Maurer & Scheuba
Maurer & Scheuba © Ingo Pertramer

Die Preis- und Prestigekategorien, die Verzierung mit Hauben und Sternen, die Unterscheidung nach traditionellen und progressiven, nach lokalen oder globalen Küchenstilen sind letztlich nur Pipifax und Oberflächenglasur: Entscheidend ist, ob das Lokal dazu da ist, dem Wirt, oder dazu, dem Gast das Leben schöner zu machen. Dass auch die Betreiber von Gasthäusern über den Umweg der Kundenverwöhnung Geld verdienen und sich somit das Leben schöner machen wollen, ist zweifellos richtig, aber in diesem Zusammenhang völlig wurscht.

Ein Lokal, in dem es ordinären Trotteln mit Geld gestattet ist, kumpelhaft den Chef zu knuddeln, halblustig die Chefin anzubalzen, mit Opernstimme den Speisesaal zu beschallen, den Ober zur Schnecke zu machen, dem Sommelier Nachhilfe zu erteilen, prinzipiell Dinge zu bestellen, die nicht auf der Karte stehen, und Weine zu beanstanden, die völlig in Ordnung sind, und das deswegen, weil ja der ordinäre Trottel verlässlich ein fettes Trinkgeld auf die verlässlich fette Rechnung drauflegt: Ein solches Lokal ist ein Gast- und kein Wirtshaus, so groß kann der Mercedes, den der Wirt sich als Kompensation kauft, gar nicht sein.

Ein Lokal hingegen, in dem der Gast ständig das Gefühl hat, eine bedauerliche ästhetische Beeinträchtigung zu sein, ein menschengestaltiges Ärgernis, welches nicht nur das bis zu seiner Ankunft makellose Ambiente durch seine schiere Gegenwart ruiniert, sondern gleich auch noch das ätherisch sublime Konzept der Küche besudelt, deren bis zur Neurasthenie verfeinerte Kreationen er durch plumpes Auffressen entweiht, wodurch die beachtliche Summe, die der Gast zu entrichten hat, entgegengenommen wird wie ein unangemessen niedriges Schmerzensgeld: Ein solches Lokal ist ein Wirtshaus, egal, wie sehr sich der Gast damit wichtigmacht, überhaupt einen Tisch gekriegt zu haben. Allerdings zeigen auch schon diese beiden Beispiele, dass es für gewöhnlich weder das Gast- noch das Wirtshaus in reiner Form gibt, zumindest wenn man nicht gerade Leibkoch eines Sultans ist oder eine Gefängniskantine betreibt.

Wie in allen Beziehungen mit einer sadomasochistischen Dynamik herrscht auch in der zwischen Wirt und Gast ein beständiges Hin und Her zwischen Dominanz und Unterwerfung. Und wie überall, wo starke Sehnsüchte walten, hat auch hier die freie Marktwirtschaft ein Bedürfnisbefriedigungsangebot zu machen. Geben tut es das bisher allerdings erst im derzeit wohl marktwirtschaftlichsten Land der Erde, in China nämlich. Wir zitieren aus dem »Kurier«: »Ein großes Thema: Stressbewältigung und Aggressionsabbau. In der Rising Sun Anger Release Bar in Nanjing im Osten Chinas darf der Gast seinen Emotionen freien Lauf lassen und das Personal schlagen. Auch Gläser dürfen zertrümmert werden. In der Bar sind 20 muskulöse Männer angestellt, die sich die Fausthiebe und Beleidigungen der Gäste gefallen lassen.«

Mit anderen Worten: das totale Gasthaus. Gut vorstellbar ist, dass diese Einrichtung bevorzugt von jenen aufgesucht wird, die ansonsten Wirtshäuser wie das oben beschriebene frequentieren. Und ebenfalls gut vorstellbar ist, dass aber auch auf der anderen Seite, von den Köchen und Kellnern, und hier vor allem bei jenen, die in Gasthäusern wie dem oben beschriebenen arbeiten, ein Gegenstück gewünscht wird. Ein Schwesterlokal der Rising Sun Anger Release Bar (möglicher Name: Judgement Day), in dem die Erniedrigten und Beleidigten endlich den Gästen ihre schlechten Witze mit Stoffservietten zurück in die Großmäuler stopfen können, das Gemaule der Querulanten im Blubbern der ihnen übergestülpten Hummersuppenterrinen erlischt und den Nervensägen hell klingende  Champagnermagnums über die Dummköpfe gezogen werden.

Eines aber hätten diese Extremvarianten des Wirts- bzw. Gasthauses mit den beiden zuvor skizzierten Standardvarianten gemeinsam: Es gibt Gründe, hinzugehen. Aber wie es dort schmeckt, ist eigentlich völlig wurscht.

von Thomas Maurer & Florian Scheuba

aus Falstaff 02/2010