Zuhause in der Arbeit

Bunt, freundlich und ungezwungen gibt sich die Japan-Zentrale von Yahoo. Nicht im piekfein-faden Business-Look aus einem Guss, sondern als locker-informelle Collage nach dem Konzept von Vitra. vitra.com

© Fotos: Vitra Photography/Tom Haller

Bunt, freundlich und ungezwungen gibt sich die Japan-Zentrale von Yahoo. Nicht im piekfein-faden Business-Look aus einem Guss, sondern als locker-informelle Collage nach dem Konzept von Vitra. vitra.com

© Fotos: Vitra Photography/Tom Haller

Das Büro, hieß es damals am Anfang des 21. Jahrhunderts, sei passé. In Zeiten, da das Internet schon jedes Bergdorf erreiche, sei Home-Office angesagt. Eine Person, ein Laptop, eine Steckdose, fertig ist der Arbeitsplatz, wo auch immer auf der Welt. Ganz so ist es nicht gekommen. Anfang 2013 legte Marissa Mayer, damals CEO von Yahoo, eine laut quietschende Vollbremsung hin und verkündete den U-Turn: Home-Office verboten, alle zurück ins Büro! Dies sei nicht nur für die Produktivität besser, sondern vor allem für die Identifikation mit der Firma. »Garage spirit« nennen es die Kalifornier aus dem Silicon Valley: das Start-up-Gefühl, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, im Wirbelwind von Ideen und Erfindungen, die sich nur in physischer Nähe entwickeln können und nicht per Telekonferenz.

Fünf Jahre später sind weder Büro noch Home-Office verschwunden. Stattdessen sind die beiden zu etwas Neuem verschmolzen. Der Wohlfühlfaktor eines gemütlichen Zuhauses wird ins Büro transferiert. »Der Arbeitsplatz muss heute auch eine gewisse Heimat bieten, ­in der man sich zu Hause fühlt«, sagt Thorsten Heiling, Sales Director bei Vitra. »Man kann ­es auch kuratierte Vielfalt nennen. Dafür haben wir das Konzept ›Collage Office‹ entwickelt. Das heißt, wir greifen heute auf eine viel grö­ßere Auswahl an Möbeln zurück, weil wir das Wohnen ins Büro holen und dort eine Umgebung zum Wohlfühlen schaffen. Sofa, Teppich, Accessoires, individuell zugeschnitten.«

»Man muss einander in die Arme laufen können.« Steve Jobs (1955–2011), Gründer und CEO von Apple

Impressionen der interessantesten Projekte

Ein Paradebeispiel dafür ist der 2016 eröffnete Erste Bank Campus in Wien, geplant vom Architekturbüro Henke Schreieck. Hier wurden mehrere Standorte zusammengelegt, und dafür wurde alles grundlegend neu gedacht. Korridore waren tabu, stattdessen wurde ein »Moodbook« angelegt, in dem eine Vielzahl von Atmosphären festgelegt wurde. Das Ergebnis ist eine Bürolandschaft, in der sich Ruheinseln mit Aktivitätszonen abwechseln. Hier eine Wohnzimmerlounge inmitten von Grünpflanzen für den informellen Austausch, dort ein kühl-asketischer Raum, in dem es um Konzentration geht. Dementsprechend sind auch die eigentlichen Arbeitsplä­t­ze in Bewegung geraten: Nur sehr wenige der 5000 Mitarbeiter haben einen fixen Platz, ­ansonsten gilt das Prinzip des Desksharing.

Ähnliche Mischungen zwischen großen und kleinen Räumen präsentieren sich in zwei weiteren Wiener Prestige-Zentralen: ­Im spektakulären neuen Headquarter des ÖAMTC sind die Büros wie Speichen eines Rades angeordnet. Dadurch sind die einzelnen Abteilungen gruppiert und haben gleichzeitig das große Ganze im Blick. Bei der Post am Rochus sind verglaste, schallgeschützte Raumelemente wie Inseln ins Raumkonti­nuum gesetzt. Ergebnis: ein Kleinraumbüro ohne Platzangst, ein Großraumbüro ohne Lärmstress – das Beste aus beiden Welten.

