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Die Virgin Islands von Puerto Rico

Die Virgin Islands von Puerto Rico

Entdecken Sie die verblüffende Traumdestination

Text: Melanie Gleinser-Moritzer

Üppige Dschungellandschaften, vergessene Inselschönheiten und ein kompliziertes Verhältnis zur USA, das durchaus auch Vorzüge hat: Puerto Rico ist eine verblüffende Traumdestination, die durch Abgeschiedenheit punktet – und ihre eigenen Virgin Islands hat.


Unberührte Wildnis: Die Tropeninsel Puerto Rico ist überraschend vielfältig: Die Regenwälder im Hochland sind dicht, viele Besucher kommen hierher zum Birdwatching.

 

Plant man einen Urlaub in der Karibik, fallen einem unweigerlich die Britischen wie US-amerikanischen Jungferninseln ein. Die beiden sind bekannt für ihre luxuriösen Resorts und ihre exklusive Klientel. Nur einen Steinwurf davon entfernt (und das im fast wortwörtlichen Sinne) liegen die Puerto-Ricanischen Jungferninseln Vieques und Culebra mit ihren Nebeninseln. Vergessen und verschlafen. Ein Synonym für die ganze Region.


The wild boys: Ungefähr 2000 Wildpferde leben auf der Insel Vieques. Die meisten davon lassen  sich nicht einfangen, nur einzelne konnten gezähmt werden. Ihr Lieblingaufenthaltsort: Sun Bay Beach im Süden der Insel.

 

Denn Puerto Rico steht nur bei wenigen Karibik-reisenden auf der To-go-Liste, es fungiert maximal als Start oder Ende einer Kreuzfahrt. Wer nur einen kurzen Stopover in der Hauptstadt San Juan macht und die Altstadt begeht, verpasst allerdings allein hier schon viel. Denn außerhalb der Altstadt erstrecken sich bereits kristallklare Strände, die nur einen Ausblick geben auf  das, was einem auf der Karibikinsel begegnen kann. Aber auch San Juan lädt bereits für einen wochenfüllenden Aufenthalt ein – vor allem für historisch Interessierte: Die erste Siedlung entstand bereits 16 Jahre, nachdem Columbus das erste Mal auf den West-Indies anlegte. Die 1540 fertig gestellte Kathedrale von San Juan ist die zweitälteste Kirche in der Neuen Welt, auch die Festung stammt aus ebenjenem Jahr und ist bis heute die Residenz des Gouverneurs. Dank einer weitsichtigen Führung ist die Altstadt gut erhalten und bereits seit 1972 „National Historic District“, was der Lebensfreude der Einheimischen keinen Abbruch tut: Man hat keineswegs das Gefühl in einem Outdoor-Museum zu sein, sondern in einer lebendigen und vor allem aufgeräumten Stadt, wie es sonst selten ist für die Karibik. Das merkt man vor allem, wenn man die Altstadt mit ihren touristischen Hotspots verlässt und Richtung Westen, Richtung Flughafen, fährt. Dort gibt es Viertel, die mit ihren Ateliers, Bars und Galerien auch in Europa stehen könnten: In alten Haciendas und niedrigen Häusern im Bauhaus-Stil findet man spannende Orte der Begegnung, die alles auf einmal sein können: Kinderspielplatz und Restaurant, Bar und Atelier. Einzig die obligatorischen Margaritas, die zu jedem Essen serviert werden, erinnern daran, dass man nicht in Berlin-Mitte oder Tel Aviv ist.


Zeitzeugen Natur: Unberührte Buchten und glasklares Wasser in einem Gebiet, das vor zwanzig Jahren noch militärisches Sperrgebiet war.

