Schon letztes Jahr bezeichnete Falstaff die Weine von Angela und Sandra, Peter Jakob und Peter Bernhard Kühn als »eine der besten Kollektionen des Jahres«. Dieses Jahr wird das Unbestimmte in dieser Formel gestrichen und ist DIE Kollektion des Jahres. Axel Biesler lernte die Weine des Weinguts Kühn während seiner Studien- und Lehrzeit in Freiburg kennen, bevor er sie als Sommelier in Köln schätzen und lieben lernte. Sebastian Bordthäuser arbeitete in einem Restaurant in Düsseldorf, das ein Kühnsches Gewächs zu seinem Hauswein machte. Er lernte Kühns Schlehdorn kennen und begann seine Karriere als Weinjournalist. Beide würdigen das Weingut aus dem Rheingau:

Axel Biesler: »Blitzsauber waren sie damals, die Rieslinge unseres diesjährigen Preisträgers. Ohne Fehl und Tadel. Ich, Axel Biesler, habe mich damals in den Neunzigern selten für sie interessiert, auch nicht für die Edelsüßen, die bereits für Furore sorgten und sich zu den besten ihrer Art in Deutschland zählen durften. Dabei waren Weine mit Akkuratesse damals ebenso gefragt wie erfolgreich. Gab es in jenen Tagen überhaupt andere deutsche Weine als jene Saubermänner, deren Moste so kalt und lange wie möglich mit jenen Hefen vergoren wurden, die zuvörderst für Exotik im Glas sorgten? Ich habe mich zu dieser Zeit noch nicht so intensiv mit Wein auseinandergesetzt wie heute. Auch deshalb mag es mir in meiner Erinnerung so erscheinen. Eben nur so scheinen.

Konsequenz und Selbstbewusstsein
Was ich heute noch immer deutlich vor Augen habe, das ist wahr: Das Bild von jenem Winzer, der zu Beginn der letzten Dekade in einem Kölner Restaurant zu Mittag aß, in dem ich als Sommelier gearbeitet habe, und mir eine Flasche mit einem grünen Etikett und Kronkorken-Verschluss zum Abschied als Empfehlung zurückließ. Ich habe ihn und seine Weine seitdem nicht mehr aus den Augen verloren. Peter Jakob Kühn hat sein Weingut zu neuen Ufern geführt. Nicht, weil eine Mode es so wollte. Nicht, weil er den Absatz steigern wollte. Nicht, weil er als genialer Winzer wahrgenommen werden wollte. Kühn handelte nach seinem Gefühl. Und es gibt vermutlich wenig Winzer hierzulande, die dies so konsequent durchgezogen haben wie er – mit allen Konsequenzen. Mag er anfangs noch guten Mutes gewesen sein, als er das Weingut von einer konventionellen auf eine biologische und schließlich auf eine biodynamische Bewirtschaftung umstellte, so hat die Gegenwart ihn mitunter bitter spüren lassen, wie lang dieser Weg ist, wenn man sich, nur sich, und keinem anderen Gefühl vertraut. Wie verdammt einsam man sein kann, wenn man so viel Selbstbewusstsein besitzt.«


Noch 2001 wurden Kühns trockene Rieslinge als untypisch abgelehnt, seiner Idee blieb er aber treu. / Foto beigestellt

Sebastian Bordthäuser:
»Als das Weingut 2001 Mitglied im elitären Club VDP wurde, dauerte es nicht lange, bis Kühns beste trockene Rieslinge von den zuständigen Kommissionen als untypisch abgelehnt wurden. Dem Verband blieb er treu – und sich: seiner Idee von Wein als kompromissloses Spiegelbild seiner Herkunft. Er baute sie weiter nach seinem Gutdünken aus, wählte eine eigene Hierarchie mit einer, zwei oder drei Trauben als Symbole für ihre Güte, wie er sie für seine Weine verstand und nicht für ­einen Verband. Der Kühnsche Kosmos kümmerte sich nie um den Lauf des Weins, wie ihn die Welt versteht, sondern immer nur um den Wein, wie er sich versteht.

