Winzer des Jahres: Christoph Neumeister im Portrait

Christoph Neumeister aus Straden im Vulkanland Steiermark ist neuer Winzer des Jahres.*

© Rafaela Proell

Christoph Neumeister aus Straden im Vulkanland Steiermark ist neuer Winzer des Jahres.*

© Rafaela Proell

Das moderne Weingut Neumeister ist so gebaut, dass man die Gesetze der Schwerkraft optimal einsetzen kann. Auf unspektakuläre Weise wurde es in einen Hang integriert, und der Besucher betritt es von oben und arbeitet sich zum fertigen Wein nach unten durch, geht damit den gleichen Weg wie die Trauben. Es erwarten ihn ebenso außergewöhnliche Weine wie ein ungewöhnliches Interieur. Innenarchitekt Andreas Burghardt bereicherte den Hangbau von Werner Schüttmayer mit einer Atmosphäre, die den Wein selbst ins Zentrum des kommunikativen Geschehens rückt. Denn die Trennwände in Verkaufs- und Verkostungsräumen sind aus Abertausenden – leeren, versteht sich – grünen Weinflaschen komponiert.

Im Jahr 1998 wurde der Neubau des ­Kellers konzipiert, das war auch das Jahr, in dem Christoph Neumeister nach Hause zurückkehrte, um an der Seite seines Vaters Albert in den Weinbau einzusteigen. »Ich hatte zehn Jahre lang neben meinem Vater die Gelegenheit, unsere Rebflächen in und rund um Straden kennenzulernen. Wir bewirtschaften seither in etwa die gleich groß bleibende Fläche von rund 30 Hektar, der Großteil der Böden ist karg, schottrig und kalkhaltig, insgesamt ist es ein ziemlicher Fleckerlteppich«, erzählt Christoph Neumeister, ehe wir die Verkostung der jüngsten Jahrgänge seiner Weine beginnen. Er hatte die Zeit, sich in den Betrieb einzufühlen und sich einen Plan zur langfristigen Entwicklung des Weinguts zurecht­zulegen.

Im Gespräch mit dem Winzer wird schnell klar, dass man einen Menschen mit intellektuellem Tiefgang vor sich hat, der eine Vielzahl an Interessen wie Politik, Musik oder Literatur hat, die eine komplexe Persönlichkeit ausmachen. Er ist ebenso regional verwurzelt – beispielsweise als Obmann der Winzer im Vulkanland – wie weit gereist. Was seine Weine betrifft, so bezeichnet er diese als konservativ: »Meine Weinlinie ist stark von der Gegend hier inspiriert, ich würde sagen, wir sind relativ stur beim Abbilden der Gegebenheiten und immun gegen moderne Stilistik.« Eine abgeklärte Einstellung in einer Welt, in der gerade junge Winzer denken, sie müssten das Rad täglich neu erfinden.

Christoph Neumeister hat im Jahr 2008 die Verantwortung am Weingut zur Gänze übernommen, heute ist der Betrieb voll biozertifiziert.**

© Rafaela Proell

Fan von Transparenz

Und natürlich hat auch Christoph Neumeister immer wieder neue Wege beschritten. So hat er Mitte der 2000er-Jahre die Etikettenlinie runderneuert. Als er 2008 das Weingut offiziell übernahm, stellte er den Betrieb auf Bio um, heute ist das Weingut Neumeister längst zur Gänze zertifiziert biologisch. »Mir ist wichtig, dass die gesamte Palette der Weine vom Einstieg bis zur Spitze ehrlich und nachvollziehbar ist. Was ich im Keller mache, ist schnell erklärt: Ich wünsche mir vollreife Trauben, aus denen ich Weine mit moderatem Alkohol erzeugen kann. Ich bin erklärter Befürworter von Maischestandzeiten, ein Fan von Spontangärung und Transparenz und lasse die Weine lange auf der Grobhefe. Im Idealfall entstehen Weine mit guter Säurestruktur und Balance.« Gefragt, wie er seine Weine in eine Definition packen würde, kommt spontan die Antwort: »Es sind schüchterne Weine mit gutem Schwung nach oben.« Und das trifft zu, denn die Neumeister-Weine zählen zu den Vertretern der ruhigen Art, ­alles Vorlaute ist ihnen fremd. Was sich für den Kellermeister einfach erklärt: »Wir sind eben Trinker und keine Riecher. Und daher spielt es sich bei uns am Gaumen und nicht so sehr in der Nase ab.«

Die Lage, die die Familie Neumeister am längsten besitzt, trägt den einprägsamen Namen Moarfeitl; sie liegt auf einem einige Kilometer im Nordwesten Stradens gelegenen Hochplateau oberhalb der Ried Augenweide auf rund 340 Metern Seehöhe mit südsüdwestlicher Exposition und ist an drei Seiten mit Wald umgeben. Der Boden des Moarfeitl, klassifiziert als Große STK Ried, besteht aus Silt auf Sarmatschotter und setzt sich aus Kalk, Sand und lehmigem Schluff zusammen. Hier wurden 1990 auf rund 2,2 Hektar die Rebsorten Sauvignon Blanc und Morillon gepflanzt, die hier gewonnenen Weinen ruhen ins sich und reifen langsam zu jener Tiefgründigkeit, Komplexität und Mineralität, die große Weine auszeichnen.

