»Probieren Sie, probieren Sie!« Der Marktstandler winkt mit einem Bund frischer Radieschen und versucht, PassantInnen zum Stehenbleiben zu bewegen. Sein Gemüse – alles frisch aus Österreich, verspricht er – hat er in Holzkisten aufgeschlichtet, die wiederum auf gestapelten Gemüseboxen stehen. Es wirkt improvisiert – aber das genau ist es, was den Wiener Brunnenmarkt ausmacht. Der längs­te Straßenmarkt Europas mit seinen bis zu 170 Ständen ist für seine kulturelle Vielfalt bekannt.

Stets frisch und aus der Region: Auf den Märkten gibt es auch exotische Sorten wie Ochsenherzparadeiser (l.) / © Andreas Jakwerth
Stets frisch und aus der Region: Auf den Märkten gibt es auch exotische Sorten wie Ochsenherzparadeiser (l.) / © Andreas Jakwerth

Nicht nur die Lebensmittel schaffen hier die Basis für ein neues Miteinander, es ist auch die zeitgenössische Kunst, die verbindet. Seit 2007 wird am Marktstand ein vielfältiges Programm geboten, das besonders auch jene Menschen erreicht, denen kostspielige Besuche in Theatern, Museen oder Konzerthäusern nicht möglich sind. In der sogenannten »Brunnenpassage« ist der Eintritt frei – und es wartet ein bunter Mix an kulturellen Veranstaltungen, von Musik über Tanz bis hin zum gemeinsamen Frühstücken. Hier treffen Welten aufeinander, Berührungsängste werden abgebaut, die BesucherInnen erleben die Vielfalt als Bereicherung. Der Markt ist ein Mosaik aus einer Vielzahl verschiedener Kulturen, man verbringt Zeit miteinander und tauscht sich nicht nur beim Einkaufen aus. »Der Brunnenmarkt ist ein Vorzeigebeispiel für die Wiener Märkte, hier wird Integration ohne Worte gelebt«, erklärt Alexan­der Hengl, Sprecher des Marktamts der Stadt Wien. Alle lernen voneinander – auch direkt am Marktstand. Denn das Positive an unterschiedlichen Kulturen auf Märkten sei das unterschiedliche Wissen über
die Waren selbst. Die KundInnen schätzen dies, es sind die Lebensmittel, die die Menschen verbinden und Türen zu anderen Kulturen öffnen.

Köstlichkeiten werden direkt vor Ort zubereitet / © Andreas Jakwerth
Köstlichkeiten werden direkt vor Ort zubereitet / © Andreas Jakwerth

Köstlichkeiten werden direkt vor Ort zubereitet / © Andreas Jakwerth

Frischer Wind durch gute Gastronomie
Doch diese Vorzüge des Austauschs auf den Wiener Märkten waren den Menschen nicht immer bewusst. Der Boom und die Expan­sion der Supermarktketten haben die Märk­te einst stark geschwächt und beinahe dafür gesorgt, dass sie aus Wien verschwanden. »Erst im Jahr 1992 wurde die Gastronomie schließlich auf den Märkten zugelassen«, erklärt Hengl. Dies hat wesentlich zur Besserung beigetragen, die Markstandler­Innen konnten aufatmen. Denn fortan genossen es die KundInnen, sich bei dem einzigartigen Flair nach den Einkäufen noch eine Kaffeepause zu gönnen. Der Marktbesuch dient nicht mehr nur dem Einkauf, sondern ist auch wesentlicher Faktor des sozialen Lebens. Auf manchen Märkten, etwa auf dem Naschmarkt, hat sich die Gastronomie sogar so weit selbstständig entwickelt, dass sie unabhängig vom Einkaufen genutzt wird. Auch wenn die Konkurrenz der Supermärkte also heutzutage nicht mehr so stark ist wie einst, müssen sich die Unternehmer auf den Märkten spezialisieren und sich immer wieder neue Ideen einfallen lassen. Es genüge eben nicht mehr, so Hengl, sich nur auf Obst und Gemüse zu versteifen – oder nur Fleisch anzubieten. »Ein Obst- und Gemüsestand sollte heute gleichzeitig auch frisch gepresste Säfte anbieten oder sogar Marmeladen. Es gibt sogar bereits Stände, die neben Lebensmitteln auch Tee- und Kaffeesorten zum Verkauf bereitstellen.«

Alles wirkt etwas improvisiert, doch dies macht den Brunnenmarkt so charmant / Andreas Jakwerth
Alles wirkt etwas improvisiert, doch dies macht den Brunnenmarkt so charmant / Andreas Jakwerth


Alles wirkt etwas improvisiert, doch dies macht den Brunnenmarkt so charmant / Andreas Jakwerth

Lebensmittelskandale sorgen für ein Umdenken
Ob Pferdefleisch in der »Rindfleischlasagne« oder die Diskussion über die Herkunft der Eier angeblich glücklicher Hühner: Die De­batten über Lebensmittel in jüngster Vergangenheit haben auch auf den Wiener Märkten Spuren hinterlassen. StandlerInnen berichten von intensiveren Nachfragen der KundInnen.

Frisches Obst und Gemüse auf dem Meiselmarkt / © Andreas Jakwerth
Frisches Obst und Gemüse auf dem Meiselmarkt / © Andreas Jakwerth

Woher kommt die Ware? Wurde sie chemisch behandelt? Hat der Händler bzw. die Händlerin den Betrieb persönlich besucht und sich von der Qualität überzeugt? Die Wiener Märkte erleben seither noch mehr Zustrom, denn das Vertrauen in manche Produkte aus dem Supermarkt ist seit den jüngsten Lebensmittel­skandalen etwas gedämpft, viele vertrauen den Etiketten nicht mehr. Zudem schätzen die KundInnen einen pers­önlichen Ansprechpartner bzw. eine Ansprechpartnerin. Die KonsumentInnen schauen nun genauer hin, wollen mehr über die Lebensmittel
wissen.

»Es ist auch noch ein weiterer Trend beim Einkaufsverhalten zu beobachten«, erklärt Alexander Hengl. »Die Menschen kaufen immer öfter Produkte, von denen garantiert wird, dass sie aus Mitteleuropa stammen.« Supermarktketten brauchen immer enorme Liefermengen einer Charge oder Ernte, damit es sich für sie auch wirklich rentiert. Ganz anders gestaltet sich dies auf den Märkten: Gerade kleine Erntemengen können nur in kleinen Geschäften (oder eben an Ständen) angeboten werden. Somit gibt es gerade hier diese frische Ware, ohne zuvor in irgendwelchen Lagerhallen gewesen zu sein. Damit ist natürlich ebenso die Sortenvielfalt einfacher gegeben.

Darüber hinaus schätzen die Besucherinnen und Besucher der Märkte die persönliche Betreuung und auch die Möglichkeit, den Anbieter bzw. die Anbieterin über die Lebensmittel zu befragen.

Die Folge ist beeindruckend: Rund 326.000 Menschen besuchen pro Woche mindestens einen Wiener Markt – das sind um etwa 20.000 BesucherInnen pro Woche mehr als noch vor fünf Jahren. Und die Tendenz ist weiter stark steigend.

Weitere Informationen rund um die Wiener Märkte finden Sie im Internet auf: marktamt.wien.at

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