Indische Wein-Verkostung
Indische Wein-Verkostung / Foto: Picture Desk

Neben China oder Brasilien ist der gigantische indische Subkontinent ein heißer Anwärter. Falstaff hat sich die Situation vor Ort angesehen.

Die Reise in die Weingebiete begann wie alles in Indien: mit Verspätung. Cecilia Oldne, die Exportleiterin für Sula Vineyards, und ihr Fahrer kamen mit einer halben Stunde Verzug zum Flughafen Mumbai. Schweißtreibende 32 Grad Celsius im Schatten kommentiert die 30-jährige Schwedin mit »Heute ist es nicht besonders heiß«. Die 180 Kilometer lange Fahrt nach Nasik dauert aufgrund unzähliger Lastwagen, Busse, motorisierter Dreiräder, Ochsenkarren und sogar Fußgänger auf der Straße ganze viereinhalb Stunden. »Das ging schnell«, stellt Oldne bei der Ankunft am Weingut fest, »vor dem Bau der Autobahn hat es viel länger gedauert.«

Trauben statt Mangos

Ernte in Indien
Ernte in Indien

Die Weinbauregion erinnert auf Anhieb an Kalifornien Anfang der Sechzigerjahre – als es dort noch keinen Robert Mondavi gab. Das Tal am heiligen Fluss Godavari nördlich von Nasik wird tatsächlich manchmal als das Napa Valley Indiens bezeichnet. Dies hat sicherlich viel damit zu tun, dass Sula Vineyards hier zu Hause ist. Das Weingut ist das geistige Kind von Rajeev Samant, der die Entwicklung in Kalifornien aus erster Hand kennt, da er in den Achtzigerjahren an der Eliteuniversität Stanford studierte. Anschließend war er für das IT-Unternehmen Oracle tätig, ehe er 1993 nach Indien zurückkehrte. Sein Vater, der in Mumbai erfolgreich in der Schiffsindustrie arbeitete, stammt aus Nasik and hatte dort ein wenig Ackerland, das er zur Blüte bringen wollte. Rajeev kam jedoch zunächst nicht auf die Idee, es mit Weinbau zu versuchen: Er produzierte nach ökologischen Prinzipien Mangos. »Doch keiner wollte mir den Mehrpreis bezahlen«, berichtet der heute 43-Jährige. Schließlich brachte er im Jahr 2000 seine ersten Weinflaschen auf den Markt. Seitdem hat das Gut eine rasante Entwicklung durchgemacht. Im Jahre 2009 hat Sula Vineyards inklusive der Zweitmarken Sumara, Madera und Mosaic 250.000 Zwölferkisten verkauft. Für das Jahr 2010 rechnet er mit einem Absatzplus von sagenhaften 30 Prozent – das sind eine Million zusätzliche Flaschen. Europäische Winzer können von solchen Zuwächsen nur träumen.

Bemerkenswerte Exporterfolge
Erstaunlich ist die rasante Nachfrage im Ausland, wohin inzwischen mehr als 15 Prozent der Gesamtproduktion verkauft werden. Das sind stattliche 500.000 Flaschen – mehr, als die meisten europäischen Güter in einem Jahr produzieren. »Japan ist für uns ein sehr wichtiger Markt«, erläutert Cecilia Oldne, »in den nächsten Tagen verschiffen wir jedoch die ersten Container nach Singapur und Nigeria.«

Geschichte

Kein traditionelles Weinland
Kein traditionelles Weinland

Die Weinbaugeschichte Indiens begann wahrscheinlich schon während der Herrschaft der Mogulkaiser im Mittelalter und wurde unter der britischen Kolonialregierung weiter gefördert. Von dieser Zeit ist jedoch nur wenig übrig geblieben. Sogar die Tafeltraubenproduktion ist daher heute vielerorts kaum älter als hundert Jahre. Obwohl Château Indage bereits Anfang der Achtzigerjahre in Narayagoan nahe der Millionenstadt Pune Wein produzierte, ist das Interesse an den Tropfen der Region erst in den letzten zehn Jahren merklich angestiegen. Doch das Qualitätspotenzial und die Distributionsvorteile ziehen inzwischen auch ausländische Investoren wie Diageo mit der Marke Nila und Pernod Ricard an.

Bester indischer Rotwein
Nine Hills, geleitet von Darius Chichgur (Pernod Ricard), in Nasik brachte erstmals aus dem Jahrgang 2006 einen Wein auf den Markt und feierte auf Anhieb Erfolge bei der Indian Wine Challenge. Mit seinem Cabernet Sauvignon heimste das Weingut die Trophäe für den besten indischen Rotwein ein, sein Shiraz ist jedoch der bessere Wein. Das Importvolumen steigt Jahr für Jahr, macht aber noch keine 200.000 Kisten aus. Angela Mount, die ebenfalls als Jurorin bei der »Indian Wine Challenge« eingeladen war, wunderte sich über diese »niedrige Zahl«. Mount verantwortete bis vor Kurzem den Einkauf von über sechs Millionen Kisten pro Jahr bei der eher kleinen britischen Supermarktkette Somerfield.

