Was reizt uns an exotischen Aromen?

© Illustration: Gina Müller/carolineseidler.com

Was reizt uns an exotischen Aromen?

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Für viele Menschen können kulinarische Entdeckungsreisen gar nicht exotisch genug sein, während andere jedes geschmackliche Abenteuer scheuen. Diese individuellen Vorlieben lassen unmittelbare Rückschlüsse auf die Persönlichkeitsstruktur zu. Dazu ein Blick zurück: Vor 40 Jahren wären Sushi, Physalis und wohl sogar Pizza als exotisch durchgegangen und hätten mit dem Reiz des Unbekannten gelockt, während es heute dafür Kugelfisch, frittierte Insekten oder anderes mehr braucht. Womit bewiesen wäre: Die Aromen sind sekundär, es ging und geht in diesem Zusammenhang immer um das Ungewöhnliche, Andere, Neuartige, das viele Genießer anzieht – und aus psychologischer Sicht geradezu ein Kompliment für sie darstellt.

Visionäre Gourmet-Abenteuer

Sobald Kleinkinder mobil werden, steigt ihre Skepsis gegenüber ungewohnten Lebensmitteln – eine evolutionsbiologische Schutzfunktion vor potenziellen Vergiftungsgefahren. Je mehr sich unsere Persönlichkeit jedoch im Lauf der Zeit ausdifferenziert, desto größer werden individuelle Unterschiede bei geschmacklichen Vorlieben. Diese hängen eng mit den Persönlichkeitstheorien der Psychologie zusammen. Eines der bekanntesten und meist beforschten Modelle ist das Fünf-Faktoren-Modell von Costa und McCrae. Es unterscheidet fünf – über alle kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede hinweg gültige – Eigenschaften, die bei Menschen jeweils unterschiedlich stark ausgeprägt sein können: Offenheit für Erfahrung, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Extraversion.

Menschen, die eine Vorliebe für Abwechslung haben und gerne Neues ausprobieren,  haben vor allem eine hohe Ausprägung im Faktor »Offenheit für Erfahrung«: Sie gelten auch als kreativ, visionär, oft interessiert an Ästhetischem wie Kunst, Musik und Poesie und aufmerksam für eigene und fremde Emotionen. Menschen, die – auch bei der Kulinarik – gerne auf Nummer sicher gehen, weisen dagegen oft eine höhere Ausprägung in der Dimension »Neurotizismus« auf, sind eher unsicher und nervös, neigen zu Sorgen und Ängsten, zeichnen sich jedoch oft durch hohe Sensibilität aus.

Die Liebe zu exotischen Aromen deutet direkt auf eine positive Persönlichkeit hin. Auch angenehme Erinnerungen können vorlieben prägen, dank einer »Schnellstraße« im gehirn, die Geschmäcker und Emotionen verbindet. Wer das trainiert, kann ­dadurch sogar zu mehr Optimismus im Leben finden.

Exotik

© Illustration: Gina Müller/carolineseidler.com

Spannend dabei ist, dass gerade die Eigenschaften »Offenheit« und »Neurotizismus« zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr abnehmen. Heißt in kulinarischer Sicht: Die kulinarische Abenteuerlust sinkt dann bei den einen ein wenig, während die anderen sich nun doch das eine oder andere Experiment zutrauen. Eine Studie des Nestlé-Konzerns über die Ernährungsgewohnheiten in Deutschland aus dem Jahr 2009 zeigte, dass 64 Prozent aller Befragten gerne Gerichte aus anderen Ländern essen – bei den Jüngeren lag dieser Wert jedoch sogar bei 78 Prozent.

Neurobiologisch ist für die Lust am Neuen auf dem Teller und abseits davon zudem das Zuckerman’sche Modell des »Sensation Seekers« relevant: Dabei geht es um Menschen, die ein geringeres Erregungsniveau im Gehirn aufweisen und daher unbewusst ständig versuchen, ihre Gehirnaktivität über neue stimulierende Situationen in den optimalen Bereich zu steuern.

Ohne Umweg ins Gehirn

Die Neurobiologie spielt jedoch auch in anderer Hinsicht bei den Vorlieben für besondere Gerichte – genauer bei deren Gerüchen – eine Rolle. Dass der Duft von Speisen, Gewürzen und Getränken, die man einmal in der Ferne genossen hat, zum kurzen »Urlaub im Kopf« werden kann, liegt an einer Art Schnellstraße zwischen unserer Nase und dem limbischen System: jener Region in unserem Gehirn, die Emotionen verarbeitet.

Normalerweise durchlaufen Sinneswahrnehmungen die Gehirnregion des Thalamus als »Tor zum Bewusstsein«. Dort werden die Reize verarbeitet und erst in weiterer Folge bewusst wahrgenommen. Unsere Geruchsrezeptoren haben aber darüber hinaus eine direkte Verbindung zur Amygdala im limbischen System, wo Gefühle direkt ausgelöst und verarbeitet werden, und eine Vernetzung zum Hippocampus, wo unser Gedächtnis sitzt. Aufgrund dieser Vernetzungen ist es nicht verwunderlich, dass Gerüche und somit auch Speisen so vielfältige Wirkungen – von Erinnerungen an Kindheitserlebnisse bis zu solchen an Urlaube – bei uns auslösen können.

Aromen für die Seele

Wenn sich also durch exotische Speisen »Urlaubsfeeling« erzeugen lässt, stellt sich die Frage: Eignen sie sich damit nicht perfekt für Pausen vom Alltag und »Urlaub daheim«? Die Erfahrung aus der psychologischen Praxis sagt, dass das vor allem bei Menschen funktioniert, die ein Glas eher als »halb voll« denn als »halb leer« betrachten. Pessimisten neigen dazu, auf das zu fokussieren, was sie gerade nicht haben – den echten Meeresduft, das echte Meeresrauschen und den echten Urlaub. Optimisten fällt es hingegen leichter, sich daran zu erfreuen, dass sie die Muscheln schmecken und den Rest als Erinnerung aus ihrem Gedächtnis abrufen und »nach­erleben« können.

Studien aus dem Bereich der Positiven Psychologie deuten aber mittlerweile darauf hin, dass Optimismus auch Trainingssache ist und beispielsweise durch regelmäßige Dankbarkeitsübungen gesteigert werden kann. Es lohnt sich also, den Fokus regelmäßig bewusst auf die Dinge zu richten, mit denen wir bereits gesegnet sind. Gutes Essen zählt natürlich dazu. So können exotische Aromen letztlich sogar dazu beitragen, psychisch stabiler und widerstandsfähiger zu werden.

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Falstaff Nr. 08/2021
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