Wein aus Österreich: Bio-Boom in den 2010er-Jahren

Das Weingut Heinrich sieht seine Reben durch biodynamischen Anbau »widerstandsfähiger, vitaler und heterogener« werden.

© Sabine Gassenbauer

Das Weingut Heinrich sieht seine Reben durch biodynamischen Anbau »widerstandsfähiger, vitaler und heterogener« werden.

Das Weingut Heinrich sieht seine Reben durch biodynamischen Anbau »widerstandsfähiger, vitaler und heterogener« werden.

© Sabine Gassenbauer

Lange Zeit war er verpönt, der ökologische Weinbau. Seine Pioniere wurden belächelt, seine Notwendigkeit heruntergespielt. Begrünte Weingärten und der Verzicht auf chemisch-synthetische Spritzmittel und Dünger galten als ineffizient und irgendwie auch als sonderbar.

Doch dann kam das neue Millennium – und mit ihm die Wende. Biologisch produzierte Lebensmittel erlebten einen Boom, und auch der öko­­logische Weinbau legte in Österreich zu, und zwar ordentlich. (Hinweis: Top 3 Nachhaltigkeits-Trends)

Von 2000 bis 2017 stieg die Zahl der Bioweingüter im Land von 244 auf 667 an. Die ökologisch bewirtschaftete Rebfläche verzehnfachte sich in den letzten beiden Dekaden gar und lag 2019 bei rund 6500 Hektar. Damit wird heute etwa jeder sechste Hektar Weingarten in Österreich nachhaltig bewirtschaftet. Weltmeister sind die Österreicher damit zwar nicht, für einen Europameistertitel hinsichtlich des Anteils der Biorebfläche reicht es aber dann doch.

Als Pioniere wie der Nikolaihof aus der Wachau oder das Weingut Diwald aus der Region Wagram in den 1970ern auf die nachhaltige Wirtschaftsweise umstellten, waren sie alleine auf weiter Flur. Eine Zertifizierung gab es nicht und lediglich eine Handvoll Gleichgesinnte.

Noch vor dem Jahr 2010 änderte sich dies jedoch schlagartig. Immer mehr österreichische Spitzenwinzer interessierten sich plötzlich für ökologischen Weinbau, vor allem für die biodynamische Wirtschaftsweise, beruhend auf den Lehren Rudolf Steiners. Schlüsselfigur zu dieser Zeit war der im Jahr 2017 verstorbene Berater Andrew Lorand – ein charismatischer Botschafter der Biodynamie, der auf der Suche nach bester Traubenqualität und dem Schutz der Natur Weinmachern wie Fred Loimer, Bernhard Ott, Karl Fritsch, Gernot Heinrich und vielen weiteren Starwinzern eine Radikalkur für ihre Weingärten verordnete.

Er zeigte ihnen, wie sie ihren Böden wieder Leben einhauchen konnten, um damit ihre Weine auf ein neues Level zu bringen. Hörner wurden eingegraben, Mondzyklen beachtet, homöopathische Spritzmittel angerührt und Kompost ausgebracht.

Im Jahr 2007 schlossen sich letztlich einige biodynamisch arbeitende Spitzen­winzer – darunter unter anderem Loimer, Ott und Nittnaus – im Verein »Respekt« zusammen und sorgten vor allem durch die hohe Qualität ihrer Weine für eine große Sogwirkung beim internationalen Fach­publikum sowie bei den österreichischen Winzerkollegen.

Biodynamischer Weinbau war nicht nur en vogue, sondern galt plötzlich auch in Österreich als Grundstein für höchste Weinqualität. Eine wichtige Entwicklung, die dazu führte, dass konventionell arbeitende Winzer heute eher kritisch beäugt werden als die Biospitzenwinzer.

Wie wichtig die Umstellung auf nachhaltigen Anbau ist, zeigte sich vor allem in den letzten zehn Jahren. Nicht etwa nur, weil Winzer hierdurch bessere Weine produzieren, sondern vor allem wegen der mittlerweile deutlich spürbaren Auswirkungen des Klimawandels. Höllisch heiße Sommer und vermehrte Wetterkapriolen wie Hagel und Frost stellen die Winzer vor neue Herausforderungen.

Die Jahresdurchschnittstemperatur steigt, und mit ihr verschiebt sich die Vegetationsperiode nach vorne, was vor allem Spätfrost zu einer neuen Bedrohung macht. 2016 beispielsweise erlitten österreichische Winzer mancherorts genau deshalb bis zu 100 Prozent Ernteausfall. In Illmitz am Neusiedler See stieg die Durchschnittstemperatur von 1990 bis heute um ein Grad Celsius, Tendenz weiter steigend. Und im Sommer 2019 lag sie in Österreich gar bei 2,7 Grad Celsius über dem Mittel der Werte, die in der 254 Jahre alten Messgeschichte verzeichnet wurden.

Mit der steigenden Zahl an Sonnenstunden und damit höheren Temperaturen steigt auch der Zuckergehalt der Trauben – und mit ihm der Alkohol. Manch einer rief deshalb in den letzten Jahren schon den baldigen Tod des Grünen Veltliners aus, denn die Hauptrebsorte unseres Landes verwandelt ein Zuviel an Alkohol schnell in einen schwerfälligen, plumpen Tropfen, der alles andere als auf dem Gaumen tänzelt. Differenzierter sehen es Wissenschaftler, die grundsätzlich immer noch von einer Verbesserung des Weinklimas in Österreich sprechen und den bisherigen Sortenspiegel nicht in Gefahr sehen.

Dennoch besteht Handlungsbedarf. Kühlere Lagen für gewisse Sorten, nach Norden ausgerichtet oder am Waldrand, neue Erziehungssysteme und adäquates Laubmanagement etwa sind probate Mittel, um der Klimaerwärmung im Weingarten zu begegnen. Und diese beschäftigt derzeit alle Winzer weltweit, nicht nur jene in Österreich.

Die ökologische und biodynamische Wirtschaftsweise könnte mit ihrem ganzheitlichen Ansatz zudem eines der zentralen Elemente für die Zukunft des Weinbaus sein, denn mit ihr steigen Bodenleben und Biodiversität im Weingarten und somit auch die Widerstandsfähigkeit der Rebe im Hinblick auf die Herausforderungen des Klimawandels. So ließe sich der »Cool Climate«-Ruhm eines Weinlands wie Österreich vielleicht noch einige Zeit lang erhalten.

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