World Champions: Screaming Eagle

Kein anderer Wein aus Kalifornien symbolisiert so sehr puren Luxus wie dieser Cabernet aus dem Napa Valley.

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Hier entstehen die besten reinsortigen Cabernet Sauvignons der Welt.

Kein anderer Wein aus Kalifornien symbolisiert so sehr puren Luxus wie dieser Cabernet aus dem Napa Valley.

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»Mit einem Glas von diesem Rotwein können sie jeden Hollywood-Star an ihren Tisch locken«, erzählt der Sommelier eines bekannten Sterne-Restaurants in Los Angeles, während er eine Flasche Screaming Eagle, den ultimativen Cabernet Sauvignon aus dem Napa Valley, in Händen hält.

Doch es ist nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, der exorbitante Preis oder die Seltenheit, die den besonderen Reiz dieses edlen Tropfens ausmacht. Jeder, der das Vergnügen hatte, diese Ikone schon einmal genießen zu dürfen, weiß: Dieser Wein schmeckt tatsächlich einfach unwiderstehlich.

Sein Bukett ist mit einem Grundton von Crème de Cassis ausgestattet, er verfügt außerdem über seidig-reife Tannine, eine frische Struktur und bei aller Ernsthaftigkeit eines großen Weines zeigt er doch Frucht und Charme.

Wer ein überextrahiertes Muskelpaket erwartet, wird mit einem samtig-stoffigen Charmeur konfrontiert, der bereits in jüngeren Jahren mit größtem Trinkvergnügen aufwartet. Und wie bei allen echten Weltklasseweinen ist das Terroir der alles entscheidende Faktor. Dabei wurde dieses einst eher zufällig für den Weinbau erschlossen …

Jean Phillips war eine überaus erfolgreiche Grundstücksmaklerin im Napa Valley, die in den Achtzigerjahren heute legendä-ren Winzern wie Bill Harlan, Gustav Dalla Valle oder den Araujos, die 2013 an die Artemis-Gruppe von Château-Latour-Eigner François Pinault verkauften, zu den passenden Weingärten verholfen hat.

1986 entdeckte Jean Phillips eine Ranch mit rund 23 Hektar am Fuße der Vaca Mountains bei Oakville. Dieses magische Stück Erde hatte es ihr so angetan, dass sie beschloss, es für sich selbst zu erwerben. Ein Teil des Anwesens war bereits mit Weingärten bestockt.

Die Neo-Weinbauerin Phillips verkaufte anfänglich die auf der perfekten Roterde vulkanischen Ursprungs gewachsene Trauben an lokale Weingüter. Kaum zu glauben, aber im alten Weingarten fanden sich fast nur weiße Rebsorten, weniger als ein halber Hektar war mit Cabernet Sauvignon bestockt.

Es war Robert Mondavi, der Jean Phillips den Floh ins Ohr setzte, es doch auch selbst mit dem Weinmachen zu versuchen. Also suchte Jean Phillips Rat bei Richard »Dick« Peterson, der ihr seine Tochter, die aufstrebende Önologin Heidi Peterson, als Kellermeisterin vermittelte.

So wurden 1992 in der kleinen, aus Steinen gemauerten Scheune der Ranch die ersten Barriquefässer mit Rotwein gefüllt – und der »Screaming Eagle« war geboren. Ganze 175 Kisten wurden zur Premiere erzeugt, damals nur verfügbar im St. Helena Wine Center, in der Oakville Gracery und in den beiden Restaurants »Brava« und »Don Giovanni«, die Flasche kam um smarte 50 US-Dollar auf den Markt, der Wein konnte auch bestellt werden.

Der erste Wein, ein reinsortiger Cabernet Sauvignon, wurde unfiltriert und ungeschönt gefüllt, nachdem er in Barriques ausgebaut worden war, von denen 60 Prozent neu waren. 2018 versteigerte das Auktionshaus Christie’s in Genf eine 1992er Magnum um 24.000 Franken.

In diesem alten Steinschuppen entstanden die ersten Weine, die Premiere war der tolle Jahrgang 1992.

In diesem alten Steinschuppen entstanden die ersten Weine, die Premiere war der tolle Jahrgang 1992.

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A star is born

1995 schrieb Wein-Guru Robert Parker: »Screaming Eagle ist eines der aufregendsten neuen Weingüter in Kalifornien und sein erster Wein, der außergewöhnliche 1992er Cabernet Sauvignon, ist einer der großartigsten jungen Cabernets, die ich je probiert habe.« Mit 99 Punkten durfte sich der Newcomer über erste Aufmerksamkeit freuen, mit 100 Parker-Punkten setzte der Jahrgang 1997, von dem es dann schon 500 Kisten um 125 Dollar pro Flasche gab, noch eins drauf.

