Vorweihnachtliche Weinspitzen

© Peter Moser

Weinverkostung

© Peter Moser

Verkostet wurden dieses Mal sechs Dreierflights, die stets einen gemeinsamen Nenner in Herkunft, Sorte oder Jahrgang hatten, einundzwanzig der insgesamt vierundzwanzig zu beurteilenden und verkosteten Weine hatten ihren Ursprung in Frankreich und kamen aus der Burgund, dem südlichen Rhônethal und aus Bordeaux.

Harmonischer Auftakt

Den Auftakt machte der wunderbar harmonische Champagne Louis Roederer Cristal des Jahrgangs 2004 aus der Magnum, der die Jury mit Frische und Mineralität auf die große Probe einstimmte. Es folgte ein trockener Weißwein, der einzige des Abends, der seine Rolle als Solist in jeder Weise verdiente. Man servierte den vielleicht eindrucksvollsten jungen Chardonnay der Welt, den Montrachet 2018 aus der Domaine de la Romanée-Conti, der sich seiner Jugend zum Trotz bereits sehr facettenreich zeigte. Die Domaine besitzt ein Rebfläche von exakt 0,6759 Hektar in diesem insgesamt knapp acht Hektar großem Grand Cru und kann daraus zwischen 3000 und 4000 Flaschen erzeugen. Kraftvoll und mit eindrucksvoller Komplexität ausgestattet sowie mit integrierte Holzkomponente verfügt dieser zukünftige Weißweingigant über eine beeindruckende Frische und Mineralität, wie man sie in der Welt des Weines nur sehr selten findet. Gerne hätte man ihm einige Stunden im Glas gegönnt damit er noch mehr von seinem faszinierenden Wesen zeigten hätte können, aber der erste Rotweinflight stand wartete bereits.

Das Bindeglied der ersten drei Weine war die Domaine Armand Rousseau in Gevrey-Chambertin im Burgund. Eröffnet wurde mit dem Chambertin »Clos de Beze« 2017, ein legendärer Grand Cru von etwas mehr als 15 Hektar, die Domaine Rousseau, gegründet von Armand Rousseau, der 1959 bei einem Autounfall verstarb, zum Weltstar entwickelt durch Charles Rousseau, der 2016 mit 93 Jahren ein kleines Burgunder-Imperium hinterließ und heute geführt von dessem Sohn Eric Rousseau, besitzt davon 1,42 Hektar.

Vom sagenumwobenen Grand Cru Chambertin mit insgesamt 12,9 Hektar, der im zweiten Glas aus 2017 folgte, hält Rousseau 2,55 Hektar. Dieser energische Wein mit seinen floralen, und von Kirschenfrucht dominierten Aromen und dabei straff, engmaschig und fast herrisch mineralisch-salzig im Abgang, ist eine der schönsten Ausdrucksformen der Rebsorte Pinot Noir überhaupt.

Weitere Rousseau-Ikone

Das dritte Glas brachte eine weitere Rousseau-Ikone auf den Tisch, diesmal in gereifterer Form, präsentiert wurde der Gevrey-Chambertin Clos Saint-Jacques aus 1988, der Wein stammt aus der allerersten Parzelle die einst Armand Rousseau 1954 für seinen Sohn Charles erworben hat, heute besitzt die Domäne bereits 2,22 Hektar dieses Spitzenterroirs mit insgesamt 6,7 Hektar. Kaum vorstellbar, dass 1954 ein Teil dieser heute sündhaft teuren Weinbergslage zur Erzeugung von Luzerne als Viehfutter diente. Schon in seiner Jugend war der Clos Saint Jacques 1988 ein sehr saftiger und reifer Vertreter seiner Appellation und zeigte sich konzentrierter als der Ruchottes, jetzt am Zenit seiner Trinkreife wirkte er elegant und fast schokoladige, mit einem Hauch von reifen Pflaumen und Orangen, und saftiger Länge sowie mit feinmineralischem Finale ausgestattet.