 

Sobald man San Juan und diese Bubbles aus historischem Eklektizismus und internationalem Hipster-Lifestyle verlässt, ändert sich das Bild neuerdings: Straßen und Autos sind breit und groß, man merkt die Nähe zu Amerika, auch die ungesunde Ernährung, die zwischen Fast Food und karibischer Tristesse changiert (Reis und Bohnen) weckt Assoziationen mit den USA. Zumindest optische. Ansonsten spricht man durchgängig Spanisch, Englisch wird in der Landbevölkerung nur holprig bis gar nicht verstanden. Und man beginnt zu grübeln: Was ist das eigentlich, dieses Puerto Rico? Ein Freistaat, ein Außenposten der USA, eine vergessene Region, die an Schönheit mehr zu bieten hat als ihr Aushängeschild J. Lo? Definitiv

Rückblicke und Einblicke

Warum hier der Tourismus so verschlafen ist und nur wenige Ausländer – abgesehen von Exil-Puerto-Ricanern – herkommen, erfährt man erst, wenn man Vieques bereist. Die größte der Puerto-Ricanischen (oder Spanischen) Jungferninseln erreicht man nur auf einer abenteuerlichen Fähre, die eine Stunde braucht, um vom Festland überzusetzen. Angekommen, wird man von gackernden Hühnern begrüßt, hinter denen sich windschiefe, aber fröhlich-bunte Hütten auftun und überdimensionale Pick-ups warten, um die wenigen Gäste in eine der Unterkünfte zu bringen. „Gute Gäste“ haben sich vorbereitet und steigen sofort um in einen Golf-Caddie, dem offiziellen touristischen Fortbewegungsmittel auf der Insel, mit dem sich auch die einsamsten Buchten spielerisch erkunden lassen.

Deren Schönheit verblasst schnell ob der Geschichte: Von 1941 bis 2003 wurde Vieques von der US-amerikanischen Navy als Manövergebiet genutzt. Erst massive Proteste der Bevölkerung, die in einem tödlichen Zwischenfall endeten, brachten ein Umdenken: Die Insel wurde fluchtartig verlassen, zurück ließ die Navy Sperrgebiete und eine Bevölkerung, die viele Jahrzehnte an Tourismusentwicklung verschlafen hatte


Altes und Bewährtes: San Juan wurde bereits 1508 besiedelt. Viele alte Gebäude aus dieser Zeit stehen noch und zählen zum UNESCO- Weltkulturerbe wie etwa das Fort.

 

Heute, 17 Jahre später, hat sich die Bevölkerung weitgehend erholt – sowie auch die Natur. Die Menschen leben in ihrer eigenen Welt, die etwas aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Nicht nur die obligaten Golf-Caddies erwecken einen fast surrealen Eindruck, wie er aus einem Wes Anderson’schen Film stammen könnte, sondern auch die Wildpferdpopulation. Die schlanken, zierlichen Tiere grasen am Straßenrand, tummeln sich in den Buchten oder beobachten aus sicherer Distanz die Supermärkte. Wenige lassen sich zähmen, aber umso pittoresker ist der Anblick, wenn man einen kleinen Jungen stolz und ohne Sattel auf einem Gaul reiten sieht. Über 2000 Tiere leben einträchtig neben den Menschen. Berührungspunkte gibt es wenige, aber der Anblick morgens auf der Terrasse, wenn man seinen Blick über unberührte Natur bis zum Ozean gleiten lässt und sich die Wildpferde vor dem Hotel ein Stelldichein geben, ist unvergesslich.


Überspühende Freude: In den Gassen blüht das Leben –  aber nicht nur in der kolonial geprägten Altstadt, sondern auch  in den Vororten.

Blaue Wunder

Die Tiere tun, was sie wollen, die Bevölkerung lässt sie walten und schalten und geht behutsam mit ihrer Natur um. Die besteht nicht nur aus atemberaubenden, filmreifen Stränden – Teile von „Fluch der Karibik“ wurden hier gedreht – und üppiger tropischer Vegetation, sondern auch aus einem besonderen Naturspektakel: der Bio-Bay, Kurzform für Bahía Bioluminiscente. In einer der vielen Buchten der Insel, der Mosquito-Bucht, herrscht eine einzigartige Balance aus Temperatur, Frischwasserzufuhr aus dem Meer und Mikrosystem, das sich aus den Mangrovenwäldern speist, die ein faszinierendes Naturphänomen ermöglichen. Durch diese Balance konnte sich eine besondere Art von Plankton ansiedeln, die sogenannten „Dinos“, die bei Berührung fluoreszieren.

