Wie Paul McCartney zum Vegetarier wurde

Ab den 1990er-Jahren setzten sich Paul und Linda McCartney für den fleischlosen Lebensstil ein.

© PA Images / Getty Images

Wie Paul McCartney zum Vegetarier wurde

Ab den 1990er-Jahren setzten sich Paul und Linda McCartney für den fleischlosen Lebensstil ein.

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»Ich muss zweifellos zu den besten Künstlern des 20. Jahrhunderts gezählt werden«, sagte Ex-Beatle Paul McCartney im Jahr 1991 selbstbewusst. Schließlich habe kein anderer Musiker so viele Alben verkauft und so oft die Charts angeführt wie er. Stimmt natürlich. Doch der Mann aus Liverpool ist bis dato nicht nur einer der erfolgreichsten Musiker der Welt, sondern auch einer der bekanntesten Vegetarier, Tierschützer und Umweltaktivisten unserer Zeit. Erst 2019 veröffentlichte er das Buch »Less Meat, Less Heat – Ein Rezept für unseren Planeten«. Darin versucht er klarzumachen, dass der Verzicht auf Fleisch das beste Mittel ist, den Klimawandel zu bekämpfen.

Dabei wäre der Sänger, Bassist und Komponist so legendärer Songs wie »Yesterday«, »Penny Lane«, »Hey Jude« oder »Let it be« wahrscheinlich nie Vegetarier geworden, hätte er nicht 1969 die Fotografin Linda Eastman bei einem Fotoshooting kennengelernt. Für sie löste der begehrteste Junggeselle seiner Zeit die Verlobung mit der Schauspielerin Jane Asher, um nur wenig später »seine große Liebe« zu heiraten. Mit diesem Ja-Wort brach der vor allem bei weiblichen Fans beliebteste der »Fab Four« unzählige Herzen. Und Linda wurde zum öffentlichen Feindbild. Was Paul, dem die schönsten Frauen zu Füßen lagen, an der geschiedenen, eher unscheinbaren Amerikanerin gefiel, verstanden damals die wenigsten. Doch all das ließ den Sunnyboy kalt. Er wusste, dass sie der richtige Mensch an seiner Seite war. Linda sei es gewesen, der er sein Leben verdanke, sagte Paul viele Jahre später. Sie hätte ihn davor bewahrt, sich weiterhin Drogen- und Alkoholexzessen hinzugeben, die in den wilden Sechzigern auf der Tagesordnung gestanden seien – und die viele seiner Berufkollegen nicht überlebten.

Auch nachdem sich die Beatles 1970 im Streit getrennt und Paul mit Depressionen zu kämpfen hatte, weil ihm jede Orientierung fehlte, half sie ihm, seinem schwarzen Loch zu entfliehen. »Lass uns einfach davonlaufen, sagte Linda zu mir. Und genau das taten wir auch«, erinnerte sich McCartney später. Aus steuerlichen Gründen hatte er schon 1968 die Farm High Park im schottischen Campletown gekauft. Dorthin zog sich das Paar 1970 zurück und begann, sich neu zu erfinden. So kam es, dass Paul und die hochschwangere Linda schon ein Jahr später gemeinsam mit zwei weiteren Musikern die Band »The Wings« gründeten und in der Scheune der Farm probten.

Paul McCartney mochte Tiere schon immer – und er machte kein Hehl daraus. 1965 kaufte er eine Bobtail-Hündin und besang sie kurz darauf liebevoll in dem Song »Martha, My Dear«. Und auch Linda liebte die Natur und Tiere über alles. Das sorgte in ihrem Londoner Domizil in der noblen Cavendish Avenue mitunter für erhebliche Probleme mit der Nachbarschaft. Denn Linda verwandelte das schicke Junggesellenhaus mit der Zeit in einen Stadtbauernhof. Statt einem englischen Rasen und gepflegten Blumenbeeten fanden sich alsbald Kaninchen, Enten, Hühner und ein krähfreudiger Hahn im Garten. Letzterer störte die Nachbarn sehr, aber auch das Gebell der zahlreichen Hunde führte immer wieder zu empörten Anrufen bei der Polizei. Keine Frage, auf der schottischen Halbinsel Kintyre waren die freiheitsliebenden McCartneys mit ihren vier Kindern besser aufgehoben. Umgeben von Schafen, Hühnern, Pferden und Hunden, die dort niemanden störten, genossen sie ihr Dasein.