Herzerwärmender Gestank
Das war mutig und niemals einfach. Kontroversen blieben da nicht aus. Anstelle von strahlenden, kellertechnisch blitzblanken Weinen standen fortan: die Stinker mit einem selbstbewussten »R« voran. Als Ausweise eines Wein-Verständnisses, das damals noch niemand verstand. Die frisch eingekauften Weine für das Düsseldorfer Restaurant, dem Kühn fortan auch den Hauswein unter eigener Marke lieferte, waren zunächst unwirsch und mussten hart erschlossen werden. Seine großen trockenen Weine rochen nicht nur eigenwillig, sie stanken herzerwärmend und anders als alles, was einem bislang unter die Nüstern gekommen war. Die Nase rümpfte sich von selbst, doch mein Kollege mahnte mich der Geduld. Zu Recht. Denn was sich nach einem guten halben Jahr entblätterte, war ein Rheingau-Riesling, wie man ihn bislang nicht im Glas hatte. Kräuterwürzig und kraftvoll statt geschliffen und strahlend. Er war anders, neu und unglaublich spannend.

Der deutsche Star des biodynamischen Weinbaus
Der Gault Millau sah das nicht so und nahm Kühn eine seiner Trauben aus dem Bündel, doch auch das sollte seinem Weg keinen Abbruch tun. Trotz der ­Abstrafung sahen viele Weinfreunde, ­Zecher und Gastronomen, dass sich etwas Neues auftat: Irritiert waren sie vielleicht auch, aber sie verfielen nicht in blanke Ablehnung. Kühn setzte noch einen drauf und lancierte einen Wein, der mit stattlichen 75 Euro die Grenze des Möglichen zu sprengen schien. »Jetzt dreht er völlig durch«, hörte man allen Ortes, als sein Schlehdorn auf den Markt kam. Zu einer Zeit, als der Betrieb (und die Weine) noch von der Umstellung auf ­Biodynamie gezeichnet war, schickte Kühn einen Super-Rhein­gauer ins Rennen. Es war die Zeit der Prestige-Kreszenzen, aufgebläht wie ­Super-Tuscans. Kühns Schlehdorn war wild, unentschlossen, anders. Wer heute noch eine Flasche Schlehdorn im Keller hat, freut sich still – und schweigt. Und dann kam auch noch die Umstellung auf Schrauber. Nach dem Kronkorken ­eigentlich ein Schritt zurück, aber für die Großen Gewächse? Die ­werden mittlerweile wieder mit Korken versehen. Seitdem hat sich viel getan. Einst belächelt, ist Kühn heute unangefochten der Star des biodynamischen Weinbaus in Deutschland. Seine Weine finden sich auf den besten Karten von Stockholm über Oslo, London, New York, Shanghai und Tokio.«


Fließender Generationenwechsel: Sohn Peter Bernhard Kühn trägt die Weinidee seines Vaters weiter. © Andreas Durst

Axel Biesler und Sebastian Bordthäuser: »Und immer noch ist Kühn Wegbereiter und Vordenker. Seine Weine stellt er bei den Verkostungen für den neuen Jahrgang gar nicht erst an. Wozu und wie denn auch – sie liegen noch im Fass und genießen die Zeit, die sie brauchen, um vor ihr Publikum zu treten. Mehr und mehr Kollegen folgen. Doch Kühn bleibt unbeeindruckt und stellt uns still und fast wie nebenbei die beste Kollektion des Jahrgangs 2014 auf den Tisch.

Was sollen wir sagen? Dass er verdammt stolz sein kann, auf seinen Sohn Peter Bernhard, der die Weinidee seines Vaters nicht nur weiterträgt, sondern auch weiterlebt – vor allem aber auch leben darf. Die Kühnheit der Kühnschen Weine war und ist immer auch Toleranz, ein Gespür für den anderen und etwas, das man heutzutage als seltene Tugend bezeichnen darf: Zuhören. In beispielhafter Weise ­füllen die Kühns seit Jahren mit dem ­Jakobus einen der besten Riesling-Gutsweine, Rheinschiefer und Quarzit sind ebenfalls eine Bank. Die Lagenweine ­zeigen sich in scharfer Distinktion von­einander, und für Orange-Wine-Fans hält die Amphore stets einen schockierenden Schluck bereit. Doch das Beste kommt wie immer zum Schluss: Die Süßen bilden das süße Rheingau in einer Präzision ab, die ihresgleichen sucht. Präzise, abgestuft mit Klarheit und Vibration. Die Kollektion des Jahres stellt in diesem Jahr das Weingut Peter Jakob Kühn aus dem Rheingau. Ganz subjektiv – und nicht ­zuletzt darum ganz zu Recht.«

Das Weingut Kühn in der Falstaff-Datenbank.


(von Axel Biesler und Sebastian Bordthäuser)
(Aus dem Falstaff Weinguide 2016)


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