Wissenschaft: Darm und Immunsystem

Illustration: Gina Müller / carolineseidler.com

Wissenschaft: Darm und Immunsystem

Illustration: Gina Müller / carolineseidler.com

Manche erinnern sich noch an den Hype mit den Probiotika in den 1990er- und Nullerjahren. Vor allem das Immunsystem sollten diese kräftig unterstützen. Dann kam die EU-Health-Claims-Verordnung. Und mit ihr die gesetzliche Grundlage, dass für gesundheitsbezogene Angaben ausreichend wissenschaftliche Beweise vorliegen müssen. Ob das der Fall ist, wird von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) überprüft. Aktuell hat sie europaweit 222 gesundheitsbezogene Angaben zugelassen. Ein positiver Effekt von Probiotika auf das Immunsystem ist nicht darunter. Das bedeutet aber nicht, dass der Darm insgesamt keine Rolle spielen würde. Zu beobachten ist viel eher, dass seither die Forschung punkto Darm und Mikrobiom erst richtig in Fahrt gekommen ist.

Interface mit der Außenwelt

Thema ist dabei häufig das Wechselspiel zwischen Mikrobiom und Immunsystem. Immerhin ist der Gastrointestinaltrakt die größte Oberfläche im Körper, die mit der externen Welt in Berührung kommt. Er ist eine wesentliche Barriere für Eindringlinge in den Körper, und das Immunsystem muss stets entscheiden. Es muss unterscheiden, ob es sich um zu eliminierende Toxine oder pathogene Keime handelt oder um Lebensmittel. Es muss harmlose kommensale Bakterien erkennen und tolerieren, ohne dass eine Entzündung ausgelöst wird. Bakterien, die sich von den Nahrungsrückständen ernähren, ohne den menschlichen Körper zu schädigen, fallen in diese Kategorie. Vom systemischen Immunsystem werden sie im Normalfall ignoriert. Vom Immunsystem in der Darmschleimhaut werden sie sehr wohl über bestimmte Rezeptoren wahrgenommen.

Diese zählen zu den grundlegenden Bausteinen des angeborenen Immunsystems und spielen eine wichtige ­Rolle bei der Aktivierung der erworbenen ­Immunität. Eine frühe mikrobielle Besiedelung des Darms nach der Geburt ist für die Entwicklung des Immunsystems ebenfalls von hoher Relevanz. Bei Vaginalgeburten trifft dies über den Kontakt mit Milchsäurebakterien zu, während bei einem Kaiserschnitt die Hautkeime im Vordergrund stehen. Das scheint sich auf das spätere Leben auszuwirken. Menschen, die über einen ­Kaiserschnitt auf die Welt gekommen sind, neigen eher zu Asthma, Neurodermitis oder Autoimmunerkrankungen. Auch Stillen hat einen langfristigen Effekt, indem es frühzeitig die Ansiedlung von günstigen Darmkeimen fördert.

Genussreiche Pflege

»Je größer die Vielzahl unterschiedlicher Darmbakterienarten, desto besser für den Menschen – ähnlich einer bunten, artenreichen Wiese aus vielen verschiedenen Pflanzen, bei der kaum auffällt, wenn mal eine ­besonders empfindliche Pflanzenart den ­trockenen Sommer nicht überlebt. Der edle, gleichmäßig gewachsene Rasen mit nur ­wenigen Grassorten wäre längst verdorrt«, schreibt Friedrich Bohlmann, regelmäßiger Autor in der Zeitschrift der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung »Tabula«. Und tatsächlich ist eine hohe Diversität an Darmbakterien äußerst erstrebenswert. Sie schützt vor Störungen des Mikrobioms und damit auch vor einem fehlreagierenden Immunsystem.

Die wichtigsten Wachstumssubstrate der Darmbakterien sind Nahrungsbestandteile, die in den Dickdarm gelangen. Futter für die Darmbakterien sind in erster Linie Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Gemüse und Obst. Deren Bestandteile werden bei der Verdauung nicht bzw. nur unvollständig verwertet, von den Darmbakterien jedoch zu kurzkettigen Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat abgebaut. Ein Mangel an Butyrat ist mit chronischen Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Adi­positas verbunden. Auf die Komposition der Darmbakterien wirken zudem Polyphenole positiv. Sie begünstigen das Wachstum von nützlichen Mikroorganismen, während sie die Entwicklung von pathogenen Stämme hemmen. Und die Aufnahme von Polyphenolen ist für Genussmenschen wahrlich nicht schwer: neben Obst und Gemüse mit Tee, ­Kaffee, Kakao und Rotwein.

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