Warum Sofas begehrenswert sind: Kolumnist Wolfgang Pauser analysiert

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Die erfolgreichste kulturelle Erfindung des letzten halben Jahrhunderts war die Fernsehcouch. Gemeinsam mit einem niedrigen Tischchen und dem Fernsehapparat ist sie das Zen­trum eines Rituals, zu dem auch spezielle Speisen und Getränke gehören. Diese müssen nicht nur praktisch für den Verzehr im freien Luftraum geeignet sein, sondern auch dem Geist des Sofasitzens gerecht werden.

Sigmund Freud hatte die Couch zum Werkzeug seiner Heilbehandlung gewählt, weil sie den Körper in eine Mittelstellung bringt zwischen Sitzen und Liegen. Liegenden droht die Gefahr einzuschlafen. Aufrechtes Sitzen hielte die bürgerliche Tagesverfassung sittsamer Selbstkontrolle allzu sehr aufrecht. Die 45-Grad-Sitzstellung sollte die Wachsamkeit über die innere Traumwelt schwächen. Als Heilinstrument war es die Aufgabe der Chaiselongue, eine Übergangszone zwischen der Tagwelt der Selbstüberwachung und der Nachtwelt der Traumversunkenheit zu installieren.

Freuds Couch bringt Träume und Unbewusstes zur Sprache und zutage. Wie die moderne Fernsehcouch kombiniert sie eine plappernde Tonspur mit dem fantastischen Geschehen eines inneren Films. Auch die Couch selbst hat ein Unbewusstes, das sie uns erzählen kann. In ihren Polstern stecken persönliche Erinnerungen, allgemeine Assoziationen und kulturelles Gedächtnis. Diese Bedeutungstiefe machen wir uns nicht bewusst, weil wir ja gar nichts anderes als sitzen, fernsehen und knabbern wollen.

Betrachten wir das idealtypische Sofa unserer Zeit: Stilistisch vom Bauhaus inspiriert, übertreibt es dessen Prinzipien des Rechteckigen und Flachen in neomodernistischer Manier. Warum ist das heutige Sofa so niedrig, warum die Sitzfläche viel tiefer, als ein Menschenschenkel lang ist? Die Motive dieses Designs liegen im kulturellen Bruch der 1960er-Jahre, im Protest gegen den »aufrechten Bürger«. Für diesen war eine Körperhaltung wichtig, die Selbstbeherrschung, Höflichkeit, gutes Benehmen, Respekt und Distanz signalisierte. »Sitz ordentlich!«, wurden die Kinder häufig er­mahnt – das schlimme Gegenstück zum disziplinierten Sitzen nannte man »Lümmeln«.

»Auch die Couch selbst hat ein Unbewusstes, das sie uns erzählen kann. In ihren Polstern stecken persönliche Erinnerungen, allgemeine Assoziationen und kulturelles Gedächtnis.«

Sitz­möbel der 1950er-Jahre hatten Modernität noch durch Buntheit, Streulage und Abrundungen, die auf die Aerodynamik der Fahrzeuge anspielten, bewiesen. Die Sitzstellungen aber blieben von wohlerzogener Artigkeit und aufrechter Haltung geprägt. In einem weichen Polstermöbel zu versinken, war nicht angebracht.

Die Hippies brachen mit traditionellen Förmlichkeiten und propagierten die Entformalisierung aller Lebensbereiche. Beim Zusammensitzen im Wohnzimmer wurde auf Höflichkeitsfloskeln ebenso verzichtet wie auf stramme Körperhaltungen. Nicht länger steif und förmlich, sondern unmittelbar, direkt, locker und entspannt wollte man nun beisammen sein. Aufrechte Haltung geriet in den begründeten Verdacht militärischen Ursprungs. Die Nazizeit war von Exzessen der Rückgrat-Begradigung zum Aufrechten geprägt gewesen. Dem antwortete die Protestgeneration mit radikaler Horizontalisierung. Das Wohnen und Sitzen zeigte ab 68 einen Hang zum Bodennahen.

Sitzmöbel widersprachen generell dem Geist der neuen Zeit. Schließlich wollte man die Zivilisationsgeschichte rückabwickeln. Dabei landete man auf dem Boden und erklärte diesen zur ideologisch optimalen Sitzfläche. Die Idee des »guten Wilden« von Rousseau wurde nicht nur frisurtechnisch, sondern auch wohnräumlich nachinszeniert. Auch die Kinder waren nun Vorbilder, soweit sie unerzogen waren und damit zeigten, noch nicht von der Zivilisation verdorben zu sein. Kinder und »Wilde« sitzen ihrer Natur nach nicht aufrecht auf Stühlen. Sie gehen barfuß und hocken am Boden. 

