Eine Weinreise entlang den Ufern des Main

Würzburg ist das geistliche, weltliche und weinbauliche Oberzentrum am Main.

© Shutterstock

Würzburg ist das geistliche, weltliche und weinbauliche Oberzentrum am Main.

Würzburg ist das geistliche, weltliche und weinbauliche Oberzentrum am Main.

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Franken ist wunderschön, aber für den Fremden, gleich ob er aus Zürich, Wien oder Hamburg kommt, ist manches erklärungsbedürftig, etwa die Verhaltensregel Nummer eins: Nenne einen Franken nie einen Bayern! Franken gehört politisch zu Bayern, doch Bayern sind die Franken deshalb noch lange nicht. Wo, bitteschön, gibt es denn in Bayern Wein? Durchs ferne München fließen Isar und Oktoberfest, durch Franken fließen Main und Wein.

So idyllisch sitzt und tafelt man im Innenhof des Romantik-Hotels »Zur Schwane« in Volkach.

© Hannes Niederkofler

Buntsandstein und Pinot

Beginnen wir unsere Genusstour in Churfranken – jenem Zipfel, der einstmals zum Kurfürstentum Mainz gehörte. Eine Main-Reise ohne Besuch der Stadt Klingenberg wäre wie eine Paris-Reise ohne Louvre. Die Kunst, die man in Klingenberg verpassen würde, besteht aus rotem Sandstein. Generationen von Winzern haben den halsbrecherisch steilen Schlossberg mit Buntsandsteinquadern befestigt, die hier in der Nähe abgebaut wurden, und die übrigens auch flussabwärts nach Frankfurt verschifft und dort für Bauten wie den Römer genützt wurden.

Der Klingenberger Schlossberg ist so warm, dass die Winzer bereits im 19. Jahrhundert Bordeaux-Sorten ausprobiert haben. Der Star indes war schon immer der Spätburgunder. Heute ist er vielleicht besser denn je, und das, obwohl die Klimaerwärmung die Trauben im Steilhang kocht. Aber auch das Wissen ist größer denn je: nicht zuletzt dank eines Winzers, der immer Erkenntnisse ebensogerne geteilt wie erworben hat: Paul Fürst hat erst die »kühleren« und klassisch feinen Spätburgunder aus seinem Heimatort Bürgstadt auf ein internationales Niveau gehoben, und dann auch die fülligeren aus Klingenberg. Wer den Winzer und seinen Sohn Sebastian besuchen kann, bekommt neben herausragenden Weinen gleich auch eine Einführung in einen idealtypischen Grundzug der fränkischen Wesensart, der da heißt: Ball flach halten. Der internationale Erfolg ist den Fürsts nicht zu Kopf gestiegen, Allüren kennen sie nicht. Gewiss haben sie nicht immer Zeit, um Besucher persönlich zu empfangen, doch wenn sie sich die Zeit nehmen können, tun sie es gern, und ihre geerdete Bescheidenheit lässt einen auch abgesehen vom Wein bereichert vom Hof fahren.

Essen kann man in Churfranken ebenfalls vorzüglich, zudem ist Klingenberg ein Wallfahrtsort für Hobbyköche: Der kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe verstorbene Ingo Holland begann 2001 mit Gewürzen höchster Güte zu handeln und mit meisterlich komponierten Mischungen, sein Sohn Kilian fürt diese Arbeit nun fort.

© Bild beigestellt

Frankens Zentrum

Bei der Fahrt flussaufwärts darf man sich den spektakulären Steilhang des Homburger Kallmuth nicht entgehen lassen. Fürst Löwenstein pflegt hier neben den Reben auch zwölf Kilometer Weinbersmauern. Ab hier ist Franken Silvaner-Land. Riesling und Spätburgunder werden zwar ebenfalls in kleinerem Umfang angebaut, doch nach Würzburg, in Frankens weinbauliches Zentrum, fährt man des Silvaners wegen. Die 130.000-Einwohner-Stadt erstrahlt noch immer im Glanz der Fürstbischöfe, und die Nachfolger von König und Klerus regieren auch heute noch über die Reben: Der größte Teil der Weinberge gehört Juliusspital, Hofkeller und Bürgerspital. Den berühmten Würzburger Stein teilen sich die »großen Drei« fast komplett.

Während der Stammsitz des Hofkellers in einem sehenswerten UNESCO-Weltkulturerbe liegt, der im 18. Jahrhundert erbauten Residenz, laden beide Spitalweingüter mit Weinstuben zum Schmaus. Die Gastronomie ist ohnehin einer der starken Punkte Frankens: Hier wird in jeder Preisklasse und in jedem Stil mit Stolz und Ethos gekocht – die Franken sind selbst zu große Genießer, um bei der Kulinarik zu schludern. Es gibt deftige Hausmannskost in ausgezeichneter Qualität und raffinierte Sterneküche mit internationalem Flair.

