Wissenschaft: Tierisch gut?

Lässt sich also Fleisch noch mit gutem Gewissen genießen? Wir sagen Ja!

© Gina Müller

Lässt sich also Fleisch noch mit gutem Gewissen genießen? Wir sagen Ja!

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In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Erdbevölkerung verdoppelt, die globale Fleischproduktion ver­dreifacht, die weltweite Wirtschaft vervierfacht und der Handel sogar verzehnfacht. Ohne Frage ging damit eine massive Zunahme der CO2-Emissionen einher, die für die Erderhitzung verantwortlich gemacht werden. Ein Hauptaugenmerk der Maßnahmen gegen den Klimawandel liegt also auf der Reduktion der CO2-Last. Dabei wird immer wieder die Landwirtschaft genannt. Auf sie entfallen weltweit gesehen rund 30 Prozent aller Treibhausgasemissionen (THG). Dabei handelt es sich freilich nur um einen Durchschnittswert. In Industrie­nationen ist der Anteil naturgemäß niedriger, während in kaum industrialisierten Gebieten die Landwirtschaft den Hauptemittenten ausmacht. Für Österreich und Deutschland bezifferte das jeweilige Umweltbundesamt 2018 die Emissionsanteile der Landwirtschaft mit zehn bzw. acht Prozent. Davon entstehen 43 Prozent durch die Fleischproduktion und weitere 20 Prozent durch die Herstellung von Milch und Milchprodukten.

Fleisch ≠ Fleisch

Wie die Umweltbilanz konkret ausfällt, hängt jedoch stark von der landwirtschaft­lichen Praxis ab. So macht es einen großen Unterschied, ob Rinder auf der Weide stehen und durch die Bakterien im Pansen die im Gras gespeicherten Proteine für den Menschen aufschließen und verfügbar machen oder ob sie im Stall mit Kraftfutter gefüttert werden. Bei Ersterem ergeben sich positive Effekte auf die Umwelt, weil Wiederkäuer – also Kühe, Ziegen und Schafe – auch Grünflächen nutzen, die der Mensch sonst für die Lebensmittelherstellung nicht verwenden kann. Grünflächen machen immerhin zwei Drittel der weltweiten landwirtschaftlich ­genutzten Flächen aus. Durch die Nutzung entsteht auch eine Kulturlandschaft, die die Artenvielfalt fördert.

Kritiker halten dem entgegen: Konventionelle Rinder stehen heute kaum mehr auf der Weide, sie werden mit Kraftfutter aus Getreide und Soja gefüttert. Und deren Anbau erfolgt auf Flächen, die auch dem Menschen direkt zur Lebensmittelproduktion dienen könnten. Damit kommt es zu verlustreichen Umwegen – das Rind wird zum Nahrungskonkurrenten des Menschen. Zudem muss es zehnmal mehr Kalorien aufnehmen, als es in Milch und Fleisch speichert. Den Hauptanteil benötigt das Rind dafür, den eigenen Stoffwechsel aufrechtzuerhalten. Auch die Schweinemast braucht Futter aus Mais, Getreide und Soja. Schließlich ist die traditionelle Fütterung mit Küchen- und Speiseresten seit 2006 in der EU verboten. Grund dafür war die 2001 wütende Maul- und Klauenseuche, als deren Ursache man unbehandelte Küchenabfälle sah. Erhitzte Speisereste aus Großküchen waren bis dahin ein beliebtes Futter, weil es als hochwertig, preisgünstig und hygienisch problemlos galt. Haben Schweine Freilauf und können nach Eicheln, Pilzen und Würmern suchen, wie die Ibérico-Schweine in Portugal und Spanien, oder handelt es sich gänzlich um Wildschweine, sieht die Umweltbilanz freilich wieder anders aus. Gleiches lässt sich für jegliches Wildbret sagen – ob Hase, Hirsch oder Reh.

Klimaschonend essen?

Will man beim Essen CO2 einsparen, sind zwei wirksame Bereiche auszumachen: zum einen die noch nicht genannten, aber wesentlichen Lebensmittelverluste. Viel zu viel Essbares landet in der Mülltonne. Während in Ländern mit geringem Pro-Kopf-Einkommen die Verluste vor allem auf Produktionsseite anfallen, ist das in Industrienationen auf Konsumentenseite der Fall. Als internatio­nales Ziel wird die Halbierung dieser Verschwendung genannt. Zum anderen lässt sich beim Fleisch sagen: lieber weniger, dafür auf Weidehaltung, Bio oder Wild achten. Würden tatsächlich nur die empfohlenen drei Fleischportionen pro Woche konsumiert, ließen sich allein dadurch laut WWF 22 Prozent der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen einsparen. Nicht nur kulinarisch lust-, sondern auch ökologisch sinnvoll ist es zudem, alles vom Tier zu nützen – Stichwort Nose to Tail.

Was haben wir in der Hand?

Aber was kann ein Einzelner überhaupt bewirken? Rolf Jucker von der Stiftung Silviva in der Schweiz fordert einen systematischen Blick für langfristige Lösungen ein, wenn es um nachhaltige Entwicklung geht. Denn häufig liegen die Selbsteinschätzung des ökologischen Impacts und der tatsächliche Ressourcenverbrauch weit auseinander. »Wir müssen uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass es um den kumulierten Gesamtimpact geht«, so Jucker. Denn Fakt ist: Zwei Drittel der ökologischen Gesamtbelastung erfordern politisches Handeln, um die Rahmenbedingungen für Gesellschaft, Wirtschaft und Infrastruktur zu schaffen. Nur etwa ein Drittel wird durch Konsum- und Verhaltensentscheidungen einzelner Menschen beeinflusst. Mobilität, Essen und Wohnen zählen hier zu den größeren Schrauben: So reduziert der Bezug von Ökostrom pro Jahr etwa so viel CO2 wie die Entscheidung für einen Transatlantikflug (ca. 1,5 Tonnen). Auf das eigene Auto zu verzichten spart dreimal mehr CO2 als eine pflanzenbasierte Kost (2,4 vs. 0,8 Tonnen/Jahr). Fleisch bewusst zu genießen ist demnach aus gesundheitlichen wie ökologischen Gesichtspunkten eine gute ­Sache – auch wenn die Effekte auf das große Ganze geringer ausfallen mögen, als es oftmals dargestellt wird.

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Falstaff Nr. 02/2020
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