Es muss ja nicht gleich Mouton Rothschild sein, aber etwas mehr Ab­wechslung auf den Weinkarten wäre notwendig / Foto: Mathias Weissengruber
Es muss ja nicht gleich Mouton Rothschild sein, aber etwas mehr Ab­wechslung auf den Weinkarten wäre notwendig / Foto: Mathias Weissengruber

Sie kennen das: Nach einmaligem Umblättern wissen Sie bereits, was kommt. Das ist eine Weinkarte, die der Weinhändler A gemacht hat, und jene der Anbieter B. Sie gleichen sich in Österreich wie ein Ei dem anderen. Logisch: ­Einige wenige große Firmen versorgen unsere Gastronomen flächendeckend. Dem Wirt wird es so recht leicht gemacht, bei der Weinkarte das Hirn auszuschalten. Komplettangebot eben. Der Vertreter wählt für ihn die Weine aus, die er braucht. Wichtig nur, dass diese sich möglichst von selbst verkaufen. So einfach ist das. Und wenn kein Gastronom aus der Reihe tanzt, dann gibt es auch keinen Bedarf mehr für einen Sommelier. Denn es bieten ja ohnehin alle dieselben Weine an. Und der Gast? Der gähnt sich von einem Lokal zum nächsten.

Fad und ideenlos
Zugegeben, die Österreicher sind beim Wein patriotisch – weil unsere Weine heute auch so gut sind und genug Abwechslung bieten. Und mit dem Saft der heimischen Reben kann man so gut wie jedes Gericht sinnvoll begleiten. Ich bin sicher der Letzte, der das nicht dick unterstreichen würde. Aber ich darf das auch, denn ich verkoste berufsbedingt die Weine aus aller Welt. Das können die Gäste selbst unserer gehobenen Gastronomie nicht ohne Weiteres behaupten. Denn unsere Weinkarten bestehen zu gefühlten 99 Pro­zent aus heimischen Kreszen­zen. Schön für unsere Winzer, aber mal ehr­lich, sehnen Sie sich nicht auch manchmal nach Abwechslung? Also mich fadisiert nichts mehr als Ideenlosigkeit.

Chefredakteur Peter Moser leitet das Weinressort des Falstaff-Magazins. / Foto: Ingo Pertramer
Chefredakteur Peter Moser leitet das Weinressort des Falstaff-Magazins. / Foto: Ingo Pertramer

»Mir san mir«
Noch nie gab es eine so große Auswahl an echt spannenden Weinen in dieser Welt – und viele von ihnen sind gar nicht teuer. Doch dieser Umstand wird, frei nach dem Motto »Mir san mir«, ganz offensichtlich ignoriert – mir unverständlich, denn mit geringem Aufwand ließen sich schnell sehr gut herzeigbare Weinkarten erstellen. Man könnte sich z. B. an Rebsorten orientieren. Nehmen wir den Sauvignon Blanc. Steiermark, gut, aber wo bleiben da die bes­ten Neuseeländer, ein Mamara von Seresin, Wild Ferment von Greywacke, Section 94 von Dog Point – was, noch nie ­gehört? Fragen Sie doch den Händler Ihres Vertrauens – dem geht es wahrscheinlich nicht ­anders. Und die Loire? Meist Fehlanzeige.

Spannende Spanier
Viele Konsumenten rufen laut nach Wein aus Spanien. Aber sie meinen nicht die immer wieder gleichen Roten aus Rioja und ­Ribera del Duero. Schön, die Karte bietet Ygay, Vega S. und Pingus in erstaunlicher Jahrgangs­tiefe – eindrucksvoll, zugegeben, aber auch erschwinglich? Wo sind die feinen mineralischen Weine aus der Sorte Mencia, wie sie in El Bierzo wachsen und von Raúl Peréz aus Valtuille zur Perfektion gebracht werden?

Interessante Pendants
Oder stellen Sie einmal dem Blaufränkisch einen modernen Beaujolais gegenüber, da gibt es wunderbare Terroirweine zu ­relativ kleinem Geld, etwa eine Fleurie »Griffe du Marquis« von Alain Coudert oder einen Moulin-à-Vent von Jules Desjourneys. Diese haben rein gar nichts mit den handelsüblichen Nouveaux zu tun, mit denen mancher Gaumen leider traktiert wird.

Bio-Boom
Gehören Sie auch zu jenen, die gerade die Biowelle verschlafen und mit Begriffen wie Amphore, Orange Wine und Natural Wine überhaupt nichts anfangen können? Schade, dann versäumen Sie gerade die wichtigsten Trends. Nicht dass ich mir wünschen würde, man solle die komplett verrückte Weinkarte des angesagten Restaurants »Noma« in Kopenhagen kopieren, aber die eine oder andere Anleihe von dort könnte sicher nicht schaden.

Go East
Ein besonderes Manko vieler Karten ist die völlige Absenz von Weinen unserer osteuropäischen Nachbarn. Was spricht denn gegen einen der stoffigen Roten aus Villany in Ungarn, einen saftig-sommerlichen Malvazija aus dem kroatischen Istrien? Haben Sie tatsächlich noch nie etwas aus Bulgarien oder Rumänien probiert? Fakt ist, dass man heutzutage nicht einmal ein paar attraktive Flaschen aus Kalifornien angeboten bekommt.

Vielfalt ist gefragt
Meine Bitte an die Gastronomen lautet daher: Machen Sie Österreichs Weinkarten bitte dringend etwas bunter, Ihre Gäs­te sind nur halb so konservativ, wie Sie vielleicht glauben. Denn ich bin es allmählich leid, meinen Gästen aus dem Ausland immer wieder versichern zu müssen, dass es bei uns kein gesetzliches Einfuhrverbot für Weine gibt – ein bisschen ­Toskana und Bordeaux vielleicht ausgenommen.