Der zottelig weiche Flokatiteppich linderte ein wenig die Unbequemlichkeit beim »Sit-in«. Der Sitzsack war eine Kompromiss­bildung zwischen Boden und Sitzmöbel. Er inszenierte das Prinzip der Entformalisierung in Reinkultur. Auch dementierte er, überhaupt ein Möbel zu sein. Tiefer ins Bodennahe ist die Menschheit niemals versunken. Abkehr von sozialen Hierarchien und Streben nach ökonomischer Gleichheit fanden sitztechnisch in der Bodenhaltung ihren privaten Ausdruck. Hohe und aufrechte Sessel verströmten nun den Geruch des Antimarxistischen. 

Die ideale Couch der Gegenwart weiß nichts mehr vom Kulturkampf ums Gesäß, trägt aber seine Spuren. Auf dünnen Beinen schwebt sie unterhalb der Wadenlänge. Mit ihrer Sitztiefe können die Oberschenkel nicht mithalten. Auch ist sie länger als der ganze Mensch. Damit zwingt sie zu einer Sitzhaltung, die weder vom Design des Möbels noch von gesellschaftlicher Sitte vorgegeben ist, sondern spontan und wechselhaft vom Sitzenden ganz autonom und individuell gefunden werden muss. Die einst im formlosen Bodensitzen demonstrierte Freiheit der Gesellschaft lebt in der vom Sofadesign erzwungenen Freiheit der Körperhaltung fort. Im politisch-ökonomischen Kontext der Gegenwart hat sich die Freiheit jedoch in eine Inszenierung von Freizeit verwandelt, die privat und individuell zu nutzen ist. 

»Kinder und ›Wilde‹ sitzen ihrer Natur nach nicht aufrecht auf Stühlen. Sie gehen barfuß und hocken am Boden.«

Als Freizeitmöbel steht die bodennahe Lümmelfläche nicht mehr in Opposition zur alten Disziplinargesellschaft der Fremdzwänge. Sie dient vielmehr zur Kompensation der freiwilligen Arbeitsüberlastung in der Konkurrenzgesellschaft. Wer nach der Arbeit entspannt, chillt oder abhängt, tut dies meist im Geist der Erholung. Erholung macht fit für die Arbeit. Das Sofasitzen erhält damit einen von der Arbeitsleistung abgeleiteten Wert. »Ich muss mich in der Freizeit entspannen«, sagt man heute. So betrachtet wird die Couch zum Werkzeug der Selbstoptimierung, gerade weil sie die zeitweilige Entlastung von der Arbeitspflicht wie eine Bühne körper­theatralisch inszeniert. 

Auf dem Sofa befindet man sich gleichsam im Leo, entrinnt den wachsenden Anforderungen an Strebsamkeit und Moral. Dazu passt, dass es sich hier auch für die klügsten Leute geziemt, die dümmsten aller Fernsehserien auf sich einströmen zu lassen. Der die Aktivitätspflicht kompensierende Passivitätskult des Sofasitzens hat auch die Rezeption des Mediums verändert. In der Frühzeit waren die Menschen noch aufmerksam vor dem Fernseher gesessen und hatten so diszipliniert eine »Sendung« verfolgt wie in der Kirche die Predigt, in der Schule den Unterricht oder im Kino ein Werk der Filmkunst. Ab den 1970er-Jahren entzogen immer mehr Leute der Flimmerkiste ihre Aufmerksamkeit. Der Fernseher lief den ganzen Tag, aber man sah nicht mehr hin und hörte nicht zu. 

Die heute allgemein geltende »Ökonomie der Aufmerksamkeit« ist auf dem Fernsehsofa ausgesetzt, hier ist die Unaufmerksamkeit Programm. Man plaudert, kuschelt und telefoniert, schreibt WhatsApp-Nachrichten, streunt per Tablet durchs Web. Das Sofa ist die Entlastungszone von allem, was man soll. Deshalb schickt es sich auf der Fernsehcouch nicht, ein Bier aus dem Glase zu trinken oder den Hamburger mit Besteck vom weißen Teller zu essen. Der Couchtisch muss niedrig sein, um etwaige Ambitionen, beim TV-Dinner nicht wie ein Kind kleckern und bröseln zu wollen, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Knabbergebäck muss hier ausnahmsweise der Gesundheitspflicht trotzen. Wer eine Karotte vorzieht, hat den Kult nicht verstanden. Auf der Fernsehcouch wollen wir nicht aktiv Gutes essen. Wir wollen von der schlimmen Industrie gefüttert sein. 

Aus Falstaff LIVING 03/16

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