Weinbau in den Alpen: Die Berge im Glas

Auf halber Strecke zwischen Meran und Bozen liegt das Weindorf Terlan. In luftiger Höhe gedeihen hier vor allem Weißweine.

© Udo Bernhart

Auf halber Strecke zwischen Meran und Bozen liegt das Weindorf Terlan. In luftiger Höhe gedeihen hier vor allem Weißweine.

Auf halber Strecke zwischen Meran und Bozen liegt das Weindorf Terlan. In luftiger Höhe gedeihen hier vor allem Weißweine.

© Udo Bernhart

Hoch hinaus. Das wollen heute viele Winzer in Europa. Nicht nur, was den durchaus nachvollziehbaren Wunsch nach Erfolg angeht, sondern immer mehr auch aus rein physischen Gründen. Rebberge in hohen Lagen sind gefragt. Historisch gesehen wohl so gefragt wie niemals zuvor – und das von Portugal bis nach Südtirol.

Hoch oben ist es schlichtweg kühler. Ein Fakt, der vor allem heute, nach Rekordsommer um Rekordsommer, immer wichtiger wird. Denn mit den heißen Temperaturen ändern sich nicht nur die Anbaubedingungen, sondern auch der Charakter der Weine. Die Rechnung hierzu ist recht einfach. Viel Sonne ergibt viel Zucker in der Traube, addiert man die Gärung hinzu, macht das viel Alkohol. Und der liegt gar nicht mehr im Trend.

Cool-Climate-Weine als Herausforderung

Das Bedürfnis nach Eleganz und Leichtigkeit steigt unter den Weingenießern und ersetzt hohen Alkohol und Konzentration. Solche Cool-Climate-Weine herzustellen wird aber auch in Zentraleuropa immer schwieriger, denn höher geht es vielerorts nicht mehr. Ganz anders in den majestätischen Alpen. Unterhalb der unwirtlichen, schneeverhangenen Berggipfel des höchsten Hochgebirges im Inneren Europas gibt es nämlich noch genug Platz für die Winzer,
um auszuweichen. Wer jedoch glaubt, hoch oben sei es nur kühl, irrt sich, denn in Süd-
tirol beispielsweise wird es im Sommer teils heißer als im sizilianischen Palermo.

Südtirol: Die Weißwein-
Könner

Südtirols Terroir ist exemplarisch dafür, wie vielfältig sich der Weinbau in den Alpen gestaltet. Trauben wachsen hier zwischen 250 und 1000 Metern über dem Meer – die enorme Spanne sorgt dafür, dass den Winzern gleich mehrere Klimazonen zur Verfügung stehen. Die 1893 gegründete Cantina Terlan, einer der Spitzenbetriebe der Region, liegt etwa auf halber Strecke zwischen den Städten Meran und Bozen im Weindorf Terlan. Unten im Tal werden Äpfel kultiviert, die Hügellagen weiter oben sind jedoch dem Weinbau vorbehalten.

In luftiger Höhe, zwischen 400 und 900 Metern über dem Meer, gedeihen hier vor allem Weißweine. Solche von Weltruf, und das nicht zuletzt wegen des besonderen Terroirs, das von vulkanischen Böden geprägt ist. Über die Jahrhunderte hinweg haben sich die Terlaner Reben diesen besonderen Bedingungen angepasst und durch gezielte Vermehrung der besten Rebstöcke konnte die Qualität immer weiter maximiert werden. Von der Rebsorte Sauvignon wurden in Terlan gar einige Klone selektioniert, die weltweit große Beachtung gefunden haben. Flaggschiff der Cantina Terlan sind die Raritäten, Sonderabfüllungen gereifter Weißweine, die für mindestens zehn Jahre auf der Feinhefe reifen. Eine Erfindung des legendären Altkellermeisters Sebastian Stocker, der vor Jahrzehnten damit begann, nach französischem Vorbild die Weine länger auf der Feinhefe und vor allem im Stahltank reifen zu lassen. Kenner sprechen bei dieser Machart mittlerweile gar von der »Stocker-Methode«.

