Der Begriff »orange« hat sich in den letzten Jahren international etabliert, allerdings besitzt er eine beträchtliche Unschärfe. Allen Orange Wines gemeinsam ist, dass es sich um Weine aus weißen Trauben handelt, die einer Maischegärung unterzogen wurden. Das heißt, dass die alkoholische Gärung in Gegenwart der Beerenschalen ablief – wie es sonst nur bei Rotweinen üblich ist. Darüber hinaus sind aber viele Varianten denkbar: Manche Winzer vinifizieren völlig ohne Schwefelzusatz, manche nützen kleine Dosen, um zumindest einen Mindestschutz gegen Oxidation zu erzielen, wieder andere streben diejenigen Schwefelkonzentrationen an, die auch bei der konventionellen Weinbereitung gebräuchlich sind. Auch bei der Wahl des Behältnisses gibt es viele Varianten: Neben der historischen Variante im Tongefäß (außer den georgischen Kvevris gibt es vor allem noch die aus Spanien stammenden Tinajas) sind auch Holzfässer gebräuchlich.

Orange Wine ist nicht zwingend gleichbedeutend mit Vin naturel. Der Naturwein definiert sich vor allem über das Fehlen jeglicher Additive. Auch Schwefel wird von den meisten Vin-naturel-Produzenten nicht zugesetzt – oder höchstens in sehr kleinen Mengen. Durch die leichte Oxidation, die sich bei solchen Weinen einstellen kann, haben manche weißen Vins naturels eine relativ dunkle Farbe, ohne dabei zwingend auch jene Tannin-Komponente zu besitzen, die einen Orange Wine auszeichnet. Umgekehrt muss nicht jeder Vin naturel oxidativ sein, und schwefelfrei sind die meisten Vins naturels ohnehin nicht, unabhängig davon, ob der Winzer Schwefel zugesetzt hat oder nicht: Denn im Stoffwechsel der Hefe entsteht während der alkoholischen Gärung Schwefeldioxid in teils beträchtlichen Mengen. Last but not least stammen die meisten Orange Wines aus Bio- oder biodynamischem Anbau, allerdings gibt es durchaus auch Vinifikationen aus konventionell erzeugten Trauben.

Text von Ulrich Sautter
Aus Falstaff Nr. 02/2014