Man kann es sich nur schwer vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat, aber es lässt sich so beschreiben: Man steigt abends in ein Kanu mit Glasboden und fährt in die dunkle Nacht hinaus, über einem funkelt nur die Milchstraße, wie man sie nur noch selten erleben darf, und plötzlich paddelt man in Feuer. Kaltem, blauem Licht zwar, aber wie Feuer. Durch Berührung hat das Plankton begonnen zu leuchten. Es ist ein kurzes Aufbäumen, das innerhalb weniger Sekunden erlischt, aber mit jedem Ruderschlag leuchten neue Planktonschwärme auf. Hebt man die Hand aus dem Wasser, perlt das leuchtende Plankton herab und man schwelgt schnell in einer Glückseligkeit, die nur solch atemberaubende Naturschauspiele liefern können.


Statusfrage: Sie haben eine eigene Flagge, aber keinen Pass: Puerto Rico hat ein kompliziertes Verhältnis zur USA, was viele Einwohner selbst nicht verstehen.

 

Vielleicht ist deshalb auch das Hotelangebot überschaubar. Neben dem „Hotel El Blok“ im Süden der Insel, im kleinen Örtchen Esperanza, ist nur nur noch das „Hix Island House“ erwähnenswert, dafür mit Ausrufezeichen. Esperanza, dessen Eingang das „El Blok“ markiert, besteht im Grunde nur aus einer Straße, an der sich jedoch ein spannendes Restaurant an das nächste reiht. Man isst Hummer und andere frische Meeresfrüchte, aber auch hippe Ceviche und Hummus mit Falafel. Es erinnert hier alles an Thailand in den frühen Nullerjahren, bevor der Film „The Beach“ einen Backpacking-Hype auslöste und der Massentourismus das Land überflutete wie der Tsunami. Ähnlich ist auch das Publikum wie anno dazumal in Asien: jung und unaufgeregt. Weiter hinten, im Landesinneren, hat sich Star-Architekt John Hix einen Traum verwirklicht, der nicht nur die Herzen von Architekturfans höherschlagen lässt. In der Tradition brutalistischer Architektur hat er auf einem riesigen Areal, mitten im Dschungel und auf dem höchsten Punkt der Insel, Villen aus Sichtbeton gebaut, die wohl für die gesamte Karibik einzigartig sind. Man fühlt sich hier enthoben von jeder Alltagsrealität: Wildpferde, Dschungel und die nächtliche Milchstraße sind die einen Koordinaten, die andere Achse wird bespielt von einem großartigen, vor Kreativität sprühenden Raumkonzept.

Man kann hier alles andere vergessen: Über die Insel zieht sich ein tiefer Frieden, den sich die Bevölkerung so sehr verdient hat. Es bleibt nur zu hoffen, dass zukünftige Besucher von Vieques und infolge auch der viel kleineren Nachbarinsel Culebra dieses Erbe zu schätzen wissen. Die beiden Jungerninseln sind einzigarte Juwelen in der Karibik – und viel gereiste Besucher werden erkennen: in der gesamten Welt


Guten Appetit! US-Amerikaner lieben Hummer und diese Vorliebe haben die Puerto Ricaner übernommen. Auf Vieques isst man sie wie Burger. Oft und schnell.

 

 

Picture Credits: mauritius images / Stefan Hefele / Alamy / Dan Galic, mauritius images / Walter Bibikow, Unsplash/Ramiro Callazo, Getty Images, Stocksy,