Portugal für Entdecker

Atemberaubende Landschaften und Kulinarik auf höchstem Niveau: All das bietet Portugal.

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Atemberaubende Landschaften und Kulinarik auf höchstem Niveau: All das bietet Portugal.

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Bis ins späte 19. Jahrhundert war eine Reise in das Douro-Tal beschwerlich. Das Fleckchen Erde war schlicht und einfach abgelegen. Um es über Land von Porto aus zu erreichen, brauchte es Tage, und eine Bootsfahrt war nicht weniger einladend. Schließlich galt es, gefährliche Stromschnellen zu überwinden. Joseph Forrester, ein britischer Weinhändler und Kartograf, ertrank im Jahr 1861, als sein Boot auf der Fahrt ins Douro-Tal kenterte. Die mächtigen Strömungen zogen ihn unter Wasser, nur die Damen, die mit ihm unterwegs waren, überlebten, über Wasser gehalten von ihren Reifröcken. Zwölf Jahre nach Forresters Tod begannen die Arbeiten für eine einspurige Eisenbahnlinie, die sich von Porto in Richtung der spanischen Grenze erstreckte. Durch rund zwei Dutzend Tunnel und über noch mehr Brücken sowie durch das heutige UNESCO-Weltkulturerbe – das Douro-Tal. Die Eisenbahnlinie war revolutionär und machte den Weg von der Hafenstadt Porto bis zu den Weinbergen im Douro zu einem vergleichsweisen Katzensprung.

Beide Orte sind seit jeher eng miteinander verknüpft, schließlich wurden hier schon immer die Weine für die Portweinproduktion in Porto oder genauer in Vila Nova de Gaia, wo sich die Keller der Portweinhäuser befinden, produziert. Heute ist das Douro-Tal für weit mehr bekannt als für Portwein und dank neuer Straßen und sicherer Bootswege deutlich einfacher zu erreichen. Die Zugfahrt durch die unglaublich steilen Weinbergterrassen des Douro-Tals gehört jedoch nach wie vor zu den spektakulärsten auf der ganzen Welt. Wir sind an diesem Tag mit dem Auto unterwegs und kämpfen uns Serpentine um Serpentine hoch. Unser Ziel: die Quinta do Crasto zwischen Régua and Pinhão.

Ein altehrwürdiges Haus, gelegen auf einem von Reben umgebenen und wie eigens dafür geschaffenen Hügel. Die Geschichte des Weinguts reicht weit zurück, bis ins Jahr 1615. Damals erscheint der Ort zum ersten Mal in den Geschichtsbüchern, noch lange bevor im Jahr 1756 das Douro als erstes Weingebiet überhaupt eine geschützte Herkunftstbezeichnung wurde. Schon damals galten die Lagen der Quinta do Crasto als »feitoria«, was der höchsten Klassifikation der Zeit entsprach. Seit über einem Jahrhundert befindet sich die Quinta do Crasto im Besitz der Familie von Leonor und Jorge Roquette.

Vor knapp vierzig Jahren übernahmen sie das Weingut und schafften gemeinsam mit ihren Söhnen Miguel und Tomás die Grundlage für die Zukunft. Neben Portwein produziert man heute vor allem gehaltvolle Rotweine, die zu den besten der Region gehören. »Das Terroir hier ist überaus divers. Die Bodenbeschaffenheiten sind allein auf unserem Stück Land völlig unterschiedlich. Auch das Alter der Reben ist einzigartig, ein Teil der Stöcke ist über hundert Jahre alt. Ein wahrer Schatz«, erzählt uns Tomás Roquette.

Heute ist man aber nicht nur Weingut, sondern auch ein kleines exklusives Boutique-Hotel. Der Infinity-Pool des Hauses, gestaltet von Eduardo Souto de Moura, bietet einen der spektakulärsten Ausblicke über das Tal überhaupt. Eine willkommene Abkühlung, nachdem wir uns bis an die Spitze der Rebberge des Weinguts gekämpft haben. Weit oben in einer Einzellage entsteht der Vinha Maria Teresa, einer der Kultweine des Hauses. Die älteste Parzelle des Hauses ist mit unterschiedlichsten Rebsorten bestockt, wie es vor hundert Jahren im Douro üblich war. Denn starb ein Rebstock, wurde er einfach durch eine verfügbare Sorte ersetzt.

Das kulinarische Herz

Westlich von Lissabon, im Landesinneren, liegt das Alentejo, das »Kalifornien Portugals«, wie es auch gerne genannt wird. Als wir aus dem Auto steigen, ist dieser Vergleich förmlich spürbar, denn es ist heiß.