Burgunder Stars

Der zweite Flight führte eine Kilometer südlicher nach Vosne-Romanée, drei Grand Cru-Weine aus der Domaine de la Romanée-Conti standen am Programm: den Auftakt machte der fast infantile, aber graziöse Richebourg 2016, rotbeerig, duftend und kristallin, mit einem straffen Rückgrat und jugendlicher Delikatesse ein großes Versprechen für kommende Jahrzehnte. Eines sei vorweg gesagt: Am Ende aller Serien wurde dieser Wein zum besten Wein des Abends gewählt. Es folgte der La Tâche 1990, der zu den Paradeweinen dieser einzigartigen Lage zählt. Feine Röstanklänge, aber auch Minze und schwarze Trüffeln kündigen diesen Pinot-Giganten an. Saftige dunkle Beerenfrucht, etwas Nougat und große Finesse machen ihn zu einem spektakulären Trinkerlebnis.

Gereifte Klasse

Gereifte Klasse bot der Grands Échézeaux aus 1979, der aus einem kleineren Rotweinjahr entsprungen ist und doch die typischen Attribute seiner Herkunft vermitteln konnte. Eingelegte rote Kirschen und kandierte Veilchen im Bukett und tolle Balance und Eleganz gehen über in ein kristallin-frisches Finale von großer Delikatesse. Ein reifer Pinot Noir, der nicht mit Wucht sondern mit seiner verführerischen Fruchtsüße auch im Alter voll und ganz überzeugte.

Die dritte Serie war einem ganz besonderem Wein, dem Châteauneuf-du-Pape von Château Rayas gewidmet, einem Wein, der zwar bereits seit langem unter Kennern einen besonderen Platz einnimmt, der aber erst in jüngster Zeit auf den Sekundärmarkt ein Hoch erlebt wie kein anderer Wein von der Rhône und heute ähnlich teuer gehandelt wird wie die die besten Grands Crus der renommiertesten Burgunderdomänen. Dieser Wein der Familie Reynaud, ein reinsortiger Grenache, wächst auf kargen sandigen Böden und wird in gebrauchten Barriques für rund 20 Monate ausgebaut. Sein würziger, gehaltvoll, aber stets kühl und distinguiert wirkender Charakter unterscheidet ihn markant von seinen Appellationsgenossen, die oft aus bis zu dreizehn verschiedenen Rebsorten komponiert werden.

Im Jahr 1978 übernahm Jacques Reynaud die Leitung von Château Rayas und Fonsalette von seinem Vater. 20 Jahre lang bestimmte diese große Winzerpersönlichkeit die Qualität der Weine von Rayas, die in dieser Periode dank kräftiger Unterstützung durch Robert Parker zu internationalem Ruhm gelangten. Der amerikanische Kritiker hat sich sehr früh als Promoter der Weine aus Châteauneuf-du-Pape profiliert und Château Rayas mit seinen hohen Bewertungen eine große Aufmerksamkeit verschafft. Neben dem Château Rayas wird ein weiterer Châteauneuf-du-Pape vinifizert, der den Namen Pignan trägt.

Im Keller gleich behandelt stammt das Traubengut für den Pignan aus jüngeren Anlagen. Als Jacques Reynaud im Jahr 1997 verstarb, gingen die Güter auf seinen Neffen Emmanuel über, der bereits seit 1989 mit der Domaine des Tours einen anderen Betrieb der Familie Reynaud führte und heute mit seiner Mannschaft gleich drei Weingüter zu leiten hat. Dass dies der herausragenden Qualität von Rayas nicht geschadet hat, sondern die Weine unter Emmanuel weiter an Präzision gewonnen haben, davon konnten sich die Verkoster im Vergleich der Jahrgänge 2009, 2005 und 1995 überzeugen. Insbesondere der 2009 mit seinen ausgeprägten Nuancen nach Preiselbeeren, Lakritze, Tabak und Velourleder gepaart mit Finesse und Komplexität sollte diesem Weltklasse-Grenache am Ende den fünften Gesamtrang einbringen.

