Weinkultur an der Mosel

Fluss mit Rebenmeer: Das ist die typische Landschaft im Moseltal.

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Fluss mit Rebenmeer: Das ist die typische Landschaft im Moseltal.

Fluss mit Rebenmeer: Das ist die typische Landschaft im Moseltal.

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Blickt man auf den Flussverlauf der Mosel, wird schnell eines klar: Die Mosel ist ein Wesen mit eigenem Kopf. Fast scheint es, als ziere sie sich. Denn ihre Quelle liegt Luftlinie nur etwa 30 Kilometer vom Rhein entfernt. Doch nein, statt direkt nach Osten zu fließen und sich auf dem kürzesten Weg Vater Rhein anzuschließen, macht sie einen Umweg von 540 Kilometern, ehe sie dann doch in den großen Nachbarn mündet. Zunächst aber wendet sie sich nach Westen, dann als immer noch schmales Rinnsal nach Norden, im westlichen Hinterland der Vogesen verbreitert sie sich und fließt bis nach Nancy und Metz in Lothringen. Die beiden ersten Weinbaugebiete liegen dann auch noch in Frankreich und heißen Côtes de Toul (bei Nancy) und Côtes de Moselle (zwischen Nancy und Metz). Im 19. Jahrhundert soll die Gegend um Metz ein bedeutender Traubenlieferant für die Champagne gewesen sein. Doch heute haben diese Gebiete mit ihren insgesamt rund 200 Hektar Reben fast nur noch lokale Bedeutung.

Überregional bekannt ist lediglich das historische Schloss Vaux – und auch dieses in der Regel über einen Umweg: Denn die Eigentümer des Weinguts verließen Lothringen nach dem Ersten Weltkrieg und nahmen die Markenrechte mit nach Deutschland, wo Schloss Vaux heute als Rheingauer Sekthaus einen guten Namen hat. Im originalen Château de Vaux indes keltert die Familie Molozay Moselweine aus biodynamischem Anbau, vor allem aus Sorten wie Auxerrois, Pinot gris und Müller-Thurgau, teils auch – willkommen an der Mosel – in halbtrockener oder süßer Version.

Mosel Karte

© Stefanie Hilgarth

Kleiner Grenzverkehr

Im Dreiländereck zwischen Frankreich, Luxemburg und Deutschland haben sich zehn Winzer zu einer eigenen Qualitätscharta zusammengeschlossen. Zum Taufpaten ihrer Vereinigung haben sie den Grenzort Schengen gewählt, der auf politischer Ebene für die Freizügigkeit im vereinten Europa steht. Die Winzer der Charta Schengen Prestige, vier aus Deutschland, vier aus Luxemburg und zwei aus Frankreich, verpflichten sich zu höheren Qualitätsstandards, als sie von den jeweiligen nationalen Gesetzgebungen vorgeschrieben sind, und verleihen daher diesem Moselabschnitt einen klar grenzüberschreitenden Ausdruck.

Zwischen Schengen und Oberbillig bildet die Mosel die deutsch-luxemburgische Landesgrenze. Auf der Flussseite des Großherzogtums liegen schmucke Winzerdörfer wie zu einer Perlenkette aufgereiht: Remerschen, Wormeldange, Ahn und Grevenmacher; vis-à-vis am deutschen Ufer haben Orte wie Perl, Wehr, Nittel und Wasserliesch einen guten Klang. Links und rechts des Flusses sind die Bedingungen gleich: König Riesling, der den Ruf des Moselweins begründet hat, ist hier ein Außenseiter. Denn das Rheinische Schiefergebirge zeigt sich an den Hängen des Moselufers erst weiter flussabwärts ab Trier. An der Obermosel, wie der Flussabschnitt oberhalb Triers mit sehr deutscher Perspektive und letztlich unzutreffend genannt wird, dominieren die Gesteine der Trias, stellenweise mit Keuper und Buntsandstein, vor allem aber verbreitet mit Muschelkalk. Für Riesling sind in diesem Flussabschnitt nur die allerwärmsten, steilsten Südlagen reserviert – vor allem die Lage Wormel­dange Koeppchen hat einen ausgezeichneten Ruf.

Friedliche Nachbarschaft: Blick aus den Weinbergen des Weinguts Befort in Nittel auf das gegenüberliegende luxemburgische Moselufer. 

Friedliche Nachbarschaft: Blick aus den Weinbergen des Weinguts Befort in Nittel auf das gegenüberliegende luxemburgische Moselufer. 

© Hans Georg Merkel Landau

Fast überall sonst bevorzugen die Winzer Burgundersorten, die natürlich bestens zum Kalkstein passen. Zwei weitere Spezia­litäten sind diesem Flussabschnitt zu eigen: Hier wächst auch noch die historische Sorte Elbling und bringt einen rustikalen, aber durchaus terroiraffinen Zechwein. Und das kühle Grundklima der Region fördert auch die Erzeugung von Schaumwein, also von Sekt am deutschen Ufer und von Crémant am luxemburgischen.