Heute lagern die Raritäten zunächst ein Jahr lang im Holzfass, bevor sie dann für zehn bis dreißig Jahre in den erwähnten Stahlbehältnissen ruhen, um auf der Feinhefe eine unvergleichliche Aromenvielfalt und Komplexität zu entwickeln. Heute entscheidet Kellermeister Rudi Kofler darüber, wann diese einzigartigen Weißweine in die Flaschen kommen – wo diese anschließend noch einmal vier bis fünf Jahre reifen, bevor sie in den Verkauf gelangen. Aktuell lagern in der Cantina Terlan etwa sechzehn Jahrgänge in kleinen Stahlfässern, bis zurück ins Jahr 1979. Weine aus den Sorten Weißburgunder, Chardonnay und Sauvignon Blanc sowie deren Verschnitt – die legendäre Cuvée Terlaner. Jährlich gelangen von diesem Raritätenwein gerade einmal 3330 Flaschen in den Verkauf.

Bei vielen Liebhabern von Alpenweinen bekannt und beliebt sind die roten Südtiroler Spezialitäten Vernatsch und Lagrein, die eher in den niedrigeren Lagen der Region kultiviert werden und bodenständige bis elegante Tropfen hervorbringen. Die Monumente der Region sind aber weiß – dazu gehört auch der Löwengang Chardonnay vom Weingut Alois Lageder. Zum ersten Mal vinifiziert wurde der legendäre Wein im Jahr 1984. Er gilt als einer der ersten Barriqueweißweine und besten Tropfen in ganz Italien. Seiner Pionierrolle bleibt das Weingut bis heute treu und engagiert sich seit Jahren für den biodynamischen Rebbau, den es als unablässig für höchste Qualität ansieht.

Tessin: Der Sonne 
am nächsten

Westlich von Südtirol, im Süden der Schweiz, liegt ein weiterer Hotspot für Alpenwein-Liebhaber: das Tessin. Nicht weit entfernt vom Meer und dennoch mitten in den Alpen. Viel Sonne und die damit verbundene hohe jährliche Durchschnittstemperatur sorgen für günstige Anbaubedingungen, vor allem für die Rebsorte Merlot, die knapp 90 Prozent der Rebfläche des Weinbaukantons ausmacht. Hier entstehen Weine aus der Bordelaiser Sorte, die blind verkostet unmöglich in der Schweiz verortet werden können. So zum Beispiel der Balin vom Weingut Kopp von der Crone Visini in Barbengo, südlich von Lugano. Ein balancierter Tropfen, der nicht nur zu den Leuchttürmen der Region, sondern des ganzen Landes gehört.

Ungefähr 200 Meter oberhalb des malerischen Dorfes Vico Morcote finden sich die Reben einer weiteren Merlot-Bastion, der Tenuta Castello di Morcote. Wer hier oben steht, versteht schnell, weshalb der Rebberg mit seiner umwerfenden Aussicht auf die Berge und den Luganersee als einer der schönsten der Region gilt. Inmitten der Reben befinden sich nämlich die Ruinen der antiken Burg, die Namensgeber des Weinguts ist. Seit 2009 leitet Gaby Gianini das Weingut mit viel Leidenschaft und begeistert die Genießer mit ihren hervorragenden Gewächsen, natürlich aus der Rebsorte Merlot.

Letztere ist aber nicht alles, was das Tessin zu bieten hat. Enrico Trapletti vom gleichnamigen Weingut kultiviert hier etwa Nebbiolo, die Paradesorte aus dem nur 50 Kilometer Luftlinie entfernten Piemont. Laut Trapletti war die Sorte im Tessin vor einigen hundert Jahren weit verbreitet, musste nach der Reblauskrise aber dem Merlot weichen. Und das, obwohl die klimatischen Bedingungen optimal seien.

Graubünden: Burgund 
der Alpen

Klimatisch vergleicht man die Region Graubünden im Osten der Schweiz gerne mit dem Burgund. Kalkhaltige Böden und mildes Klima lassen dort nämlich vor allem die klassischen Burgundersorten Chardonnay und Blauburgunder, wie die Sorte Pinot Noir in der Schweiz genannt wird, hervorragend gedeihen. Prägend für den Weinbau in der Region ist der Föhn, eine warme Brise, die entsteht, wenn südlich des Alpenkamms kältere Luft liegt. Von diesen Bedingungen profitiert auch die Schweizer Starwinzerin Irene Grünenfelder vom Weingut Eichholz in Jenins, die sich über die Jahrzehnte hinweg und durch akribisches Qualitätsstreben mit ihren eleganten, saftigen Gewächsen in den Kreis der Bündner Weinelite hochgearbeitet hat.

