Wissenschaft: Das mediterrane Geheimnis

© Gina Mueller

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Den Griechen wird bekanntlich ebenso wie den Japanern eine überaus hohe Lebenserwartung zugeschrieben. Und für Japan bestätigt sich der Top-Wert ganz klar. Platz 1 bei der Weltgesundheitsorganisation, Platz 2 im globalen Ranking der CIA. Und die Griechen? Unter den Top 10 sind sie nicht zu finden. Bei der OECD landen sie mit 84 Jahren für Frauen und 78 Jahren für Männer im Mittelfeld. Selbst Schlaganfall und Herzinfarkt sind an der Ägäis mit in Summe rund 40 Prozent deutlich häufiger für den Tod verantwortlich als in Österreich (26 Prozent). Aber Daten hin oder her, so genau muss man es nicht nehmen, schließlich ist das Land auch in die Eurozone gerutscht. Ein Korrektiv zeigt sich allerdings: Griechenland hat die zweitniedrigste Suizidrate. Nur in Südafrika ist sie noch geringer. Japan dagegen steht am anderen Ende der Skala. Wenn schon nicht mehr am längsten, so leben die Griechen also zumindest fast am liebsten. Dazu tragen Sonne, Meer, Lifestyle und die mediterrane Kost sicherlich bei. Letztere ist sogar nachweislich mit gesundheitlichen Benefits verbunden, und Italien und Spanien liegen tatsächlich weit vorne bei der Lebenserwartung. Wenden wir uns also dem Essen zu.   

Mediterrane Küche

Die mediterrane Küche zählt zu den mit Abstand am besten untersuchten Ernährungsweisen. Bereits in den 1940er-Jahren beobachtete der ligurische Arzt Lorenzo Piroddi bei seinen Patienten einen direkten Zusammenhang zwischen Essgewohnheiten und Stoffwechselerkrankungen. Er empfahl eine Ernährungsweise, die arm an tierischen und reich an pflanzlichen Fetten ist, und gilt als der Vater der mediterranen Diät. Ab den späten 1950er-Jahren untersuchte der amerikanische Mediziner und Ernährungswissenschaftler Ancel Keys die Essgewohnheiten in Finnland, Japan, Griechenland, Italien, Holland, den USA und Jugoslawien und registrierte eine geringere Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen in mediterranen Ländern. Er selbst wurde übrigens 100 Jahre alt, seine Frau Margaret Haney 97 Jahre. Auch heute noch ist das wissenschaftliche Interesse an der mediterranen Diät groß, und die Erkenntnisse können sich sehen lassen. 

Charakteristika am Tisch

Was aber zeichnet die mediterrane Diät aus? Seit den frühen 1960er-Jahren sind die wichtigsten Merkmale: 

  • Viel: Gemüse, Obst, Brot, Getreide, Kartoffeln, Bohnen, Nüsse und Samen sowie saisonale, frische und lokale Lebensmittel (wenig verarbeitet)
  • Wenig bis moderat: Milchprodukte, vor allem Käse und Joghurt, Fisch und Geflügel, Wein zu den Mahlzeiten
  • Wenig: rotes Fleisch
  • Außerdem:
    frisches Obst als typische Nachspeise
    bis zu vier Eier pro Woche
    Olivenöl als wichtigster Fettlieferant 

Hauptsache Olivenöl

In erster Linie wird die mediterrane Kost mit einem Nahrungsmittel in Verbindung gebracht: dem Olivenöl. Es besteht zu 75 Prozent aus einfach ungesättigten Fettsäuren, zu 10 Prozent aus mehrfach ungesättigten Fettsäuren und zu 15 Prozent aus gesättigten Fettsäuren. Auf die Gesundheit wirken vor allem die einfach ungesättigten Fettsäuren sowie die im Öl enthaltenen bioaktiven Substanzen. Dazu zählen sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole. Sie sind in Extra Virgin Olivenöl in deutlich höherer Konzentration enthalten als in raffinierten Ölen und für den bitteren und kräftigen Geschmack verantwortlich. Zudem wirken sie entzündungshemmend, antioxidativ sowie gefäßerweiternd. Hohe Mengen an einfach ungesättigten Fettsäuren steigern darüber hinaus das »gute« HDL-Cholesterin und senken die Triglyzeride, das LDL-Cholesterin, das glykosilierte Hämoglobin, den Nüchternblutzuckerspiegel sowie den systolischen und diastolischen Blutdruck. Sie verbessern also Parameter, die für Herz-Kreislauf-Erkrankungen relevant sind. Einzelne Studien zeigen zudem, dass Olivenöl und Ölsäure mit einem reduzierten Risiko für Brust-, Darm- und Prostatakrebs einhergehen.

Positiv im Gesamten

Für eine umfassende Beurteilung der vorliegenden Erkenntnisse werden immer wieder Studien zusammengefasst und der gesamte Datenpool neu ausgewertet. Man spricht dabei von Meta-Analysen. Sie haben den höchsten Evidenzgrad in der Epidemiologie. Zur mediterranen Diät wurden mittlerweile einige solcher Meta-Analysen durchgeführt. Die Resultate wiesen durchgängig positive Effekte auf die Gesundheit aus. Werden viele Aspekte der mediterranen Diät umgesetzt, verringert sich das Risiko für Schlaganfall um 29 Prozent, für Depressionen um 32 Prozent und für eine kognitive Beeinträchtigung (z. B. Demenz) um 40 Prozent. Geht es um das Risiko für die vorzeitige Gesamtsterblichkeit, Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs-Sterblichkeit, so lässt es sich mit der mediterranen Diät um 6 bis 13 Prozent senken. 

Warum leben die Menschen in der Schweiz, in Japan, Schweden, Norwegen und Australien dennoch länger als jene im Mittelmeerraum? Essen ist eben nur ein Teil des Ganzen. Zur gesamten Lebensweise – und damit zur Gesunderhaltung – tragen viele andere, darunter auch soziale und ökonomische Faktoren wesentlich bei. Also noch mal ein Blick in die OECD-Daten: 1981 trat Griechenland der EU bei und lag zu dem Zeitpunkt mit der Lebenserwartung noch auf Platz 3. Bis dahin war die Siesta gang und gäbe und die meisten Büros und Geschäfte waren nach 14 Uhr geschlossen, so eine Retrospektive aus den 1970er-Jahren. Mit der sukzessiven Anpassung an europäische Arbeitsgewohnheiten begann der schleichende Tod der Siesta. Aber auch das ist nur ein Aspekt unter vielen … 

Weltkulturerbe

2010 wurde die mediterrane Diät in das immaterielle Weltkulturerbe der Menschheit aufgenommen. Beantragt hatten dies Spanien, Italien, Griechenland und Marokko. Sie wollten so die mit dem Anbau, der Ernte, der Lagerung, der Verarbeitung und der Zubereitung von Lebensmitteln sowie dem gemeinsamen Essen verbundenen Kenntnisse, Traditionen und Praktiken der mediterranen Ernährung sichern und aufrechterhalten. 

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 03/2018
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