Die Anbaubedingungen in beiden Ländern unterscheiden sich erheblich voneinander, auch wenn in beiden auf Tausenden von Kilometern entlang der Anden Reben gepflanzt werden. Das Ergebnis sind Weine, die in Chile selbst beim weit verbreiteten Cabernet Sauvignon eher harmonisch-samtige Frucht zeigen, in Argentinien hingegen mehr Kontur und kraftvolle Gerbstoffe.

Der Malbec als Argentiniens typische Rebsorte ist international aber sehr viel bekannter und verbreiteter als die ­typische Sorte Chiles, die Carménère.

Argentiniens Oberschicht lebte und feierte jahrzehntelang fernab von ihren Ländereien, am liebsten in New York oder Paris, ohne sich um lästiges Beiwerk wie Tagesgeschäft oder langfristige Investitionen zu kümmern. Kein Wunder, dass in den 90er-Jahren ausländische Investoren einen Großteil der alten Familienbodegas zu wahren Schnäppchenpreisen von lebenslustigen Erben erwerben konnten – die altmodischen Weine der herunter­gewirtschafteten Güter waren weder national noch international konkurrenzfähig. Der Exportanteil Argentiniens lag damals bei einem ­Prozent, der Pro-Kopf-Verbrauch im Land war auf rund 40 Liter pro Jahr gesunken.

Clos Apalta 2009 - ein Falstaff Kultwein / Foto: Claudia Schindlmaißer
Clos Apalta 2009 - ein Falstaff Kultwein / Foto: Claudia Schindlmaißer


Clos Apalta 2009 - ein Falstaff Kultwein

Die erheblich abstinenteren Chilenen auf der Westseite der Anden ­verkauften zu diesem Zeitpunkt fast die Hälfte der Weinproduktion ihrer modernen Kellereien ins Ausland. Sie waren bereits drittgrößter Importeur der Vereinigten Staaten. Pioniere wie Concha y Toro, Santa Rita oder Los Vascos maßen sich mit den erfolgreichsten Produzenten Europas und der übrigen Neuen Welt. Sie hatten den Ruf als »Preußen Südamerikas« – zielgerichtet, fleißig, zuverlässig, aber eben auch ein bisschen langweilig. »Wenn bei uns die Fiesta lustig wird, ­räumen die schon die Bänke auf die Tische«, heißt es bei den Argentiniern, die ihre Nachbarn aber um deren stabile Wirtschaft beneiden. Als eine Reihe chilenischer Kellereien in der argentinischen Region Mendoza investierten, spotteten die Winzer: »Die haben es nötig, weil bei uns bessere Weine wachsen.« Was so nicht unbedingt stimmt.

Das Weingut Errázuriz im Aconcagua-Tal steht für höchste Weinqualität aus Chile
Das Weingut Errázuriz im Aconcagua-Tal steht für höchste Weinqualität aus Chile


Das Weingut Errázuriz im Aconcagua-Tal steht für höchste Weinqualität aus Chile

Drei Klimazonen
Von allen Ländern der Erde hat das über 4000 Kilometer lange und keine 200 Kilometer breite Chile die ungewöhnlichste Form. Die riesigen Bergkolosse der Anden auf der östlichen Seite und der sehr kalte Pazifik im Westen sind so allgegenwärtig, dass sie jeden Weinberg des schmalen Landstreifens beeinflussen. Das nahe Meer bringt Weinbergen von nur 50 bis 800 Meter Seehöhe feuchte Luft und ein eher ausgewogenes, mediterranes Klima.

Weinbau findet im mittleren Teil Chiles statt, auf etwa 1000 Kilometer Länge nördlich und südlich von Santiago. Ein Küstengebirge wirkt dort als weitere Trennwand zwischen Anden und Pazifik und teilt das Land in Küstenregion und

Fournier-Chef José Manuel Ortega Gil-Fournier wird seinem Ruf als »junger Wilder« gern gerecht
Fournier-Chef José Manuel Ortega Gil-Fournier wird seinem Ruf als »junger Wilder« gern gerecht

Zentraltal. So entstanden drei schmale, sehr lange Streifen unterschiedlicher Klimazonen: das warme traditionelle Zentraltal, der kühle Streifen am Fuß der Anden mit sehr hohen Temperatur-­Amplituden zwischen Tag und Nacht und die generell kühlen Küstenregionen wie Casa­blanca, San Antonio, Leyda oder Limarí. Der Einfluss des eiskalten Humboldtstroms im Pazifik ist an der oft nebligen Küste so stark, dass das Limarítal, obwohl es 400 Kilometer näher am Äquator liegt, erheblich kühler ist als das Weinanbaugebiet Maipo bei Santiago, 60 Kilometer von der Küste entfernt. Die Chardonnay-Trauben reifen in Limarí drei Wochen später als in Maipo. Auf engstem Raum ergeben sich in Chile durch Bergvorsprünge, Flusstäler und Höhenlagen höchst unterschiedliche Kleinklimata.