Die Weine der Autodidaktin, die sich ihren Herzenswunsch vom eigenen Weingut im Jahr 1995 erfüllte, gehören heute zu den am meisten gesuchten Raritäten der Schweiz. Über die Grenzen des Landes schaffen es die Bündner Gewächse sowieso nur in Kleinstmengen. Nicht nur, weil sie in kleinen Mengen produziert werden, sondern auch, weil die Schweizer ihre Top-Crus am liebsten selbst genießen. Ein Fakt, der sich mit dem Aufstreben der Alpenweine aber vielleicht bald ändern könnte. Nicht unweit vom Weingut Eichholz, in Fläsch, befindet sich das Weingut der Familie Davaz.

Das prachtvolle Weingut-Gebäude mit Blick über die Reben und die Berggipfel im Hintergrund versprüht ein gewisses Neue-Welt-Feeling und könnte so durchaus auch im argentinischen Mendoza stehen. Mittlerweile wirkt hier mit Luca Davaz die dritte Winzergeneration. Zu den Aushängeschildern des Weinguts gehört unter anderem der Uris, ein Grand Cru aus einer Spitzenlage im Fläscher Feld, der exemplarisch zeigt, weshalb der Vergleich Graubündens mit dem Burgund durchaus Wahrheitsgehalt hat.

Walensee und Salzburg: Alpine Exoten

Während Graubünden und das Tessin auch den Weinliebhabern außerhalb der Schweiz ein Begriff sein dürften, ist der Walensee im Kanton St. Gallen ein echter Geheimtipp. Der pittoreske Bergsee am Ufer von Walenstadt, mit seinem Blick auf die schneeverhangenen Churfirsten versprüht Alpenfeeling pur. Auch wenn der Weinbau hier eine lange Tradition hat, ist seine Wahrnehmung als Herkunftsort für hervorragende Alpenweine noch neu. Der Wandel kam unter anderem durch den Winzer Marco Casanova vom Weingut Casanova Wein Pur. Zwischen den mächtigen Felswänden der Churfirsten bewirtschaftet Casanova rund fünf Hektar in spektakulären Steillagen.

Im Rebberg arbeitet er biodynamisch, im Keller verzichtet er weitgehend auf Zusatzstoffe und schafft es so, das Terroir des Walensees auf einmalige Art und Weise auf die Flasche zu bringen. Obwohl die Lagen in Walenstadt sicherlich zu den wärmsten der Alpen gehören, sorgen die kühlen Fallwinde der Churfirsten hier allabendlich für willkommene Abkühlung. So können sich die feinen Aromen von Casanovas Chardonnay und Pinot Noir über Nacht hervorragend ausbilden. Eine der Voraussetzungen für filigrane, frische Alpenweine.

Genau so würde man wohl auch die Weine aus der österreichischen Stadt Salzburg bezeichnen. Wo ebenfalls, man mag es kaum glauben, Weinbau betrieben wird. Vor etwa 350 Jahren ließ hier der damalige Fürsterzbischof Paris Lodron einen Weingarten pflanzen. Heute kümmern sich die Salzburger Pfadfinder um den Rebberg und keltern daraus den Paris Lodron Zwinger. Einen Weißwein aus der Rebsorte Frühroter Veltliner. Aber nicht nur in der Stadt, sondern auch im Umland wird Wein angebaut. 2001 begann die ehemalige Textilingenieurin Marianne Witzko in Großgmain in der Region Flachgau Reben zu kultivieren und brachte den ersten Salzburger Qualitätswein auf die Flasche.

In ihren Rebbergen gedeihen unter anderem Chardonnay, Rösler, St. Laurent und auch Zweigelt. Manch einer munkelt, dass der Flachgau gar Veltlinerland werden könnte. Zwar erst in ferner Zukunft, aber dank des eingangs beschriebenen Klimawandels, der die Weinlandkarte Mitteleuropas noch einmal neu zeichnen wird.


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