Gerade als Berliner liegt mir der Osten nicht nur nahe, sondern am Herzen. Weil sich dort an den »Osthängen« der deutschen Weinbaugebiete kleine Dramen abspielen: Auf der einen Seite nimmt die Qualität permanent zu und die Nachfrage aus der Gastronomie in Berlin, Dresden und Leipzig steigt enorm; auf der anderen Seite wurden die Anbaugebiete Sachsen und Saale-Unstrut durch harte Winter und Hagel in den vergangenen Jahren stark in Mitleidenschaft gezogen. Und fuhren teilweise nur äußerst geringe Erträge ein, was in der Folge den Wein unverhältnismäßig teuer machte.

Erinnerungswert
Dafür war 2012 in Sachsen ein Bilderbuchjahrgang. Prinz zur Lippe von Schloss Proschwitz ermahnte sein Außenteam: »Macht Fotos, damit ihr euch daran erinnern könnt.«

Die besten Grund­qualitäten der letzten 20 Jahre lagern im Keller, insgesamt allerdings gut ein Drittel weniger Wein als noch im vergangenen Jahr. Auf Schloss Pro­schwitz hatte ich die Gelegenheit, eine Kollektion von gereif­ten Grauburgundern und Spätburgundern zu verkosten, die bis 1997 zurückreichten. Zu meiner Überraschung waren gerade die gereif­ten Weine erstklassig – nach dem Motto: »Je älter, desto besser«.

Fun statt Tritte?
Prinz zur Lippe legt großen Wert auf Teamwork, hat einige Winzer der Region auf seinen Gütern ausgebildet. An der Bergakademie in Freiberg hält er Seminare über Weinbau. Inzwischen werden 16 Hektar auf Proschwitz biologisch bearbeitet. Schwieriger und mit politischen Querelen belastet sind die Lagen in Thüringen, dem Weinhaus bei Weimar. »Ich will nicht mehr ständig was vor das Schienbein bekommen«, sagt Prinz zur Lippe diplomatisch. Er überlegt tatsächlich, ob er das Engagement bei Weimar wieder beenden sollte. Der Prinz weiter: »Eigentlich will ich nur noch Fun-Projekte machen.«


Auf dem Weingut Schloss Proschwitz werden Teamwork und Ausbildung groß geschrieben / Foto: beigestellt

Martin Schwarz, Kellermeister von Schloss Proschwitz oder vielmehr »künstlerischer Direktor«, wie ihn Prinz zur Lippe nennt, bekam zur Unterstützung den Chefönologen Jacques du Preez aus Stellenbosch in Südafrika zur Seite gestellt. Schließlich gehören zu Proschwitz inzwischen 87 Hektar. Da wird der Kellermeis­ter nun ein klein ­wenig mehr Zeit für seine eigenen Weine vom Weingut Martin Schwarz haben. Man merkt bereits am aktuellen Jahrgang: Die Weine sind feiner und eleganter geworden, nicht mehr so holz­lastig wie in früheren Jahren.


Direkt in Dresden an der Sächsischen Weinstraße feierte Klaus Zimmerling im vergangenen Jahr bereits sein 20-jähriges Jubiläum. Sein Stil ist bekannt – füllige, regelrecht barocke Rieslinge. Wer es etwas schlanker mag, greift zum Pillnitzer Weißburgunder, der sich mit einer eigenen Brillanz präsentiert. Zimmerlings Frau, die Künstlerin Malgorzata Chodakowska, macht traumhaft schöne Skulpturen, die nicht nur den neuen, geradezu florentinisch anmutenden Weinkeller und das Gut, sondern auch die Etiketten zieren.

Steinmetz, Maler, Winzer
Der »verrückteste« Weinmacher in Sachsen ist der frühere Steinmetz Karl Friedrich Aust – manch­mal bin ich mir nicht sicher, ob er im Hauptberuf Maler oder doch Winzer ist. Er hat jedenfalls neben den Wetterverhältnissen besonders mit seinen geringen Mengen zu kämpfen; es ist nicht so einfach, seine Weine zu finden. Inzwischen hat er eine kleine Weinstube fertiggestellt, in der man seine mineralischen und rassi­gen Weine probieren kann.

Die neueste Entdeckung in Sachsen ist das Rothe Gut in Meissen, mit neun Hektar links der Elbe gelegen. Die hohen Ziegelmauern sind das Wahrzeichen des Weinguts, die historischen Mauerwerke reichen bis 1765 zurück und sind mit ehrwürdigen Steinrosetten verziert. Hier baut der erst 27-jährige Winzer Tim Strasser seit 2010 Müller-Thurgau, Grauburgunder, Traminer und Scheurebe, aber auch Goldriesling und Helios aus. ­Seine Vorfahren wanderten als Deutsche aus Ungarn ein, wo sie bereits in früheren Jahrhunderten Wein anbauten. Tim Strasser schloss seine Lehre am Staatsweingut Schloss Wackerbarth ab – als jüngster Winzer Sachsens. Die tonigen Lehm-Löss-Böden bringen erstaunlich frische und ausdrucksstarke Weine hervor, gerade der Traminer und der Müller-Thurgau sind moderne Vertreter aus der ­Region.

Was wäre der Osten ohne Saale-Unstrut, ohne die aufstrebenden Güter Gussek, Lützkendorf, Klaus Böhme oder Pawis? Auch hier überzeugt der Jahrgang 2012 mit durchgehend ­hohen Qualitäten. Aber durch strenge Kälte im Winter, Hagel und Trockenheit blieben die ­Erträge sehr gering. Im Winter 2011 auf 2012 herrschten sogar eine Woche lang minus 25 Grad, ein Teil der Burgunderanlagen erfror. Insgesamt wurden 2012 in dem Gebiet, das sich vom Süden Sachsen-Anhalts bis nach Thüringen erstreckt, nur 2,7 Millionen Liter eingefahren (knapp die Hälfte des Rekordjahrs 2011 mit über 5,5 Millionen Litern). Allein bei der Winzervereinigung Freyburg kam mit 1,4 Millionen ­Litern nicht einmal die Hälfte des Vorjahresergebnisses in die Keller. Wegen der schwierigen Witterung wurde keine Flasche Wein ökologisch hergestellt.

Strahlender Riesling
Vor allem Bernard Pawis vom Gutshof in Zscheiplitz hat in den vergangenen Jahren eine unglaub­liche Aufbauarbeit geleistet und nicht nur erstklassige Weine ­abgeliefert (wie den Riesling Spätlese S trocken, der zeigt, wie strahlend Riesling im Osten sein kann), sondern er hat auch das Gut auf Vordermann gebracht, quasi den ganzen Platz bis zum Wasserturm erweitert.

Die Weinbauregionen Sachsen und Saale-Unstrut sind zwar gebeutelt – aber man kann sagen: Der Osten lebt.

Info
www.schloss-proschwitz.de
www.weingut-zimmerling.de
www.weingut-pawis.de
www.rothesgut.de

Text von Nikolas Rechenberg
Aus Falstaff Deutschland 04/13