Viele Top-Erzeuger haben sich hier einen Namen mit Weinen aus internationalen Sorten und fernab von traditionellen Vorgaben erarbeitet, dennoch sind alteingesessene Rebsorten, die es in Portugal zuhauf gibt, wieder auf dem Vormarsch. Iain Richardson von der Herdade do Mouchão nicht unweit des kleinen Dörfchens Estremoz wirkt wie ein kultivierter Indiana Jones. Sein Herz hat er an die Sorte Alicante Bouschet verloren, über die er eigens ein Buch geschrieben hat. Seine Arbeit auf Mouchão war mit dafür verantwortlich, dass die Rebsorte heute eine Heimat im Alentejo gefunden hat. Das Weingut selbst scheint wie aus vergangenen Zeiten und so angenehm verschlafen, dass man beim Besuch in eine wohlige Ruhe verfällt. Hier ticken die Uhren noch anders. Bis ins Jahr 1991 arbeitete man gänzlich ohne Elektrizität. Gründer Thomas Reynolds verlagerte seinen Lebensmittelpunkt Anfang des 20. Jahrhunderts von Porto ins Alentejo, mit der Absicht, vom florierenden Geschäft mit Kork zu profitieren. Weite Teile der Region sind mit Korkeichen bestückt, und ein Großteil der Korken, die in der Weinwelt verwendet werden, stammt aus dem Alentejo.

Richardson erzählt uns von der Zeit nach der Revolution im Jahr 1974, als das Weingut verstaatlicht wurde und erst 1985 wieder in die Hände der Familie fiel. Über diese Zeit redet man in Portugal wenig – nicht so Richardson. Er ist ein Traditionalist, der die spezielle Historie von Mouchão erhalten möchte. »Wir wollen Weine auf die alte Art und Weise machen«, erzählt er uns. Das geschieht rudimentär und dennoch so, dass seine Weine zu den besten in ganz Portugal gehören. Allen voran seine Alicante Bouschet, die uns mit offenem Mund zurücklassen.

Das Alentejo gehört mit seiner unberührten Natur, der einzigartigen Geschichte und exquisiter Kulinarik zu den Geheimtipps unter Portugalreisenden.

Eine Stunde weiter südlich besuchen wir die im Herzen des Alentejo gelegene Herdade do Esporão. Erster Stopp auf unserer Tour: ein eigens eingerichteter Sortengarten mit 189 verschiedenen Varietäten, der dabei helfen soll, jene Sorten ausfindig zu machen, die in Zukunft infolge des Klimawandels von Bedeutung sein könnten. »Wir sind dabei, die Rebsorten zu testen, stellen daraus Kleinstmengen Wein her und können anschließend entscheiden, welche Sorten wir auf größeren Flächen anbauen möchten. Außerdem erhalten wir dadurch viele Sorten, die vielleicht irgendwann verschwinden werden,«, erzählt uns Weinmacher David Baverstock.

Die Erhaltung der alentejanischen Kultur ist eine der großen Aufgaben, die Esporão am Herzen liegt. Vor etwas mehr als zehn Jahren fand man bei der Pflanzung eines neuen Weinbergs auf der Herdade dos Perdigões in der Nähe von Reguengos de Monsaraz zufällig einen Komplex, der zwischen 3500 und 2000 vor Christus erbaut wurde. Die Relikte der Ausgrabungen besichtigen wir im Wahrzeichen des Guts, dem weißen Esporão-Turm. Esporão ist ein eigener kleiner Kosmos. Wir gönnen uns an der Bar ein hauseigenes Indian Pale Ale, und später kommen wir in den Genuss einer Degustation des Olivenöls, das hier seit Anfang der 1990er-Jahre hergestellt wird. 2016 errichtete man eine eigene Olivenmühle, um alle Schritte der Produktion selbst im Griff zu haben und feinste Justierungen im Prozess vornehmen zu können. Entworfen wurden die modernen, ansprechenden Gebäude vom Architekten Miguel Oliveira. Esporãos Olivenöle spielen qualitativ in einer der höchsten Ligen, davon überzeugen wir uns bei einem Picknick auf der Terrasse mit kleinen Gerichten aus dem Restaurant des Weinguts. Die Küche ist terroirgetrieben und schafft es, traditionelle alentejanische Gerichte in ein neues Zeitalter zu über­tragen.