Wirtschaftliche Argumente
Auch aus wirtschaftlichen Erwägungen hat eine abwechslungsreiche Weinkarte ihre Bedeutung. Denn sie kann definitiv dazu beitragen, mehr Wein zu verkaufen. Dazu gehört aber zuallererst auch eine räsonable Kalkulation. Denn immer öfter begegnen mir Weine aus dem ­Einstiegsbereich, für die Preise bis zum Zehnfachen des Einkaufspreises verlangt werden. Hallo, geht’s noch? Speziell beim glasweisen Angebot trifft man da auf wahrhaft genussfeindliche Vorstellungen. Dabei böte gerade das Verabreichen von Weinen in kleinerer Dosis die Möglichkeit, den interessierten Gast mit neuen Angeboten in Kontakt zu bringen. Aber es ist offensichtlich in unserem Land schon Tradition, sich bei der Preisgestaltung der Gerichte vornehm zurückzuhalten, um dann das verlorene Terrain bei den Weinpreisen wiedergutzumachen. Dabei könnte ein Fixaufschlag pro Flasche unkompliziert zu einem ausgewogenen Verhältnis beitragen.

Eines muss klar gesagt werden: In Zukunft wird auch in Österreich das Weinangebot bei der Gesamtbeurteilung einer Adresse noch mehr Gewicht bekommen. Und dann werden ein paar nette Flascherln Veltliner und Riesling sicher nicht mehr reichen.


Text von Peter Moser
Aus Falstaff Nr. 02/2013


Mehr zum Thema

News

Leo Hillinger: Der Tausendsassa im Portrait

Leo Hillinger aus Jois ist Österreichs bekannteste Winzerpersönlichkeit. Der 52-Jährige ist Marketingstratege, Immobilienentwickler, TV-Star,...

News

Pedro Ximénez: Spaniens süßes Geheimnis

Pedro Ximénez steht für die süßesten und dunkelsten Sherrys. Neben den legendären Dessertweinen produziert man auch edle Destillate und sogar samtigen...

News

Top 10: Cocktails mit Champagner

Champagner ist bereits pur ein exklusiver Genuss. Im Drink sorgt er für Eleganz und das besondere Etwas. Hier unsere Favoriten.

News

Die besten Schaumweine aus der Schweiz

Immer mehr Schweizer Produzenten überraschen mit charaktervollen, ausdrucksstarken Schäumern, die auf dem internationalen Parkett mithalten können.

News

Die besten aus der Champagne

Die beeindruckende Vielfalt und Innovation der Champagner bereiten »Perlenliebhaber« und Weinfreunden aufregende Sternstunden.

News

Best of Österreichischer Sekt

Mit Einführung der Qualitätspyramide gewinnt österreichischer Sekt an Akzeptanz und der Absatz steigt. Falstaff präsentiert die besten Schaumweine...

News

Die besten Schaumweine aus Italien

Prosecco aus dem Veneto, Schaumweine mit klassischer Flaschengärung aus der Franciacorta und dem Trentino – italienische Schaumweine erfreuen sich...

News

Die besten Weine zu Weihnachten: Süßweine

Ganz gleich ob zum Auftakt des Festmahls, zum fruchtigen Dessert oder zur Käseplatte – der Süßwein überzeugt. Falstaff berät bei der Auswahl fürs...

News

Top 10 Luxus-Schaumweine für Weihnachten

Mit den bevorstehenden Festtagen wächst auch wieder die Lust auf prickelnde Weine. Falstaff empfiehlt luxuriöse Schaumweine aus der Champagne und...

News

Die besten Weine zu Weihnachten: Weißweine bis 50 Euro

Ein guter Wein muss nicht teuer sein: Falstaff präsentiert edle Weißweine unter 50 Euro. Diese harmonieren vor allem mit kalten Vorspeisen.

News

Gewinnspiel: Vollkommene Feste mit Wein aus Österreich

Heimische Weine eignen sich ideal als Geschenk und können mühelos online bestellt werden. Damit die passenden Gläser nicht fehlen, verlosen wir mit...

Advertorial
News

Wiener Weine direkt beim Winzer ab Hof einkaufen

Gewinnspiel: Der Jahrgang 2020 präsentiert sich bereits fruchtig, frisch und zugänglich. Wir verlosen Weihnachtspakete mit Wiener Gemischter Satz DAC.

Advertorial
News

Die Sieger der Umbrien Trophy 2020

Die malerische Region im Herzen Italiens bietet unendlich viel Weinkultur. Falstaff testete eine Auswahl der besten Weine der Region - der beste...

News

Hospices de Beaune: Albert Bichot kauft »Pièce des Présidents«

Mit rekordverdächtigen Gewinnen schließt die 160. Hospices de Beaune-Auktion ab. Die Maison Albert Bichot konnte erneut einen Großteil der Fässer...

News

Die besten Wein-Lieferanten der Gastronomie

Top 10 Wein-Großhändler: Wer hat das spannendste Sortiment, das beste Know-How und die beste Logistik? Das sind die Favoriten der Gastronomie.

News

Ulrike Hager verlässt das Weinkomitee Weinviertel

Weinviertel Wein sucht nach 15 Jahren unter der Führung von Ulrike Hager eine neue Geschäftsführung.

News

Die besten Weine zu Weihnachten: Port, Sherry & Co.

Einzigartige Weine mit spannender Geschichte: Zum intensiven Dessert am Festtag darf es auch schon mal ein Gläschen Portwein oder Sherry sein.