Während der Sauvignon Blanc stets in größeren Holzgebinden spontan vergoren und dann für eineinhalb Jahre auf der Feinhefe im Edelstahl ausgebaut wird, gärt der Morillon in kleinen Fässern und wird anschließend 18 Monate im großen Holzfass geschult. Die zweite Große STK Ried der Familie ist der Saziani. Dieser frei liegende Schotterkegel erhebt sich direkt hinter der »Saziani Stub’n« auf bis zu 380 Meter Seehöhe und bietet nach West und Süd orientierte warme Steillagen. Auf dem kalkhaltigen Boden wurde von 1971 bis 1998 auf 4,3 Hektar der für die Stradener Zone so typische Grauburgunder ausgepflanzt, der hier tief eingewurzelt Weine von enormer Konzentration und mit großem Reifepotenzial hervorbringt.

Etwa drei Kilometer südwestlich von Straden in der Gemarkung Wieden liegt die Erste STK Ried Klausen, eine rund sieben Hektar große Lage auf einem Höhenrücken mit Ausrichtung gegen Ost und Südost. Hier herrschen Sandstein und stark kalkhaltige Sedimente vor, die Hangneigung erreicht bis zu 65 Prozent. Die Ried Klausen ist Heimat für Rebstöcke der Sorten Sauvignon Blanc und Weißburgunder, die für ein Jahr in alten großen Holzfässern gereift werden. Auch eine kleine Menge Pinot Noir wird hier erzeugt.

Das Abbilden der näheren Heimat, der Region rund um Straden im südoststeirischen Vulkanland, ist das Ziel von Christoph Neumeister.***

Das Abbilden der näheren Heimat, der Region rund um Straden im südoststeirischen Vulkanland, ist das Ziel von Christoph Neumeister.***

© Rafaela Proell

Neumeister erzeugt nach seiner Eigendefinition schüchterne Weine mit gutem Schwung nach oben.
Neumeister erzeugt nach seiner Eigendefinition schüchterne Weine mit gutem Schwung nach oben.

© Rafaela Proell

Uralte Reben aus Stockkultur

Die Erste STK Ried Steintal befindet sich direkt am Stradener Himmelsberg auf 360 Metern Seehöhe. Hier wächst in stei­-ler Südlage auf leicht kalkhaltigen Böden auf eineinhalb Hektar der rare Rote Traminer, der 1971 ausgepflanzt wurde. Etwas weiter östlich ist der Boden stärker kalkhaltig, und hier steht in der Ried Buchberg eine echte Rarität. Hier verfügt die Familie Neumeister über den wahrscheinlich ältesten Weingarten mit Sauvignon-Blanc-Reben österreichweit, ursprünglich eine Stockkultur, die 1937 angelegt wurde. Nur händisch bearbeitbar, wird in diesem Weingartenjuwel eine sehr kleine Menge an Topmaterial gelesen, die zum Sauvignon Blanc Alte Reben verarbeitet wird. Der zweitälteste Sauvignon-Blanc-Garten stammt aus 1967 und befindet sich in der Ried Klausen. Die Alten Reben werden ganz traditionell im großen Holzfass vergoren und frühestens nach drei Jahren Reife auf die Flasche gebracht. Seit dem Jahrgang 2018 bilden die Gebietsweine mit der Herkunftsbezeichnung Vulkanland Steiermark DAC die Sortimentsbasis. Als Nachfolger der Kategorie »Steirische Klassik« präsentieren sich hier lebendig-­elegante Sortenweine aus Welschriesling, Gelbem Muskateller und Weißburgunder – geprägt von einem durchwegs ernsthaften, kulinarisch intendierten Ansatz. Als Ortsweine aus Straden werden Sauvignon Blanc, Morillon und Grauburgunder angeboten, dazu gesellt sich noch ein Gemischter Satz aus einem uralten Weingartenbestand. 


Darüber residieren die facettenreichen und lagerfähigen Sortenweine aus den bereits vorgestellten Ersten und Großen STK Rieden. Die Rotweinauswahl geht vom klassischen Zweigelt über die samtige Cuvée de Merin aus Zweigelt und Merlot bis zum Pinot Noir Ried Klausen. In geeigneten Jahren wie zuletzt 2010, 2013 oder 2017 werden in der Ried Saziani kleine Mengen von ausgezeichneten Trockenbeerenauslesen geerntet, die auch international mit Lobeshymnen bedacht werden. Vielfältig ist das Angebot weiterer Produkte, das sich aus Trauben gewinnen lässt: der Saziani Brut Rosé Sekt, Tresterbrände, aber auch Verjus und im kleinen Eichenfass gereifter Altsteirischer Weinessig werden angeboten, vielleicht demnächst auch des Seniorchefs Albert Neumeister feiner Wermut, den man bislang nur im Restaurant »Saziani Stub’n« bekommt. Und hier, begleitet von der finessenreich reduzierten Küche von Harald Irka, kann man die Neumeister in ihrem ­eigenen Habitat optimal genießen.


Produktion: Thomas Hopferwieser
Styling:
Simon Winkelmüller
Grooming: Martina Fasching

Fashion:
* Gestreiftes Hemd: Club of Gents über Peek&Cloppenburg
** Rollkragenpullover: Falconeri
*** Rollkragenpullover: Falconeri / Blazer: Vintage Yohji Yamamoto / Hose: Emporio Armani über Peek&Cloppenburg
**** Rollkragenpullover: Falconeri / Blazer: Vintage Yohji Yamamoto / Hose: Emporio Armani über Peek&Cloppenburg / Schuhe: Converse

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