Traditionsreicher Reigen

Mit dem vierten Durchgang wurde der in dieser Probe bereits traditionsreiche Reigen der Bordeaux-Weine eröffnet. Und zwar mit drei Vertretern des Jahrgangs 1982. Hier entstanden, einmal abgesehen von den Regionen mit leichten Schotterböden wie im Graves oder Margaux durchwegs exzellente und auch sehr langlebige Weine. Speziell das nördliche Médoc glänzte mit grandiosen Weinen. Was 1982 von den vorangegangenen großen Jahren der Nachkriegszeit unterschied, war die deutlich größere Zahl an echten Spitzenweinen. Alle drei Weine kamen aus der Appellation Pauillac und sie heißen Château Latour, Château Mouton-Rothschild und Château Pichon-Comtesse de Lalande. Ersterer ehrfurchtgebietend mit strammen Tanninen, aber zart animalisch, gefiel mit Schoko- und Beerennoten, der Mouton wirkt zugegebener Weise in dieser Flasche etwas reifer als erwartet, dabei süß, aber doch auch ein wenig in die Jahre gekommen. Brillant hingegen präsentiert sich die Comtesse, ein All-Time-Liebling vieler Verkoster, die natürlich ebenfalls Flaschenschwankungen unterliegt. Diese Bouteille war makellos und bot noch einmal all jenen Charme auf, der diesen Wein aus diesem Jahrgang zu Recht so berühmt gemacht hat. In der Gesamtwertung setzte ihn die Jury schließlich auf den vierten Rang.

Nun folgte der Bordeaux-Jahrgang 1990, ein Jahr indem so gut wie alle Spitzenwein in Bordeaux auf höchstem Niveau geliefert haben. Angesetzt war eine Treffen der Giganten: Cheval Blanc, Margaux und Haut-Brion, allesamt auf dem Höhepunkt ihrer Trinkreife. Die besten Weine des Médoc zeigten 1990 eine außerordentliche Präzision, sie sind konzentriert, sehr tanninreich und kraftvoll. Margaux, St. Estephe und Pessac-Léognan sind weniger konsistent in der Qualität wie die Appellationen Pauillac und St. Julien. Die am rechten Ufer heißen Bedingungen bekommen den Merlots oft nicht so gut, aber es gibt natürlich Ausnahmen. Zu diesen zählt der süße, exotisch-würzige Cheval Blanc, der die 100 Punkte gepachtet zu haben scheint und den auch diesmal nicht einmal der superbe Margaux niederringen konnte. Und doch reichte es in der Gesamtwertung diesmal nur für den dritten Rang.

Die sechste und letzte Vergleichsserie brachte das Thema Merlot und den Jahrgang 2016 auf den Tisch und die Jury bekam es in dieser jungen Runde mit den vielleicht weltweit besten Sortenvertretern zu tun. Das standen nun die Pomerol-Legenden Pétrus und Le Pin ihrem italienischen Herausforderer, dem Masseto aus der toskanischen Maremma gegenüber. Ohne Zweifel gibt es weit weniger vergnügliche Aufeinandertreffen, aber leicht war die Entscheidung sicher für keinen der Verkoster, sich angesichts solcher Klasse und Opulenz für einen der drei Weine zu entscheiden. Am Ende war die Sache aber doch klar, die große Mehrheit stimmte für den »König der Garagenweine«, den an diesem Tag fast unschlagbaren Le Pin. Er belegte schließlich den zweiten Platz der favorisierten Weine, der Sieger dieses denkwürdigen Abends war der Richebourg 2016 der Domaine de la Romanée-Conti.

Unerwartete »Draufgaben« 

Nach dem Ende der offiziellen Juryarbeit wurden die Juroren mit unerwarteten »Draufgaben« belohnt, die es in sich hatten, nun aber offen genossen werden durften. Als Reminiszenz an die Burgunderserien kam nun der Romanée-Conti 2016 ins Glas, ein önophiler »Kindermord« der Extraklasse, aber auch nichts weniger als ein alle Sinne ergreifender Genuss, der jeden Menschen erkennen lassen muss, warum gerade dieser Wein einen Ruf hat wie Donnerhall und warum auch exorbitante Preise für dieses Gewächs aufgerufen werden. Das Genießen eines derartigen Weines mag als dekadent erscheinen, aber halten wir es lieber mit einem Ausspruch den bekannten Weinpfarrers Hans Denk, der einst sagte: »Das andächtige Trinken eines großes Weines ist auch eine Form der gemeinsamen Wertschätzung von Gottes Schöpfung.« Und diese Aufmerksamkeit wurde ohne Zweifel auch der Flasche der Napa Valley-Ikone Screaming Eagle 2007 zuteil, die das Finale dieser großartigen Probe bildete. Zum Abschluss wurden bei Käsebuffet und Dessert noch Château d’Yquem 1975 und ein Colheita-Port 1959 aus dem Hause Niepoort angeboten, die diesen einzigartigen vinophilen Reigen würdig abrundeten.

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