Whisky: Verliebt in einen Single

In den Fässern reift der Whisky

Adriana Pfaffel

In den Fässern reift der Whisky

Adriana Pfaffel

In den Fässern reift der Whisky / © Adriana Pfaffel
In den Fässern reift der Whisky / © Adriana Pfaffel

Viele Faktoren haben den schottischen Whisky erst Mitte des 19. Jahrhunderts – mit Unterbrechungen während der großen Kriege – auf eine langfris­tige Erfolgsspur geführt. Maßgebend war dabei die rasch steigende Popularität der sanften und mit perfektem Marketing ausgestatteten Blend Whiskys – nicht zuletzt in den USA nach der Prohibitionszeit. Bekannte Whisky-Marken wie Johnnie Walker, Ballantine’s oder Chivas Regal sind das Erbe der berühmten Whisky-Dynastien im 19. Jahrhundert. Der Innovationsgeist von Leuten wie Alexander und John Walker, George Ballantine, James Chivas oder Andrew Usher hinterlässt somit bis heute seine Spuren.

Einen Meilenstein markierte die Familie Grant, Eigentümer der Glenfiddich Distillery. 1886 von William Grant gegründet, setzten seine Nachfahren ab 1963 konsequent auf die Produktion und weltweite Vermarktung von Single Malt Scotch Whisky. Von der Konkurrenz, die weiterhin ihr Augenmerk auf Blends richtete, vorerst nicht ernst genommen, entwickelte sich Glenfiddich zur weltweit erfolgreichsten Single Malt Marke. William Grant & Sons befindet sich nach wie vor im Familienbesitz und konnte die Stellung von Glenfiddich als meistverkaufter schottischer Single Malt bis heute erfolgreich verteidigen.

 

Laphroaig Quarter Cask: seit jeher der intensivste Islay Single Malt / Foto beigestellt
Laphroaig Quarter Cask: seit jeher der intensivste Islay Single Malt / Foto beigestellt

Schlussendlich erkannten fast alle Brennereien oder deren Eigentümer die Zeichen der Zeit. Viele der besten Fässer wurden selektiert und nicht mehr für Blends verwendet. Es begann der weltweite Siegeszug der Single Malts, die bis dahin vornehmlich als regionale Spezialitäten innerhalb der schottischen Grenzen angeboten wurden.

Der schottische Single Malt ist dabei weit mehr als eine einfache Spirituose. Er ist ein Teil der schottischen Kultur und des Selbstverständnisses einer Nation, die durch historische, kulturelle aber auch politische Bruchlinien geprägt ist.
Es schwingt sicherlich etwas Sozialromantik mit, wenn bei einem Glas Single Malt die schottischen Clans mit ihrem Unabhängigkeitsstreben, Kilts und Dudelsäcke, weite schottische Moorlandschaften, schroffe Küs­ten oder einsame Inseln in der Fantasie des Genießers auftauchen. Es scheint, als ob nicht nur das Getreide, sondern auch alle Facetten Schottlands in destillierter Form vereint seien. Malt Whisky – sozusagen ein Botschafter Schottlands.

 

Michael »Mickey« Heads, DistilleryManager der Ardbeg Distillery auf Islay / Foto beigestellt
Michael »Mickey« Heads, DistilleryManager der Ardbeg Distillery auf Islay / Foto beigestellt


Michael »Mickey« Heads, DistilleryManager der Ardbeg Distillery auf Islay / Foto beigestellt

Nicht nur Genießer und Sammler, auch Investoren sind dem Reiz dieser Spirituose seit Ende der 1980er-Jahre mehr und mehr erlegen. War dieses Phänomen vorerst in erster Linie auf Europa und die USA beschränkt, werden die aktuellen Wachstumszahlen vor allem von Ländern in Asien, Südamerika und auch Osteuropa bestimmt. Sogar viele afrikanische Staaten weisen zweistellige Zuwachsraten auf.

Die Exporte von Scotch Whisky sind in den letzten zehn Jahren weltweit um 80 Prozent gestiegen. Dabei ist der Anteil der Single Malts mit einem Volumen von rund 10 Prozent relativ gering. Whisky boomt, die Brennereien laufen auf Hochtouren. Trotzdem gibt es einen Unsicherheitsfaktor. Niemand kann voraussagen, wie hoch der Bedarf an Whisky in – sagen wir – zehn Jahren sein wird. Ökonomische Bedingungen, Krisen und viele andere Faktoren beeinflussen die Nachfrage und sind kaum prognostizierbar.

 

Glenmorangie Nectar D'Or / Foto beigestellt
Glenmorangie Nectar D'Or / Foto beigestellt

Bereits in den frühen 1970er- bis Mitte der 1980er-Jahre entstand aufgrund gesunkener Nachfrage ein Überangebot von Whisky. Als Folge wurden zwischen 1983 und 1985 eine Reihe namhafter Brennereien geschlossen, großteils abgerissen oder für andere Zwecke umgebaut. Port Ellen, Banff, Brora, Glenlochy oder Glen Mhor, Brennereien mit einem großen Namen, einem dementsprechenden Image, aber kaum noch existierenden Fässern. Die Preise für Abfüllungen dieser historischen Brennereien stiegen in den letzten Jahren ins Astronomische. Der Zeitpunkt, zu dem das letzte Fass aus den »lost distilleries« ausgetrunken oder zumindest verkauft sein wird, rückt unaufhaltsam näher.

