut und schön, aber auch bei ihm war nun schon länger niemand mehr, der seinen neuesten Gin zum Probieren vorbeibrachte. Und er erzählt das nicht so, als hätte er es vermisst.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Gin Special 2020
Zum Magazin

MEHR ENTDECKEN

  • 19.11.2020
    Alle Gin-Stile im Überblick
    Alles Wichtige über die Gin-Kategorien finden Sie hier. Von London Dry über New Western bis zum Pink Gin.
  • Themenspecial
    Best of Gin
    Gin ist in: Wissenswertes rund um Geschichte und Sorten, die besten Gin-Produzenten und ihre Spirituosen, kreative Cocktail-Rezepte der besten Bartender Europas und interessante Neuigkeiten rund um Gin und seine Einsatzgebiete.
  • 06.07.2020
    Gin, Wermuth & Co: Pink Spirits im Trend
    Kindchen-Schema im Cocktailglas: Beerig-fruchtige Varianten bekannter Spirituosen – von Gin und Aquavit bis Wermut – sorgen in diesem Sommer...
  • 15.11.2020
    Gin mit Herkunftsgarantie
    Auf dem ganzen Planeten finden sich Produzenten, deren Produkte sich nicht nur durch exzellenten Geschmack auszeichnen, sondern auch durch...
  • 29.08.2019
    Gin: Die Besten aus der Schweiz
    In der Schweiz gibt es immer mehr Destillerien, die sich auf die Herstellung des Wacholderbrands spezialisieren. Wir präsentieren die Besten...
  • 18.10.2018
    Gin: Die verschiedenen Arten und Stile
    Gin ist nicht gleich Gin. Die bekannteste Gin-Art ist der London (Dry) Gin. Es gibt aber noch andere Arten und Stile wie etwa Aged Gin, Gin...
  • 10.10.2018
    Gin im Kino und in der Literatur
    Gin und Kultur werden oft in einem Atemzug genannt, denn der Klassiker unter den Drinks hat einen fixen Platz in vielen Filmen und Romanen. ...
  • 01.10.2018
    Ginial: Best of Gin aus Österreich
    Noch vor 20 Jahren waren Gin-Brenner in Österreich so selten wie Palmen im Hochgebirge. Inzwischen ist ein wahrer Gin-Hype ausgebrochen.
  • 08.09.2018
    Gin & Tonic: Göttliche Kombi
    Gin & Tonic ist nur vermeintlich ein einfacher Drink. Wer wahllos drauflosmischt, verpasst etwas. Falstaff kennt für jeden Gin den passenden...
  • 06.09.2018
    Gin: Von der Medizin zum Trendgetränk
    Wie aus dem traditionellen holländischen Wacholderschnaps Genever der Gin entstand – eine der vielfältigsten und erfolgreichsten Spirituosen...
  • 26.05.2017
    Gin: Ein glasklarer Hype
    Wacholder, Koriander, eine Spur Zitrusfrucht, Pfeffer im Abgang – ein Schluck Gin kann eine wahre Aromenbombe sein. Und er ist gegenwärtig...
  • Cocktail-Rezept
    Gin 'n' Vin
    Gin and Tonic mit Twist: Durch die Verwendung von Essig-Tonic bekommt der Kult-Drink eine erfrischende Note.
  • Cocktail-Rezept
    Gin & Tonic à la »Tür 7«
    Gerhard Kozbach-Tsai aus der Wiener Boutique-Bar »Tür 7« verfeinert den Cocktail-Klassiker mit Bitters.
  • Cocktail-Rezept
    Gin Basil Smash
    2008 erfand der Hamburger Barkeeper Jörg Meyer den »Gin Basil Smash«. Von der »Bar Le Lion« hat er sich seitdem in die ganze Welt verbreitet.
  • Cocktail-Rezept
    Gin Rickey
    Der »Gin Rickey« ist ein erfrischender Klassiker aus den 1880er-Jahren.
  • Cocktail-Rezept
    Ginger Rose
    Überraschend fruchtig, mit einer starken Ingwer-Note, überzeugt dieser Nespresso Cocktail.
  • Cocktail-Rezept
    Beeren »Gin«-Fizz
    Auf Basis des alkoholfreien Wacholder-Sirups entsteht diese »beerige« Mocktail-Kreation.
  • Cocktail-Rezept
    Gin Fizz
    Gin Fizz ist der ideale Drink für einen heißen Sommertag.
  • Cocktail-Rezept
    Basilikum-»Gin«-Limonade
    Im Mix mit Basilikum und Zitrone wird der selbst gemachte, alkoholfreie Wacholdersirup zum erfrischenden Drink.