Nach einem Stadtbummel ist es Zeit für den sprichwörtlichen »Brückenschoppen« auf der autofreien Alten Mainbrücke. Die Jugend setzt sich gern mit einem Bocksbeutel und mitgebrachten Gläsern auf ein Mäuerchen, gesetztere Alter besuchen das an einem Brückenkopf und teils im Fluss stehende Gasthaus »Alte Mainmühle«. Im einen wie anderen Fall wird es wahrscheinlich nicht bei einem Glas bleiben.

Auch die schmucken Winzerdörfer flußaufwärts von Würzburg – Randersacker, Sommerhausen und Sulzfeld etwa – lohnen einen Besuch, mit Würzburg teilen sie den Muschelkalk im Boden, der den Weinen Rauchnoten verleiht. Nahe der so genannten »Mainschleife« bei Sommerach, Volkach und Escherndorf, ändert sich der Charakter der Weine, wird seidiger und etwas weicher, beim berühmten Escherndorfer Lump begleitet von Gesteinsmehlnoten. In diesem dicht mit Weingütern (und sehr guten Genossenschaften) gesegneten Teil Frankens lohnt es sich besonders, nach »Heckenwirtschaften« Ausschau zu halten: Gaststätten, in denen die Winzer zu Tisch bitten. Da jeder Betrieb nur wenige Wochen im Jahr geöffnet hat, leistet ein Online-Terminfinder gute Dienste.

Andrea Wirsching hat dem traditionsreichen Iphöfer Weingut Schwung und neue Ideen gegeben.

© Volker Schrank

Fränkisch Trocken

Und was hat es eigentlich mit dem »Bocksbeutel« auf sich? Der Name spielt darauf an, dass die Form dieser Flasche dem Hodensack des Ziegenbocks ähnelt. Vermutlich entstand die Flasche als Nachbildung einer Art von Feldflasche. Und bereits vor Erfindung der Glasbläserei gab es den »Bartmannskrug« aus Steingut, dessen abgeflachte Varianten ebenfalls Pate gestanden haben könnten.

Die letzte Teilregion, die wir besuchen wollen, liegt etwas abseits des Mains, in der Höhe des Steigerwalds. Am Rand des  hübschen Städtchens Iphofen hat das Gipswerk Knauf seinen Sitz – auch unter den Weinbergen liegt Gipskeuper. Dieser Boden verleiht den Weinen eine charakteristische Pfeffrigkeit – besonders, wenn sie »fränkisch trocken« ausgebaut sind. Das heißt, dass der Wein statt der gesetzlich für die Bezeichnung »trocken« erlaubten neun Gramm Restzucker maximal vier aufweist.

Es drängt sich geradezu auf, diesen Ausdruck »fränkisch trocken« auch auf die Gemütsstimmung der Leute zu übertragen. Denn Dampfplauderer sind die Franken nicht, zuweilen eher lakonisch. Wenn man genau hinhört, steckt aber viel Hintersinn in ihrer zurückhaltenden Wesensart. Ganz so, wie es ja auch beim Silvaner der Fall ist.

»Reisers am Stein«: Speisen mit Ausblick auf die Reben des Würzburger Stein.

© Stefan Bausewein


Restaurants

Gasthaus Zur Krone Familie Restel
Wildgerichte, ausgezeichnete Weinkarte, Biergarten, Gästezimmer.
Miltenberger Straße 1, 63920 Großheubach,
T: +49 9371 2663, gasthauskrone.de

Hotel Weinhaus Stern
Auf intelligente Weise kreativ, Terrasse. Hotel.
Hauptstraße 23/25, 63927 Bürgstadt
T: +49 9371 40350, hotel-weinhaus-stern.de

Hotel und Restaurant Anker
Stil und Ambition, tolle Weinkarte. Vegetarisches Menü. Hotel.
Kolpingstraße 7, 97828 Marktheidenfeld,
T: +49 9391 60040, hotel-anker.de

Reisers am Stein
Bis Frühjahr 2023 steht Bernhard Reiser noch für kreativ-moderne Küche mit klassischem Hintergrund.
Mittlerer Steinbergweg 5, 97080 Würzburg,
T: +49 931 286901, der-reiser.de

Gasthaus alte Mainmühle
Flussblick. Auch ein nahebei am Wasser gelegener Pavillon.
Mainkai 1, 97070 Würzburg
T: +49 931 16777, alte-mainmuehle.de

Bürgerspital-Weinstuben
Tradition trifft Moderne: Blaue Zipfel, Schäufe(r)le, Falafel mit Garnelen und Avocado. Gutseigenene Weine.
Theaterstrasse 19, 97070 Würzburg,
T: +49 931 352880, buergerspital-weinstuben.de

Juliusspital Weinstuben
Historische Räume, abwechslungsreiche Küche: Forellenfilet geräuchert vom Fischer, vegane Basilikum Fregola.
Juliuspromenade 19, 97070 Würzburg,
T: +49 931 54080, weinstuben-juliusspital.de

Kuno 1408
Chices Interieur, moderne Küche: ein Stern im »Hotel Rebstock« (siehe »Hotels«).