Der gegenüber den Prognosen geringere Absatz in den 1970er- und 1980er-Jahren hatte zwischenzeitlich jedoch auch eine positive Folge. Eine erhebliche Anzahl an alten Fässern verblieb viele Jahre in den Lagerhäusern und ermöglichte den meisten Brennereien nach Abwarten von mehreren Jahrzehnten, Abfüllungen von 25- bis 50-jährigen Malt Whiskys zu relativ günstigen Preisen auf den Markt zu bringen. Die starke Nachfrage der letzten Jahre hat die Lager an alten Fässern jedoch rascher als erwartet schrumpfen lassen, was zur Verknappung und einem starken Preisanstieg in diesem Segment führte.

Straight from the still
Der Großteil der Brennereien sieht in der Einführung von Whiskys ohne Altersangabe eine Möglichkeit, das Angebot der immer höheren Nachfrage anzugleichen. Übrigens eine Lösung mit Tradition. Noch in den 1970er- Jahren war es recht unüblich, Altersangaben auf Etiketten von Whiskyflaschen zu drucken. Bis ungefähr 1820 wurde der Vorteil der Fassreifung noch gar nicht erkannt, und es wurde »straight from the still« verkauft. Erst allmählich setzte sich eine gezielte Fasslagerung durch, und in den 1980er-Jahren begannen nach und nach Whisky-Connaisseurs Wert auf Altersangaben zu legen.

 

Moorlandschaft: Malt Whisky als Botschafter Schottlands / © Shutterstock
Moorlandschaft: Malt Whisky als Botschafter Schottlands / © Shutterstock

Moorlandschaft: Malt Whisky als Botschafter Schottlands / © Shutterstock

Sicherlich folgen noch nicht alle Distilleries dem Trend zum NAS (No Age Statement). Gerade traditionelle Unternehmen, wie die im Familienbesitz von J & G Grant befindliche Glenfarclas Distillery, sind sehr stolz, Malts mit einem Alter zwischen 10 und 40 Jahren anbieten zu können. Doch auch John Grant, Eigentümer von Glenfarclas, gibt zu, dass beim derzeitigen Verkaufslevel die Kapazitäten in Zukunft nicht ausreichen werden, das aktuelle Portfolio beizubehalten.

Arran 14 years old / Foto beigestellt
Arran 14 years old / Foto beigestellt

Die Big Player
Aktuell ist die schottische Whiskyproduktion durch mehrere Faktoren geprägt: Einerseits befinden sich viele Brennereien im Besitz von großen Konzernen. Diageo, Pernod Ricard, Moët Hennessy oder die Edrington Group haben die Kontrolle über die meisten schottischen Brennereien. Gemeinsam mit Bacardi, Campari oder Remy Cointreau (mit der kürzlich erfolgten Übernahme der unabhängigen Bruichladdich Distillery) sind sie sozusagen die Big Player und besitzen im Regelfall auch die Markenrechte an bekannten Blend-Marken. Um den Bedarf an Malt Whisky für diese Blends zu decken, wurden in den letzten Jahren von den Konzernen mehrere »Super-Distilleries« wie Roseisle (Diageo) oder Ailsa Bay (William Grant & Son) errichtet. Mit Ende 2014 soll auch Dalmunach (von Pernod Ricard) zu destillieren beginnen. Neben einer immensen Kapazität verfügen diese »State of the Art«-Betriebe über moderne Umwelttechnologie.

Andererseits werden kleinere und oft weniger rentable Brennereien gerne von unabhängigen Abfüllern übernommen. Benromach (Gordon & MacPhail), Edradour (Signatory), Glengoyne und Tamdhu (Ian MacLeod) sind mit Individualität und Qualitätsanspruch ­erfolgreich. Andere, wie die Campbeltown Distillery Springbank, verweisen stolz auf traditionelle Produktionsmethoden und ihre alte – fast schon museale – technische Ausstattung. Andere Distilleries wie Benriach, Glenglassaugh oder Glendronach wurden von Investoren oder Konsortien erworben.

 

Glenlochy Distillery in Fort William in den Western Highlands / © Mario Prinz
Glenlochy Distillery in Fort William in den Western Highlands / © Mario Prinz


Glenlochy Distillery in Fort William in den Western Highlands / © Mario Prinz

Als 1993 mit der Arran Distillery auf der gleichnamigen Insel eine Brennerei eröffnete, war ein jahrzehntelanger Stillstand bei der Errichtung neuer Produktionsstätten beendet. Mit Kilchoman auf Islay und Daftmill in den Lowlands folgten 2005 weitere Brennereien. Arran und Kilchoman gehören trotz ihrer kurzen Geschichte bereits zu den absoluten Spitzendestillerien Schottlands, jeweils mit einer großen Fangemeinde. Daftmill lässt sich mit der Veröffentlichung ihres ersten Whiskys hingegen noch Zeit.

Bei Abhainn Dearg auf Lewis (Äußere Hebriden), Wolfburn (an der Nordküste Schottlands) oder Ardnamurchan (Westschottland) wird seit Kurzem destilliert. Die ersten Whiskys werden aber erst in ein paar Jahren erhältlich sein.

Weitere Projekte sind im Entstehen, und am 30. November 2014 wird die Kingsbarns Distillery eröffnet werden. Diese liegt ein paar Kilometer südlich der Golf-Metropole St. Andrews auf der Halbinsel Fife in den schottischen Lowlands.

>>> Zu den Verkostungsnotizen

Single Malt: Die Destillerien


Text von Mario Prinz
Aus Falstaff Nr. 08/2014

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