Allerdings: auf Fleisch wollten damals noch weder Linda noch Paul verzichten. Beiden schmeckte es nämlich vorzüglich. Vor allem war der aus einer gutbürgerlichen Liverpooler Mittelschichtfamilie stammende Paul von Kindesbeinen an gewohnt, mehrfach in der Woche Fleisch am Teller zu haben. Wochentags hatte seine Mutter Mary Lamm, Schwein, Steaks sowie Leber serviert und am Sonntag einen Rinderbraten mit Yorkshire Pudding, der mit reichlich Tate & Lyle’s Golden Syrup übergossen war. Frisches Gemüse gab es hingegen selten und Obst vor allem aus der Dose. Pfirsiche, Birnen und Mandarinen, ertränkt in Vanillesauce oder Kondensmilch, mochte Paul laut eigenen Angaben damals am liebsten. 

Auch Linda verwöhnte Familie und Gäste gerne mit ihrem faschierten Braten (ihr Rezept veröffentlichte sie sogar in der Zeitschrift Arizona Daily Star), mit Burgern und Lammkoteletts. Auf High Park wurden jedes Frühjahr zur großen Freude der ganzen Familie Hunderte Lämmer geboren. Die Kinder liebten die Tiere, gaben ihnen Namen und zogen die schwächeren mit der Flasche auf. Sie sahen auch zu, als die Lämmer Monate später auf den Laster verladen und auf den Viehmarkt nach Campeltown gebracht wurden, dachten sich aber nichts weiter dabei. Eines schönen Sommertages bei einem Mittagessen sei ihnen jedoch die Erkenntnis wie Schuppen von den Augen gefallen, erzählte Paul McCartney später: »Wir sahen lauter junge, süße Lämmer fröhlich auf den Wiesen herumspringen, während wir Lammkeule auf unseren Tellern hatten. Linda und ich sahen uns an und hatten denselben Gedanken: Vielleicht sollten wir überlegen, wie wir künftig ohne Fleisch auskommen.« 

Gedacht, getan. Dank ihrer hervorragenden Kochkünste fiel es Linda nicht schwer, ihre Kinder von der neuen Lebensweise zu überzeugen. »Mum sagte zu uns, dass wir zu Hause von nun an nur mehr vegetarisch essen würden, wir aber außer Haus Fleisch essen könnten, wenn wir wollten. Aber das taten wir nie. Wir vermissten es nämlich nicht«, erinnert sich ihre Tochter Mary McCartney.

Linda und Paul begannen sich immer aktiver für den Tierschutz und Vegetarismus einzusetzen. Etwa, indem sie in der Öffentlichkeit auf das Elend der Tiere in Massentierhaltungen aufmerksam machten. Anfänglich fanden ihre Bemühungen nur wenig Anklang. Doch Linda erkannte schnell, dass es vielen Menschen nicht am Willen fehlte, fleischlos zu essen, sondern an Ideen für vegetarische Gerichte. So begann sich aus ihrem Einsatz für Tiere ein richtiges Business zu entwickeln. Sie gab mehrere Kochbücher mit einfachen, fleischlosen Speisen heraus, die allesamt zu Bestsellern wurden. 1991 gründete sie eine »Veggie-Food-Company« und vertrieb unter der Marke »Linda McCartney’s Food« vegetarische und vegane Tiefkühlprodukte weltweit, und zwar mit immer größerem Erfolg. Die BSE-Krise (»Rinderwahnsinn«) in Großbritannien leistete dazu Mitte der 1990er zweifellos einen Beitrag. Beim Anblick torkelnder Kühe und brennender Tierkadaver verging sogar eingefleischten Steakessern der Appetit. 

Paul unterstütze seine leidenschaftliche Frau bei all ihren Aktivitäten – mitunter auf sehr kreative Weise. So traten Linda und Paul 1995 in der Zeichentrickserie »The Simpsons« auf – die beiden öffnen der kleinen Lisa Simpson die Augen, dass es einen Zusammenhang zwischen süßen Lämmchen und Lammkeule gibt. Lisa wird daraufhin zur Vegetarierin. Und bleibt es auch während der ganzen Serie. Eine Bedingung, auf der das Ehepaar McCartney bestand, bevor sie ihre Mitwirkung zusagten. 

Kurz zuvor hatte Linda McCartney erfahren, dass sie an Brustkrebs erkrankt war. Sie versuchte ihre Krankheit so lange wie möglich vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Unter anderem hatte sie die Sorge, die Menschen könnten sie auf ihre vegetarische Ernährung zurückführen. Dabei hatte sie doch immer betont, dass fleischlose Ernährung das Krebsrisiko verringern würde – und das auch auf die Verpackung ihrer Tiefkühlgerichte drucken lassen. 