Mehr zum Thema

News

Top 10: Cocktails mit Champagner

Champagner ist bereits pur ein exklusiver Genuss. Im Drink sorgt er für Eleganz und das besondere Etwas. Hier unsere Favoriten.

News

100 Jahre Negroni: Der Drink des Grafen

Campari, Gin und Wermut: Das sind die Zutaten des legendären Cocktail-Klassikers Negroni, der heuer 100 Jahre alt geworden ist und von dem es...

News

Eine Reise zur Insel eines einzigartigen Whiskys

Rauchig, torfig, intensiv – Die Destillerie Laphroaig hat die außergewöhnliche Natur der Insel Islay meisterhaft in einer Essenz eingefangen.

Advertorial
News

Monkey 47 & Lobmeyr bringen Affen ins Glas

Die Wiener Traditionsmanufaktur hat für den neuen Barrel Cut Gin aus dem Schwarzwald, der in Maulbeerbaumfässern reift, einen eigenen Tumbler...

Cocktail-Rezept

Improved Princeton Cocktail

Für diese Cocktail-Kreation wird Monkey47 Barrel Cut Gin unter anderem mit Portwein kombiniert.

News

Das Vienna Gin-Festival 2019

Das Vienna Gin Festival 2019 im Semperdepot Wien geht in die zweite Runde:

News

Der nächste Schritt der Gin-Evolution

Die Spitzenbrenner Reisetbauer, Hiebl, Parzmair und Farthofer haben sich mit Spirit-Experten Alexander Huprich zusammengetan und Hidden Gem Gin...

News

Wir verlosen sechs Flaschen »The Botanist« Gin

Gewinnspiel: Beantworten Sie zehn Fragen zum Thema Gin allgemein sowie zu »The Botanist« und Sie nehmen an der Verlosung teil.

News

Top 10 Hotspots für Gin-Lovers

Von Bars mit umfangreichem und außergewöhnlichem Gin-Sortiment bis hin zum Gin-Workshop – wir haben zehn Empfehlungen gesammelt.

News

Die besten Gin-Bars der Welt

Ein paar Gin-Flaschen stehen wohl in jeder Bar herum. Doch mit rund 1000 Abfüllungen kommt man in das Guinness-Buch der Rekorde.

News

Hendrick's Orbium »landet« in Österreich

Die streng limitierte neue Geschmacksvariation des Kult-Gins nimmt aus einem Paralleluniversum Anflug auf 15 heimische Bars.

News

Shortlist: Must-Haves für Gin-Fans

Wenn Sie mit neuen Highlights punkten und in Sachen Tischkultur vor dem Herbst noch mal aufrüsten wollen – hier gibt's einige ­Anregungen für...

News

Hendrick's-Mastermind Lesley Gracie im Falstaff-Talk

Falstaff sprach mit Hendrick's Gin Master Distiller Lesley Gracie über Innovationen, den neuen Orbium und heimliches Gin-Schlürfen aus Teetassen....

News

Barkultur: Sours – Wie alles begann

Eine der Wurzeln der Mischgetränke, die man gemeinhin Cocktails nennt, ist der nach wie vor populäre Sour. Heute bereitet man den Drink mit allen...

News

Hendrick's eröffnet Gin Palace in Schottland

Die spektakuläre Erweiterung der Gin-Distillery soll künftig noch mehr Platz für Experimente, Innovation und Neugierde bieten.

News

Bargespräch mit Gerhard Kozbach-Tsai

Falstaff spricht mit dem Besitzer der Wiener Kultbar »Tür 7« über die neue Faszination am Gin.

Rezept

Munich-Gin-Sorbet mit Schokoladen-Ganache und Himbeeren

Andreas Hillejan aus dem »Das Marktrestaurant« präsentiert ein raffiniertes Dessert mit Gin.

News

Die besten Cocktails mit Gin

Die Gin-Cocktails der besten Bartender sind alles, nur nicht langweilig. Von experimentierfreudig bis klassisch mit innovativen Akzenten reichen die...

News

Rick Spirit: Gewinne Bio-Gin aus der Steiermark

Der steirische Gin Fabrikant »Rick Spirit« lud zu einem Gin Workshop ein, bei welchem österreichische Barkeeper neue Drinks mit der Spirituose...

Advertorial
News

Prämierte Gin-Vielfalt aus Österreich

Bester Gin zum besten Preis! Entdecken Sie auf austrian-limited.at kuratierte Gin-Sets aus Österreich.

Advertorial