Pro-Kopf-Verbrauch: Ein Teelöffel

Niedriger Pro-Kopf-Verbrauch
Niedriger Pro-Kopf-Verbrauch

In Indien werden inklusive einheimischer Erzeugnisse etwa eineinhalb Millionen Kisten Wein pro Jahr getrunken. In einem Land mit über einer Milliarde Einwohnern ist das gerade ein Teelöffel pro Kopf. Ein Optimist sieht da natürlich enormes Entwicklungspotenzial. Vielleicht gibt es auch deswegen mittlerweile 68 Weinerzeuger in Indien – wovon jedoch rund drei Viertel zum Scheitern verurteilt sind. Der Staat gab vielen Kleinbauern Starthilfe, um eigene Betriebe aufzubauen, doch nur wenige von ihnen haben genügend Erfahrung, um ihre Trauben auch keltern, vermarkten und vertreiben zu können, geschweige denn Geld damit zu verdienen.

Erfolg mit Beratung aus Champagne
Einer der wenigen, die in Indien erfolgreich Wein produzieren, ist Kapil Grover. Er und sein Vater Kanwal waren unter den Ersten, die in Indien Interesse am Weinbau gezeigt haben – das war 1981. Mit George Vesselle, einem Weinberater aus der Champagne, haben Vater und Sohn in der Versuchsphase überall dort in Indien Reben gepflanzt, wo es schon Traubenanbau gab. Neben Nasik war das unter anderem in Bangalore, Hyderabad und sogar im Norden am Fuße des Himalaya.

»Da wir aus Mumbai stammen, wäre Nasik für uns die einfachste Wahl gewesen«, erzählt Kapil Grover, »doch alle Blindverkostungen in der Versuchsphase deuteten auf die qualitative Überlegenheit der Nandi Hills außerhalb Bangalores im Bundesland Kanaktaka hin.« Das Gebiet im Süden Indiens war schon immer für seine Tafeltrauben, Bangalore Blue, bekannt. Die Gegend liegt beinahe 1000 Meter über dem Meeresspiegel, ist relativ kühl und hat einen geringeren Niederschlag in der Monsunperiode als Nasik. Doch wie überall in Indien besteht auch hier das Problem, dass es mit fortschreitender Lese immer wärmer wird – und nicht wie in Europa kälter. Aus diesem Grund bringt eine späte Lese hier keinen Vorteil. Um trotzdem höherwertige Trauben lesen zu können, stellen die Grovers seit 2006 mithilfe ihres Beraters Michel Rolland aus Bordeaux die Rebberge auf den Cordonschnitt um. Fast ganz Indien schneidet auf Lyra, um die Trauben während der Regenperiode vom Boden fernzuhalten.

Reben tragen zwei Mal im Jahr
Das indische Klima ist heiß, und es gibt keinen Winter. Daher tragen die Reben fast überall zweimal im Jahr Trauben. Bei den meisten Winzern werden die Trauben aus der Monsunzeit jedoch lange vor der Reife weggeschnitten, um die Pflanze zur Ruhe kommen zu lassen. Inzwischen gibt es die ersten Versuche, Weinberge erheblich höher anzulegen, damit wie in Europa Kälte die Reben zum Winterschlaf zwingt.

Reben tragen 2 x im Jahr
Reben tragen 2 x im Jahr

Rebsorten
Viele der gängigen Weine Indiens werden heute aus Chenin Blanc gewonnen, doch Sauvignon Blanc hat den besseren Ruf. Die Inder bevorzugen allerdings Rotwein. Shiraz, der die Hitze gut verträgt und mit der würzigen indischen Küche bestens harmoniert, bringt in der Regel die besten Ergebnisse. Cabernet Sauvignon zeigt rebsortenrein dagegen selten gute Resultate, sorgt in einer Cuvée allerdings für das nötige Rückgrat.

Preisniveau
Obwohl Preise zwischen 400 und 700 Rupies (umgerechnet sieben bis zwölf Euro) für eine Flasche Wein nicht teuer erscheinen, sind sie für die Mehrzahl der Inder fast unbezahlbar. Der Vorteil für die Produzenten ist jedoch, dass die Preise gegenüber denen für Importweine immer noch günstig sind. Dies liegt daran, dass Einfuhrzölle in Höhe von 160 Prozent erhoben werden und jedes Bundesland zusätzlich Weinsteuer für ausländische Ware verlangt. Dadurch ist selbst die billigste ausländische Flasche doppelt so teuer wie eine indische. Ein Yellow Tail Shiraz zum Beispiel, der bei uns teilweise für unter fünf Euro angeboten wird, kostet in Mumbai, wo immerhin mehr als ein Drittel aller Weine getrunken wird, umgerechnet über 20 Euro.

Ausblick
Indien ist noch kein Schlaraffenland in Sachen Wein, doch die qualitativen Bemühungen sind beeindruckend. Ein Traum wird allmählich wahr: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass auch hierzulande künftig beim Abendessen in einem indischen Restaurant ein indischer Wein getrunken werden kann – von Grover, Sula oder einem heute noch unbekannten Weingut, das erst jetzt seine Träume in die Tat umsetzt.

von Joel B. Payne

Die vollständige Story lesen Sie in Falstaff 03/10

 

Fröhliches Wein-Stampfen
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