Das kleine Boutique-Weingut, gelegen im Talgrund von Oakville südlich von Rudd Estate und Plumpjack, entwickelte sich mit dem Boom rund um die Cabernet Sauvignons aus Napa Valley rasch vom Geheimtipp zum »Blue Chip«.

Der Screaming Eagle bekam regelmäßig Höchstbewertungen, kleine Anteile von Merlot und Cabernet Franc, insgesamt nie mehr als 15 Prozent, gaben dem stoffigen Cabernet Sauvignon noch mehr Souplesse und Würze.

Besitzerin Jean Philipps wachte über die rigorose Einhaltung des Qualitätsanspruchs, dem der schwache Jahrgang 2000 etwa zur Gänze zum Opfer fiel. Wie hoch das Ansehen dieser raren Weinikone in weniger als zehn Jahren gestiegen war zeigte der Rekordpreis von 500.000 Dollar, den eine 6-Liter-Flasche bei der Napa Valley Wine Auction im Jahr 2000 erzielte.

Ende 2005 stand die damals 60-jährige Jean Phillips schließlich vor der Entscheidung: Sollte sie ein weiteres Mal in ihr Weingut investieren? Es mussten damals immerhin die Weingärten rekultiviert werden und ein richtiger Weinkeller existierte ebenfalls noch nicht. In diesem Moment erhielt sie ein Angebot, das die Immobilienmaklerin nicht ablehnen konnte …

Im März 2006 wurde schließlich bekannt, dass Phillips ihre Ranch samt Weingut an einen kalifornischen Finanzier und dessen Geschäftspartner verkauft hatte. Die Medien spekulierten über einen Kaufpreis von 30 Millionen Dollar.

Als neue Besitzer stellten sich schließlich der damals 38-jährige Präsident der CSI Capital Management, Charles Banks aus San Francisco, sowie Stanley Kroenke, seines Zeichens Immobilienentwickler, Bau-Milliardär und Besitzer von Sport-Profimannschaften wie den Denver Nuggets (Basketball) oder dem englischen Premier-League-Club Arsenal London heraus (siehe auch Kasten vorige Seite).

Die vinophilen neuen Besitzer hatten davor bereits in Bill Harlans Meadowood Resort investiert und in Santa Ynez in Südkalifornien ein Boutique-Weingut namens Jonata gegründet, dessen erster Jahrgang 2004 im Jahr 2007 auf den Markt kam.

Für Screaming Eagle bedeutete der Einstieg einen neuen Impuls, denn nun wurde aus dem charmanten Provisorium ein richtiges Weingut mit allen notwendigen Personal- und Rekultivierungsmaßnahmen.

Andy Erickson wurde als Winemaker vor Ort installiert, Heidi Peterson Barrett wurde als Kellermeisterin abgelöst, der legendäre Konsulent Michel Rolland aus Bordeaux hinzugezogen.

Für die Erweiterung und Neuauspflanzung der Weingärten wurde der berühmte Weinbergdesigner David Abreu als Berater geholt, Annie Favia wurde Weingarten-Managerin und Jorge Delgado als Vorarbeiter engagiert. Screaming Eagle stand somit ein Dream-Team zur Verfügung, auch eine Kellerei, schlicht und funktionell, wurde errichtet.

Und es ging entsprechend weiter bergauf mit dem jungen Weingut. Für den Jahrgang 2007 vergab »The Wine Advocate« wieder 100 Punkte. Und wer nicht zu den Glücklichen zählte, die über die Mailing-Liste einkaufen konnten, bezahlte nun im Handel pro Flasche bereits einen vierstelligen Dollarbetrag.

Neu war auch der Zweitwein namens »Second Flight«, der mit dem Jahrgang 2006 eingeführt wurde. Etwas zeitverzögert wurden schließlich Kisten mit je zwei Flaschen des Zweitweines der Jahrgänge 2006 bis 2009 auf den Markt gebracht. Ab 2014 hieß diese meist stärker auf Merlot basierende Cuvée mit einem Teil Cabernet Sauvignon und einem Schuss Cabernet Franc nur mehr »The Flight« – wer will schon einen Zweitwein um viele hundert Euro trinken?

Das dritte Kapitel

2009 stieg Charles Banks aus der Partnerschaft mit Stan Kroenke aus, der seither Alleineigentümer von Screaming Eagle und auch bei Jonata ist. Ohne Zweifel wurde Banks der Ausstieg mit einem entsprechenden Scheck versüßt.

Er baute in der Folge sein eigenes Weinimperium namens Terroir Life auf, zu dem fast ein Dutzend Weingüter in Kalifornien, aber auch Mulderbosch in Südafrika oder Trinity Hills in Neuseeland gehören.