Die Ikone dieser Firmenwelt ist zweifellos der von Stararchitekt Norman Foster geplante, kreisrunde »Infinite Loop«, der Apple Campus in Cupertino. Das letzte Herzens­projekt des Firmengründers Steve Jobs ist berühmt dafür, dass hier nicht das kleinste Detail dem Zufall überlassen wurde. »Ein Gebäude, in dem die Menschen sich mit­einander verbinden, im Gehen, im Sitzen«, schwärmt Chefdesigner Jony Ive. Dafür wurde das Gebäude in sogenannte »Pods« eingeteilt, einzelne Module für Einzelarbeit, Teamarbeit oder informelle Treffen – und das gilt für alle, vom Praktikanten bis zum CEO. Als wichtigster Treffpunkt fungiert das riesige, viergeschoßige Café, in dem 4000 Menschen Platz finden. Auch dies ist eine Idee von Steve Jobs: ein einziges Café als Platz für Zufallsbegegnungen. »Man muss einander in die Arme laufen können«, so seine Vorgabe an die Architekten. 
Der Arbeitsplatz als Heimat – das bedeutet auch, dass ein Firmensitz mehr leisten muss, als einen Schreibtisch in einen Raum zu stellen. Bei Apple heißt das: ein riesiges Fitness­zentrum, drei Kilometer Laufstrecke im Park, 1000 Fahrräder. In einer Branche, die um begabte Mitarbeiter ringt, sind solche Freizeitangebote ein ebenso unerlässliches Lockmittel wie Betriebskindergärten. 

»Bauten im industriellen Maßstab lassen sich mit der gleichen Sorgfalt und Wohnlichkeit herstellen wie die kleinen Preziosen, für die Vorarlberg sonst berühmt ist.« Hermann Kaufmann Architekt

Die Cosiness der Natürlichkeit

Dass man für solche Innovationen nicht unbedingt einen kompletten Campus bauen muss, zeigt das neue Headquarter des Giganten Google im Torre Picasso, einem Hochhaus nördlich der Innenstadt von Madrid. Nach außen unsichtbar, entfaltet sich im Inneren eine komplette, bunte Welt. Für Besprechungsräume und Arbeitsbereich wurde ein Farbkonzept entwickelt, als räumliches Leitsystem fun­gieren hölzerne Bögen, die an traditionelle spanische Architektur erinnern. »Einen freundlichen Arbeitsplatz mit lokalem Charakter« wünschte man sich bei Google, und dieser Wunsch wurde ganz offensichtlich erfüllt. Die Freundlichkeit des Arbeitsplatzes umfasst auch hier eine Fülle an Bonus-Angeboten: eine Küche für die Belegschaft, ein Relax-Raum mit Hängematten, einer für Spiele und ein Bereich für Massagen.

Eine nahezu perfekte Einheit von Produkt und Arbeitsplatz bietet sich den Mitarbeitern der Online-Plattform Airbnb in San Francisco und Singapur: Hier wurden die Räume teilweise bis ins Detail den beliebtesten Wohnungen nachgebildet, die auf der Plattform buchbar sind. Diese Räume werden in sogenannten »Neighbourhoods« zusammengefasst, die nach Airbnb-Destinationen benannt sind und die Mitarbeiter so zur Reise durchs Büro animieren sollen. Bewegung war auch das naheliegende Leitmotiv für das Bürogebäude »Laces«, das auf dem Firmencampus von Adidas im deutschen Herzogenaurach die Forschungsabteilung beherbergt. Die Schnürsenkel (laces) sind hier Stege, die das Atrium durchqueren und die verschiedenen Bereiche zu einer kommunikativen Landschaft verbinden. So wird das Atrium zum identitätsstiftenden, kreativen Zentrum des Gebäudes. Die Inneneinrichtung von Walter Knoll verbindet dabei die sportliche Dynamik der Räume mit dem Komfort von ruhigen Rückzugsbereichen.

Und manchmal ergibt sich die Identität der Arbeitswelt ganz einfach aus dem Ort – wenn dort die Kernkompetenz des Unternehmens liegt. Bei den Illwerken Montafon bedeutet das: ein kluger Umgang mit Ressourcen und Ma­teria­lien und Vorarlberger Holzbau-Know-how. Der fünfgeschoßige Bau von Architekt Hermann Kaufmann war bei seiner Fertigstellung 2013 mit über 10.000 Quadratmetern Nutz­fläche das größte Bürogebäude aus Holz in Mitteleuropa und das erste »Green Building« in Vorarlberg. »Bauten im indus­triellen Maßstab lassen sich mit der gleichen Sorgfalt und Wohnlichkeit herstellen wie die kleinen Preziosen, für die Vorarlberg sonst berühmt ist«, so der Architekt. Klar, dass hier auch die Inneneinrichtung mit Möbeln von Fritz Hansen den hohen Ansprüchen an Komfort und Nachhaltigkeit entsprechen musste.

Man sieht: Der Arbeitsplatz von heute ist zur rundum ausgestatteten Erlebniswelt geworden. Bei solchen komfortablen Ver­lockungen lässt man doch gerne das Home-Office zu Hause liegen.

 

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LIVING Nr. 04/2018
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