Restaurant Philipp
Die mit Stern ausgezeichnete Küche spricht französisch, die Weinkarte fränkisch. Ein Doppelzimmer und zwei Suiten.
Hauptstr. 12, 97286 Sommerhausen.
T: +49 9333 1406, restaurant-philipp.de

Michels Stern
Seit 1920 im Besitz der Familie Michel. Umfangreiche Weinkarte.
Bahnhofstr. 9, 97340 Marktbreit
T: +49 9332 1316, michelsstern.de

Heckenwirtschaften-Finder
frankenwein-aktuell.de/Heckenwirtschaften.html


HOTELS (Siehe auch »restaurants«)

Best Western Premier Hotel Rebstock
Würzburgs bestes Hotel. Alte Bausubstanz, stilvoll erneuert.
Neubaustraße 7, 97070 Würzburg
T: +49 931 30930, rebstock.com

SCHLOSSHOTEL STEINBURG
Am oberen Rand der Lage Würzburger Stein gelegen. Schöne Zimmer, Restaurant.
Reußenweg 2, 97080 Würzburg,
T: +49 931 97020, steinburg.com

Romantik Hotel zur Schwane
Historisches Gebäude, manche Zimmer haben Kassettendecken.
Hauptstraße 12, 97332 Volkach
T: +49 9381 80660, schwane.de


Weingüter

WEINGUT STEINTAL ****
Reduktiv angelegte, reifebedürftige Spätburgunder.
Wilhelmstraße 107, 63911 Klingenberg am Main
T: +49 9372 2438, weingut-steintal.de

Weingut Rudolf Fürst *****
Spätburgunder von internationaler Klasse. Auch die Weißen sind ausgezeichnet. Hohenlindenweg 46, 63927 Bürgstadt,
T: +49 9371 8642, weingut-rudolf-fuerst.de

Weingut Fürst Löwenstein ***
Mineralische Silvaner und Rieslinge.
Schlosspark 5, 63924 Kleinheubach
T: +49 9371 9486600, loewenstein.de

Weingut Rudolf May ****
Perfektionistischer Betrieb, gehaltvolle, im Fass ausgebaute Silvaner.
Im Eberstal 1, 97282 Retzstadt,
T: +49 9364 5760, weingut-may.de

Stiftung Bürgerspital zum Hl. Geist ****
120 Hektar erstklassiger Lagen, ein Hort der Tradition und Kontinuität: In den vergangenen 180 Jahren waren gerade einmal sechs unterschiedliche Direktoren tätig.
Theaterstraße 19, 97070 Würzburg,
T: +49 931 35030, buergerspital.de

Weingut Reiss **
Markante Silvaner aus dem Würzburger Stein.
Unterdürrbacher Straße 182, 97080 Würzburg
T: +49 931 94600, weingut-reiss.com

Weingut Bickel-Stumpf ***
Auf Frische und  Spiel vinifizierte Silvaner, teils mit merklicher Restsüße.
Kirchgasse 5, 97252 Frickenhausen,
T: +49 9331 2847, bickel-stumpf.de

Winzerkeller Sommerach eG **
195-Hektar-Genossenschaft, ausgezeichnete Qualitätsspitzen.
Zum Katzenkopf 1, 97334 Sommerach,
T: +49 9381 80610, winzer-sommerach.de

Weingut Rainer Sauer ****
Der Silvaner-Papst aus Escherndorf.
Bocksbeutelstraße 15 , 97332 Escherndorf
T: +49 9381 2527, weingut-rainer-sauer.de

Weingut HORST Sauer *****
Der Süßwein-Papst aus Escherndorf.
Bocksbeutelstraße 14, 97332 Escherndorf
T: +49 9381 4364, weingut-horst-sauer.de

Fürstlich Castell’sches Domänenamt ****
Das brillliante Silvaner GG kommt erst nach 5 Jahren Reife auf den Markt.
Schlossplatz 5 , 97355 Castell,
T: +49 9325 60160, castell.de

Weingut Hans Wirsching ****
Langlebige Weine (weiß trocken und gelegentlich edelsüß) vom Julius-Echter-Berg.
udwigstr. 16, 97346 Iphofen,
T: +49 9323 87330, wirsching.de


Einkaufen

Altes Gewürzamt
Nachdem Ingo Holland Anfang Juni 2022 mit erst 64 Jahren verstarb, führt Sohn Kilian das Lebenswerk seines Vaters fort. Holland hatte den Gewürzhandel 2001 gegründet und dafür sein Sternelokal aufgegeben.
Frühlingstraße 37, 63911 Klingenberg,
T: +49 9372 9481090, altesgewuerzamt.de


ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 05/2022
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