Die Mittelmosel

Bei Trier beginnt die Mosel jener Fluss zu werden, den man in der Regel vor Augen hat, wenn man an Moselwein denkt. Ab hier zeigt sich der Schiefer im Boden, und der sich vielfach windende Flusslauf ist gesäumt von halsbrecherischen Steillagen, die mit Rieslingreben bestockt sind. Trier ist auch aus einem zweiten Grund ein weingeografi­scher Knotenpunkt, denn kurz vor der alten Römerstadt mündet bei Konz die Saar in die Mosel, kurz hinter Trier die Ruwer. Die Weine beider Nebenflüsse werden seit dem Jahr 2007 kurz und bündig als »Mosel« etikettiert. Begründet wurde dieser Schritt von der Weinbaupolitik damit, dass die ältere Redeweise »Mosel-Saar-Ruwer« zu sperrig für den Export gewesen sei. Sachlich gesehen ist die Verkürzung auf »Mosel« aber irreführend, denn bei den Weinen von Saar und Ruwer handelt es sich um sehr eigenständige Wein-Charaktere: Die Saar ist berühmt für ihren finessenreich-mineralischen Stil, während die Ruwer strammen Riesling mit charakteristisch floralen Noten hervorbringt.

Angelina und Kilian Franzen haben ihre Reben in Europas steilstem Weinberg, dem Bremmer Calmont.

Angelina und Kilian Franzen haben ihre Reben in Europas steilstem Weinberg, dem Bremmer Calmont.

Foto beigestellt

An der Mosel selbst gewinnen die Weine auf den folgenden Flusskilometern bis zur Mündung bei Koblenz kontinuierlich an Kraft und Wärme. Dabei sagt es über den Flussverlauf viel aus, dass die Mosel von Trier bis Koblenz 195 Kilometer zurücklegt, Luftlinie sind beide Orte gerade einmal die halbe Distanz voneinander entfernt. Dass die Mosel mäandert, ist für den Weinbau ein Segen: Denn durch ihre weit ausgreifenden Schleifen entstehen reichlich Südhänge in direkter Flusslage. Zwar ist das Klima der Mosel im Zuge von Global Warming heute nicht mehr so kühl wie früher, als immer wieder Jahre mit mangelnder Traubenreife auftraten. Doch die Wärme eines nach Süden gerichteten Steilhangs ist auch heute noch die Bedingung für balancierte, trockene Weine und für jene frucht- und edelsüßen Spitzenweine, die den Weltruhm der Mosel begründet haben. Wer einmal eine 20 Jahre alte Mosel-Auslese getrunken hat, weiß, wie wenig »süß« diese Weine schmecken, wenn sie voll ausgereift sind: Die Süße wirkt gerade nur als Volumenverstärker für die Frucht – letztlich sind es aber stets die Säure und der mineralische Extrakt, die die Faszination dieser Weine begründen.

Von Trier flussabwärts sind die ersten berühmten Weinbauorte Leiwen und Trittenheim, dann folgt Piesport mit seiner Spitzenlage Goldtröpfchen, ab Brauneberg mit seiner Juffer Sonnenuhr geht dann für die folgenden Flusskilometer stets die eine Spitzenlage direkt in die nächste über: Bernkastel (mit seinem Doctor), Graach (Himmelreich), Wehlen (Sonnenuhr), Ürzig (Würzgarten) und Erden (Treppchen/Prälat) – das ist eine Kette von Einzellagen, die allesamt Weinlegenden hervorbringen. Nirgendwo sonst ­als hier an der Mittelmosel verbindet der Riesling so viel Fülle, Schmelz und Würze mit dem Eindruck größter Leichtigkeit und Eleganz – und das in jeder Geschmacksrichtung. Aufseiten der Winzer zeigen sich hier Namen mit großer Geschichte und von Weltruhm: Familien wie Prüm und Thanisch, Wegeler und Loosen, Schaefer, Haag und Haart haben den Weinbau der Region seit Jahrhunderten geprägt und tun es bis zum heutigen Tag.

Terrassenmosel

Noch weiter flussabwärts findet die Mittelmosel bei Enkirch und Pünderich ihren Abschluss, ehe sich das Tal verengt. Im hier beginnenden untersten Flussabschnitt sind viele Weinberge in den steilen Felswänden als Terrassen angelegt, daher spricht man hier von der Terrassenmosel. Bremm mit seinem Calmont kann für sich in Anspruch nehmen, den steilsten Weinberg Europas zu besitzen, in manchen Parzellen hat man den Eindruck, der Hang falle fast senkrecht zum Flussufer hin ab. Die Rieslinge der Terrassenmosel werden häufiger als jene der anderen Flussabschnitte trocken oder feinherb ausgebaut, sie zeichnen sich durch Kraft und eine innere Wärme aus, die mit der geografischen Lage ­zu tun hat: Winningen beispielsweise ist zwar der nördlichste Weinbauort des Moseltals, doch die nördliche Lage wird von der Tiefe des Tals mehr als kompensiert: Hier wach­­sen die Reben in Höhen zwischen 80 und 190 Metern über Meer, während beispiels­weise die Weinberge des rund 180 Kilometer flussaufwärts nahe Trier gelegenen Orts Longuich im Schnitt gut 100 Meter höher stehen, auf Höhen zwischen 130 und 310 Metern.

Weingut Heymann-Löwenstein: Steillage Winninger Uhlen an der Terrassenmosel. 

Weingut Heymann-Löwenstein: Steillage Winninger Uhlen an der Terrassenmosel. 

© Reinhard Löwenstein

Winningen ist der letzte Weinbauort an der Mosel, nur kurz danach mündet der Fluss dann bei Koblenz in den Rhein – nach insgesamt 540 Kilometern, von denen mehr als die Hälfte ganz und gar im Zeichen des Weinbaus stehen, und nach unzähligen Wein-Originalen an allen Flussabschnitten, die nur darauf warten, entdeckt zu werden.

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Falstaff Nr. 06/2019
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