Natürlicher Luxus

Eine gewisse kalifornische Goldgräberstimmung ist dem Alentejo nicht abzusprechen. »Um knapp 10.000 Euro kann man hier einen Hektar Land erwerben«, erzählt uns João Soares, der Eigentümer von Malhadinha Nova, unserer nächsten Station. Gemeinsam mit seiner Frau Rita hat er ein wahres Kleinod geschaffen, das uns ins Schwärmen bringt. Hier galoppieren Pferde frei auf der schier endlosen Fläche des Guts. Dazu grasen Kühe auf den Weiden, und alentejanische Schwarzschweine fressen die Früchte der Korkeichen. Unsere Erkundung des Landguts mit dem Jeep kommt einer Safari gleich. Wir bleiben über Nacht und genießen die gemütlichen Zimmer im Landhausstil in einem der exklusivsten Boutique-Hotels des Alentejo. Kulinarisch lassen wir uns nicht nur von den hervorragenden Weinen Malhadinha Novas, für die unter anderem der bekannte Star-Önologe Luis Duarte verantwortlich zeichnet, sondern auch von der exquisiten Küche im hauseigenen Restaurant »Wine & Gourmet« beglücken. Geführt wird dieses von Sternekoch Joachim Koerper und Bruno Antunes, die traditionell geprägte, elegante Gerichte auf den Teller zaubern. Eigenes Olivenöl sowie der Schinken, der aus alentejanischen Schwarzschweinen hergestellt wird, inklusive. Ein wahres Highlight für anspruchsvolle Genießer.

Reife Schätze

Mit dem Auto sind wir von hier aus in eineinhalb Stunden auf der wunderschönen Halbinsel Setúbal gleich unterhalb von Lissabon. Hier, in Azeitão, befindet sich einer der traditionsreichsten Betriebe des ganzen Landes: José Maria da Fonseca. Jede Pore des Gebäudes und des Kellers atmet Geschichte. Der alte Holzfasskeller mit den schwarzen Fässern und dem staubigen Erdboden bleibt uns für immer in Erinnerung. Besonders stolz ist Domingos Soares Franco, der älteste Weinmacher Portugals, auf seine Moscatel de Setúbal, einen Dessertwein, der ausschließlich auf der Halbinsel Setúbal produziert wird und 1907 als eigene DOC anerkannt wurde.

Die Weine aus der Rebsorte Moscatel werden während der Gärung mit Brandy gestoppt und bleiben so restsüß. Für die einzelnen Abfüllungen werden mitunter Weine verwendet, die bis zu 80 Jahre lang in den Kellern von Fonseca reiften. Noch älter sind die Vinhos de Torna Viagem, sie stammen aus dem Zeitraum von 1870 bis 1890 und wurden nach alter Tradition hergestellt: Die Fässer waren monatelang auf langen Schiffsreisen unterwegs, Temperaturschwankungen und Wetter ausgesetzt. Im Jahr 2000 startete Fonseca ein Projekt, bei dem diese Art der Herstellung in die Neuzeit transportiert wurde. Zuletzt schickte man im Jahr 2014 zwei Fässer Moscatel auf die Reise von Lissabon nach Philadelphia, New Bedford, Boston und wieder zurück.

© VASCO CÉLIO/STILLS

Österreichischer Spitzenkoch

Feinschmecker sollten noch etwas weiter südlich reisen und einen Abstecher an die Algarve machen. Hier besuchen wir einen der absoluten lukullischen Hotspots des ganzen Landes. Das Hotel »VILA VITA Parc« gehört zur Gruppe »The Leading Hotels of the World«. Inmitten der 22 Hek­tar großen, subtropischen Parkanlage thront es mit seiner maurisch inspirierten Architektur hoch über der Felsenküste. Nicht nur das Hotel selbst, sondern auch das dazugehörige Restaurant »Ocean« genießt einen hervorragenden Ruf über die Grenzen Portugals hinaus. Seit der Eröffnung im Jahr 2007 ist der österreichische Spitzenkoch Hans Neuner kreatives Mastermind hinter der mit zwei Sternen dotierten Küche. Seine Erfolgsgeschichte ist für Portugal einmalig.

In nur vier Jahren erkochte er sich seine beiden Sterne und verteidigt sie seitdem jährlich. Der gebürtige Tiroler setzt auf biologisch produzierte Grundprodukte, bevorzugt direkt aus dem hauseigenen Wein- und Landgut Herdade dos Grous im Alentejo. Mit viel Perfektion und Kreativität sublimiert er traditionelle portugiesische Gerichte und eröffnet so völlig neue kulinarische Welten. Die einzigartige Küche mit Blick auf das Meer in den nautisch angelehnten, modern eingerichteten Räumen genießen zu dürfen, ist mehr als nur ein ordentlicher Schluss für unsere außergewöhnliche Entdeckungsreise.

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Falstaff Nr. 02/2019
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