Trotz Operation und zahlreicher Chemotherapien engagierte sie sich weiterhin für ihre geliebten Tiere. Ihre Überzeugungen haben auch ihre vier Kinder übernommen. Als ihre Tochter Stella McCartney 1997 als neue Chefdesignern des Modehauses Chloé ihre erste Kollektion präsentierte, betonte sie, dass sie den Tieren zuliebe ganz bewusst auf Leder und Pelze verzichtet habe. Und dass ihre Mutter die stärkste Inspirationsquelle für sie sei. Paul und Linda, von den Behandlungen schon schwer gezeichnet, saßen bei der Fashionshow voller Stolz in der ersten Reihe. Wenige Monate später verlor Linda den Kampf gegen den Krebs. 

So schwer ihr Verlust für die Familie gewesen sei, so selbstverständlich sei für ihren Vater und ihre Geschwister eines gewesen: »Das Vermächtnis meiner Mutter am Leben zu erhalten«, sagte Mary McCartney erst kürzlich in einem Interview. Gemeinsam starteten sie die Kampagne »Meatfree Monday«, um die Menschen dazu zu bringen, wenigstens an einem Tag in der Woche auf Fleisch zu verzichten. Und Mary, die – wie ihre Mutter – Fotografin ist, fabriziert seit Anfang des Jahres in ihrer eigenen Kochshow »Mary serves it up!« fleischlose Gerichte vor laufender Kamera. 

Auch ihr Vater und ihre Schwester Stella engagieren sich weiterhin: Erst vor wenigen Tagen erschien das Kochbuch »Linda McCartney’s Family Kitchen«. Darin finden sich die Lieblingsrezepte der McCartneys wie etwa Chili-Non-Carne. Als Paul mit seinen Töchtern das Buch präsentierte, sagte er: »Linda hat vor über 30 Jahren den Weg für fleischlose Küche geebnet. Sie war eine Pionierin.« Und Stella ergänzte: »Meine Mutter war ihrer Zeit voraus. Und ihr Geist ist immer noch am Leben.«

Zum Rezept


Paul McCartney: Musiker, Tierschützer, Vegetarier

Als Jim McCartney seinem Sohn zu dessen 13. Geburtstag im Jahr 1955 eine Trompete schenkte, ahnte er nicht, wozu er damit den Anstoß geben würde. Nur fünf Jahre später gründete Paul gemeinsam mit John Lennon die Beatles. Bald wurde der smarte Sänger der beliebteste der »Fab Four«. Wenn der Liverpooler mit seinen treuherzigen Augen »All you need is love« oder »Help!« auf der Bühne anstimmte, tobten vor allem die Zuschauerinnen vor Begeisterung. 

Heute, sechs Jahrzehnte später, macht McCartney immer noch Musik. Genauso sehr widmet er sich aber einer anderen Sache: Der überzeugte Vegetarier setzt sich für Tiere und die Rettung der Umwelt ein. »Wenn Schlachthäuser Wände aus Glas hätten, wäre jeder Vegetarier«, sagte Paul McCartney, als er im Jahr 2010 das erschütternde Video »Glass Walls« der gemeinnützigen Organisation PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) veröffentlichte. Darin sieht man, wie Tiere in Massentierhaltung dahinvegetieren, wie sie später in Transporter eingepfercht zu Schlachthäusern gefahren werden – und was dort mit ihnen passiert. Vergangenes Jahr erinnerte McCartney seine Fans erneut daran: »Ob es Ihnen nun um die Krankheiten geht, die in Schlachthäusern ihren Anfang nehmen, um die Tiere, die so schrecklich und völlig unnötig leiden, oder um den katastrophalen Einfluss der Fleischindustrie auf unsere Umwelt – bitte sehen Sie sich dieses kurze Video an und teilen Sie es mit Ihren Freunden.« Seinem Aufruf folgten unzählige Menschen.

Kommendes Jahr wird der Musiker 80 Jahre – und die gesamte Musikwelt wird sich vor ihm verneigen. Bereits jetzt gefragt, was er sich wünsche, antwortete er: »Alles, was ich mir je zu meinem Geburtstag gewünscht habe, ist Frieden auf Erden – auch für alle Tiere

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Falstaff Nr. 06/2021
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