Neuerdings achten die Chilenen auch viel stärker auf ihre Böden. Eine Reihe von Weingütern, darunter vor allem das sehr innovative und im deutschen Sprachraum völlig ­unterschätzte De Martino, aber auch Undurraga, Torres oder der allgegenwärtige Riese Concha y Toro, produziert spezielle Weine auf unterschiedlichem Gestein. Vorhanden sind neben den weit verbreiteten steinigen Abraumböden und dem Schwemmland in der Talmitte Granit, Kalk, Vulkangestein, Schiefer und Kies.

Santa Rita, Casa Real 2008 - ein Falstaff Kultwein
Santa Rita, Casa Real 2008 - ein Falstaff Kultwein


Santa Rita, Casa Real 2008 - ein Falstaff Kultwein

Extreme Temperaturen
Die Verhältnisse in Argentinien sind völlig andere. Raues Wüstenklima mit staub­trockener Luft und extremen Klima- und Temperaturschwankungen prägt die Höhenlagen zwischen 600 und 2000 Meter. Fast alle Weinberge liegen auf einer sanft nach Osten geneigten schiefen Ebene, fast nie so nah bei den steilen Andenhängen, dass es zu echten Nord- oder Südlagen kommt. Die ­Bedingungen sind weit weniger extrem als in Chile. Doch lassen Höhenlagen, Nord-Süd-Ausrichtung und erheblich stärkere Klima­kapriolen auch dort genügend Spiel für die Winzer.

Alexandra Marnier-Lapostolle hat mit Unterstützung von Starönologe Michel Rolland ihr Weingut aufgebaut
Alexandra Marnier-Lapostolle hat mit Unterstützung von Starönologe Michel Rolland ihr Weingut aufgebaut


Alexandra Marnier-Lapostolle hat mit Unterstützung von Starönologe Michel Rolland ihr Weingut aufgebaut

Harmonie kontra Kontur
Das alles sind Gründe für die doch erheblichen Unterschiede zwischen den chilenischen und den argentinischen Weinen – sogar beim Cabernet Sauvignon. In Maule, weit im Süden Chiles, wachsen allerdings auf alten, unbewässerten Weinbergen auch Cabernets und Carignans, die eine kantigere Stilistik zeigen. Die »typische chilenische Sorte« dagegen, die alte Bordelaiser Carménère, fällt mit wuchtigen erdigen Tönen meist etwas rustikal aus. Nur bei allerbesten Weinen wie Clos Apalta von Casa Lapostolle oder Carmín de Peumo von Concha y Toro zeigt sie Finesse.

Eduardo Chadwick, Besitzer und Mastermind der Weingüter Errázuriz, Seña, Caliterra und Arboleda
Eduardo Chadwick, Besitzer und Mastermind der Weingüter Errázuriz, Seña, Caliterra und Arboleda

Die für Argentinien typische Sorte dagegen, der sehr viel weiter verbreitete und den Export dominierende Malbec, vereint dunkle Beerenfrucht und reife Tannine mit hoher Terroir-Sensibilität. Jeder erfahrene Verkoster kann die mineralischen Malbecs von kalki­gen Lagen bei Lujan von den tiefschwarzen Brocken aus La Consulta unterscheiden. ­Daneben profitiert Argentinien von Spezia­litäten wie Torrontés und Bonarda, die in ­Europa kaum noch vorhanden sind, auch wenn es gleichnamige Sorten gibt.

Reife Frucht, harmonische Struktur
Sucht man Ähnlichkeiten zu anderen Ländern, so nähern sich die meisten Weine Argentiniens und Chiles schon deshalb im Ausbaustil eher kalifornischer, reifer Frucht und harmonischer Struktur an, weil in Nordamerika die wichtigsten Kunden sitzen. Qualitativ sind jedoch Vergleiche mit den besten Weinen Europas durchaus angebracht. Im Preisvergleich ist Südamerika dagegen kaum zu schlagen. Kaum eine Handvoll Weine erreicht überhaupt die 100-Euro-Grenze. So gesehen zeigen die selbstbewussten Argentinier noch erstaunliche Zurückhaltung.


Zum Thema Wein in Chile und Argentinien:

Weinbau in Chile - Zahlen und Fakten & die Top-Weingüter mit ihren Weinen

Weinbau in Argentinien - Zahlen und Fakten & die Top-Weingüter mit ihren Weinen

Die Wein-Konquistadoren - Einwanderer aus Europa



Den vollständigen Artikel mit allen Informationen und Tipps zu chilenischem und argentinischem Wein finden Sie im Falstaff Nr. 07/2012 und im Falstaff Deutschland Nr. 05/2012.


Von Jürgen Mathäss
Aus Falstaff Nr. 07/2012 / Aus Falstaff Deutschland Nr. 05/2012

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  • 18.10.2012
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