Gemeinsam mit Jay Schottenstein erwarb er 2013 das historische Napa-Weingut Mayacamas Vineyard. 2017 wurde Banks wegen Betruges zu vier Jahren Haft verurteilt, seine Karriere in der Welt der feinen Weine war damit vorerst zu Ende.

Die Schottensteins übernahmen seine Anteile bei Mayacamas, aus den Erlösen der Verkäufe seiner Beteiligungen sollte das Opfer seines Betruges, der ehemalige NBA-Star Tim Duncan, 7,5 Millionen Dollar erhalten.

Wesentlich erfolgreicher entwickelte sich Screaming Eagle: Mit der neuen Dekade übernahmen der Erickson-Protegé Nick Gislason als Önologe und der in der Champagne geborene Armand de Maigret die Verantwortung für das Weingut, Michel Rolland blieb dem international gefeierten Top-Cabernet ebenfalls treu.

Das neue Team setzte qualitativ noch eins drauf und seither wurden auch die Jahrgänge 2010, 2012, 2015, 2016 und 2018 mit jeweils 100 Parker-Punkten geadelt.
Ursprünglich nur für den Eigenkonsum gedacht war der Weißwein von Screaming Eagle – auch von diesem Produkt soll hier erzählt werden.

2010 wurden 50 Sechserkisten hergestellt, ausgebaut zur Hälfte im Edelstahl und zur Hälfte im gebrauchten Holz – ein Weißwein, der Diskussionsstoff bot. Als das Weingut den Jahrgang 2013 vom Sauvignon Blanc präsentierte, erstaunte dieser die Fachwelt weniger durch seine mittelprächtige Qualität als durch seinen exorbitanten Preis.

Selbst Screaming-Eagle-Bewunderer Robert Parker zeigte sich perplex über die absurde Vorstellung von 2500 Dollar pro Flasche »ab Hof«. Seine Nachfolgerin Lisa Perrotti-Brown hingegen lobte den Jahrgang 2017, gerade noch vor den damaligen Buschfeuern geerntet, über den Grünen Klee und gab 98 Punkte.

Das schlägt sich natürlich im Preis nieder: Die Londoner Luxus-Vinothek »Hedonism« in Mayfair bietet aktuell eine Flasche Sauvignon 2014 um rund 7300 Euro an. Und eine Halbliterflasche des roten Premierenjahrgangs ist um gut 20.000 Euro vorrätig – was dem Screaming Eagle einen Literpreis jenseits der 40.000 Euro beschert.

Am Fuße der schützenden Vaca Mountains liegt der Weingarten von Screaming Eagle im Oakville District von Napa Valley (gr. Bild). Der Franzose Armand de Maigret führt das Weingut seit 2010 (re.).

© Janis Miglavs / Danita Delimont / picturedesk.com


Stanley Kroenke (*1947)

Immobilien, Sport und Wein
Kroenke wurde als Bauunternehmer und Immobilien-Investor reich und ist heute mit 570.000 Hektar der neuntgrößte Landbesitzer der USA. Laut Forbes beträgt sein Vermögen rund 8,2 Milliarden Dollar. Seine Ehefrau Ann Walton ist eine Wal-Mart-Erbin mit einem geschätzten Vermögen von 9,5 Milliarden Dollar.

Einem breiteren Publikum ist der Name Kroenke aus der Sportwelt bekannt. In Europa kennt man ihn als Besitzer der »Gunners«, dem englischen Premiere-League-Club Arsenal FC. In den USA besitzt Kroenke den Eishockey-Club Colorado Avalanche aus der National Hockey League (NHL), die Denver Nuggets aus der Basketballliga NBA, die Colorado Mammoth aus der National Lacrosse League (NLL) und die Colorado Rapids aus der Fußballliga Major League Soccer (MLS).

Außerdem gehört zu Kroenke Sports Enterprise das Pepsi Center in Denver. Und er ist Mitbesitzer der Los Angeles Rams, einem Football-Team aus der National Football League (NFL).

Neben Screaming Eagle besitzt der Investor das Weingut Jonata in Santa Barbara, das für seine finessenreichen Weine aus Syrah, Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon bekannt ist.

Sein jüngstes Weingut heißt The Hilt, dessen Chardonnays und Pinot Noirs sind bereits sehr gefragt. 2017 schnappte Stanley Kroenke seinen französischen Rivalen François Pinault (Kering Group) und Bernard Arnault (LVMH) die legendäre Burgund-Domaine Bonneau du Martray weg, das einzige Weingut, das nur Grand-Cru-Weine produziert.

2018 verpachtete Kroenke 2,8 Hektar Corton-Charlemagne an die Domaine de la Romanée-Conti.


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