© Covet House

Der Sommer wird bunt – aber nicht ausschließlich. Denn während Farben und Designs auf der einen Seite so richtig knallen, schlägt man auf der anderen Seite ruhigere Töne an. Warum das so ist und was Farben sonst noch so alles können, hat LIVING bei zwei Expert:innen nachgefragt

08 . Juni 2022 - By Manfred Gram

Es ist jetzt kein besonders großes Wagnis, zu behaupten, dass die Welt der Farben faszinierend ist. Alleine schon die Art und Weise, wie man sich dem Thema nähern kann, zeigt, wie ergiebig es ist. Geht man es physikalisch an oder doch psychologisch? Wählt man einen soziokulturellen Zugang und streift dabei Anthropologisches, oder richtet man seinen Fokus auf industrielle Aspekte? Auf aktuelle Farbtrends bei Interior und Wohnaccessoires zum Beispiel.

Tut man dies, landet man ziemlich schnell beim amerikanischen Farbhersteller Pantone, der mit seinen kolorierten Trendvoraussagen einen milliardenschweren Markt bedient. Jedes Jahr, kurz vor Weihnachten, tut er dies unter riesigem Interesse. Dann wird nämlich die Farbe des kommenden Jahres verkündet. 2022 ist das bekanntlich der lila Farbton »Very Peri«. »Eine Mischung aus Blau und Rotviolett, die den globalen Zeitgeist perfekt einfängt und für optimistischen Wandel steht«, interpretiert die Farbpsychologin und Künstlerin Silvia Prehn.

Prehn beschäftigt sich bereits ihr ganzes Leben mit Farben und ihren Wirkungen auf den Menschen und zählt seit Jahren zu den gefragtesten Farbexpertinnen im deutschen Sprachraum. Ihr ist aufgefallen, dass dieses hyperreale »Very Peri«-Lila, das sehr an das Licht von Computerscreens erinnert, perfekt mit kräftigen Grüntönen harmoniert. Das trifft sich insofern gut, da Grün in all seinen Facetten ein sehr bestimmender Farbton in diesem Sommer ist. »Eine spannende Kombination jedenfalls, die es vermag, in Räume eine gewisse Ruhe zu bringen«, zeigt sich Silvia Prehn über die Kombi, über die man diese Tage öfters stolpert, begeistert.

Raum-Koloratur

Es sind nicht die einzigen Anstriche, die gerade für farbliche Tupfer sorgen. In den aktuellen Color-Reports für Mode-, Textil-, und Interior-Branche stehen zudem Pastell-farben, vor allem zartes Rosa und Hellblau, kräftige Farben, die bunt auf die Sinne knallen, und – quasi als Gegenschuss – beruhigende Erdtöne hoch im Kurs. Ein Widerspruch, eine Art farblicher Borderline-Exzess? Nicht wirklich, wie Interieur-Designerin und Lebensraumconsulterin Marie-
Sophie Wilhelm weiß: »Farben sind immer auch ein Spiegel des Zeitgeistes und reflek­tieren Geschichte mit Psychologie. In einer postpandemischen Zeit will man sowohl optimistisch als auch beruhigend stimmen.«

»Farbempfindungen entstehen aus Erfahrungen und prägen uns schon ab der Geburt.« – Silvia Prehn, Farbpsychologin und Künstlerin, farben-seminare.de

© Foto beigestellt

Das erklärt zumindest einmal im Ansatz, warum es diesen Sommer allerorts so bunt getrieben wird und monochromer Minimalismus ein wenig ins Hintertreffen gelangt ist. »Nach allen Herausforderungen der Zeit, wie Pandemie und politische Unruhen, benötigt der Mensch Leichtigkeit und eine gewisse Buntheit. Die Vielfalt der Farben vermittelt auch Freiheit und der Mensch lässt sich nicht in ein einziges Farbschema pressen«, geht die Analyse von Farbpsychologin Silvia Prehn in dieselbe Richtung. Zudem verstärken und unterstreichen die aktuellen Trendfarben Tendenzen, die sich in den letzten Jahren beobachten ließen. Die knalligen, bunten Farben und Muster finden ihre Entsprechung im gerade grassierenden Maximalismus. Nichts ist trauriger als außergewöhnliche Formensprache, die nicht gesehen wird.

Parallel dazu harmonieren die zarten, hellen Pastellfarben perfekt mit natürlichen Materialien und schaffen Ruhe ohne Fadesse. Eine ähnliche Wirkung wird übrigens auch den erdigen Tönen nachgesagt. Die sind ­allerdings mit etwas Vorsicht zu genießen, denn so sehr diese Farbfamilie gut fürs ­Gemüt ist, sie lässt Räume immer ein wenig kleiner wirken, als sie tatsächlich sind. Das ist auch nicht unbedingt immer ­erwünscht.

Was Farbe kann

»Farben beeinflussen unsere Psyche und dadurch auch unseren Körper. Mit Farben steuern wir Glücksgefühle und generieren Emotionen«, bringt die Raumgestalterin Marie-Sophie Wilhelm die psychologischen Rahmenbedingungen knackig auf den Punkt. Das nennt man mitunter auch Farbwirkung. Und die ist relativ gut erforscht. »Farbe motiviert, sie bildet ab, sie teilt Botschaften mit«, erklärt die Farbpsychologin und Künstlerin Silvia Prehn und geht ins Detail: »Farben werden sensorisch wahrgenommen. Das beeinflusst das allgemeine Wohlbefinden und kann auch Unbehagen hervorrufen. Vor allem dann, wenn die Farbsprache versucht, Naturgesetze außer Kraft zu setzen.

»Farben sind tief in unserem Gehirn verwurzelt, da wir sie permanent um uns haben.« – Marie-Sophie Wilhelm, Lebensraumconsulterin, marieinterior.com

© Foto beigestellt

»Ein weißer Fußboden und eine pechschwarze Decke widersprechen diesen Naturgesetzen: Der Mensch würde in einer solchen Raumgestaltung krank werden.« Man sieht, das Farbpendel geht auch in die andere Richtung. Deswegen ist es gut, einige Konstanten der Farbenlehre zu verinnerlichen, wie Marie-Sophie Wilhelm weiß: »Die Bedeutung von Farben kann sich zwar kulturell unterscheiden, aber prinzipiell gilt: Rot steht für Energie, Orange für Kreativität, Gelb strahlt Positives aus und Grün Natürlichkeit und Blau ist die beliebteste Farbe der Welt und symbolisiert Ruhe und Vertrauen.«

Wilhelm hat übrigens auch noch einen ­wesentlichen Tipp aus ihrer Praxiserfahrung parat: »Was immer unterschätzt wird, ist die Einwirkung des Lichts. Nur mit dem richtigen Licht erschafft man das gewünschte ­Wohlbefinden und Lebendigkeit. Die falsche Lichtsetzung reflektiert Farben an Wänden und Textilien nicht wie gewünscht und ­zerstört Eindrücke.« Dann kann es mit
der faszinierenden Welt der Farben schnell vorbei sein.

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