Vom Boden an die Wand: Designtrend Fliesen

Handgemachte mexikanische Zementfliesen im »Llama« Kopenhagen.

© Llama Kopenhagen

Handgemachte mexikanische Zementfliesen im »Llama« Kopenhagen.

© Llama Kopenhagen

Manche Dinge kann man durchaus in Stein meißeln. Dazu gehört: Individualität ist Trumpf. Die Tapeten sind längst zurück, die Farben sowieso und es darf auch gerne wild gemustert sein. Und wer ganz genau hinsieht, macht noch eine Entdeckung: Fliesen. Die erste Assoziation gehört hier wohl zwangsläufig den Böden bzw. Küchen. Strapazierfähig, rutschfest, leicht zu reinigen – die Attribute dürften bekannt sein. Doch was der Boden kann, das kann die Wand schon lange und besser noch: Sie fällt den Gästen auch sofort auf! Die Hersteller frohlocken, die Absatzzahlen steigen seit Jahren kontinuierlich. In Österreich kletterte der Umsatz von 2016 auf 2017 etwa von 112,1 Millionen auf 117,8 Millionen Euro. Ähnlich der Trend in Deutschland. Hier hat der Fliesenmarkt von 2016 auf 2017 um 1,5 Prozent zugelegt – die Entwicklung verläuft seit 2009 positiv.

Fast alle angebotenen Bodenfliesen haben zumindest eine gewisse Rutschsicherheitsklasse.

© Photography Schaarschmidt

Interessant: Die Importe aus China gehen drastisch zurück, die Türkei und Tschechien reüssieren neben dem klassischen Big Player Italien. Spanien ist definitiv im Kommen, Deutschland verliert zusehends an Marktanteilen (mehr zum Länderkolorit auf der letzten Seite). Beim Material ist Feinsteinzeug das Maß aller Dinge. Das zeigen nicht nur die Absatzzahlen, sondern bestätigt auch Martin Strobl, Einkauf Fliesen/Parkett bei Quester. »Wir beobachten das Wachstum bei Feinsteinzeug seit etwa fünf Jahren und vermuten dahinter den zunehmenden Trend, die Bodenfliesen auch an der Wand hochzuziehen.« Der Mann weiß, wovon er spricht. Wer sich internationale Restaurant-Designs ansieht, begegnet dieser Interior-Idee auffallend oft. Gleich ob mit Farben, Tapeten oder Fliesen hantiert wird, es muss nicht mehr zwangsläufig vollflächig sein. Raumkanten werden optisch aufgelöst, der Boden zieht sich – im Fall der Fliesen – die Wand hoch, zum Beispiel bis zur Tischhöhe. Oder man ummantelt Säulen, nimmt sich die Decke vor, gestaltet die Barfront.

Plattenverschiebung

»Für den Gastraum werden zunehmend Dekofliesen in der Größe 10 x 20 und 10 x 30 cm nachgefragt«, berichtet Strobl. Es geht aber auch hier anders, weiß der Fachmann: »Seit ein bis zwei Jahren können auch die Riesenformate – bis zu 3 x 1,5 Meter – digital bedruckt werden.« Die Mega-Fliesen sind so etwas wie die Königsklasse der Individualität. Beeindruckende Beispiele gibt es etwa auf der Webseite von »Iris Ceramica« (»Design your slab«) zu sehen. Generell sind größerformatige Fliesen ab 75 x 37,5 cm ein spürbarer Trend (geringerer Fugenanteil!) und es werden auch immer häufiger andere Formen gesichtet (Hexagon!). Die Fliese von heute ist auch nicht mehr zwangsläufig flach und eben, die Hersteller promoten neue Strukturen. Gerillt, vertieft, erhaben – die Haptik dieser Plättchen ist etwas ganz Besonderes. Man sollte halt drauf schauen, dass sie trotzdem leicht zu reinigen sind, ansonsten verliert man einen der Haupt- Benefits des Materials.

Ein wunderschönes Beispiel: die Kollektion »Bold« von Marca Corona in soften Farbtönen von Marsala über Sage bis hin zu Mustard. Passt definitiv nicht nur in Eissalons! Über 30 Hersteller von Fliesen hat alleine Quester im Angebot, so Strobl. »Die meisten davon aus Italien. Das war schon immer so.« Dennoch darf man kleine Betriebe nicht unterschätzen. So findet sich etwa beim Londoner Anbieter »Dzek Limited« ein Terrazzo-Muster, das angesagter nicht sein könnte. Und die kleine österreichische Manufaktur »Karak« hat sich der japanischen RakuTechnik verschrieben und somit dem »unnachahmlichen Charakter des Zufalls« (O-Ton). Die geometrischen Ornamente – gerne monochrom – sind zeitlos up to date. Oder man bezieht sich auf länder- bzw. regionalspezifische Muster, Stichwort orientalische Keramik oder etwa auch mexikanische.

Ein schönes Beispiel, das schon seit 2001 in Wien für unzählige Handyfotos sorgt, ist das Café Restaurant »Corbaci« im Architekturzentrum Wien (Az W). Hier wurde die Decke des Raumes mit orientalischen Fliesen verkleidet, quasi ein Himmel kreiert. Zumindest hat das seinerzeit die Architektin Anne Lacaton so beschrieben, die den Raum gemeinsam mit ihrem Kollegen Jean-Philippe Vassal und im Auftrag des Az W. Die Muster wurden extra für das Restaurant entworfen und in Istanbul manuell gefertigt. Die Möblierung ist dagegen bewusst einfach gehalten – mit Tischen und Stühlen aus Serienproduktion. Angelika Fitz, Direktorin des Az W, erwähnt noch einen weiteren spannenden Trend, als sie PROFI die Geschichte des heutigen »Corbaci« näherbringt. »Ich war gerade in der Jury des Mies van der Rohe Award in Barcelona und bei den eingereichten Projekten kamen auffallend oft gebrauchte Fliesen zum Einsatz. Beim anhaltenden Trend zu Re-Use und nachhaltigen Materialkreisläufen spielen Fliesen eine wichtige Rolle.« Quester führt etwa die Marke »Biopietra«, der Name ist hierbei Programm. Selbst wenn man verkrampft einen Nachteilfinden wollte, Fliesen haben keinen, ist Strobl überzeugt. Schlechte Akustik? »Dafür gibts Entkoppelungsmatten.« Gut, wir sind überzeugt.

Fliesen finden nicht nur an Wänden und auf Böden Einsatz.

Fliesen finden nicht nur an Wänden und auf Böden Einsatz.

© Photography Schaarschmidt

Feinkeramik: Unterschieden wird in Feinsteinzeug (für jegliche Anwendung), Steinzeugfliesen (glasiert und unglasiert, z. B. für Kantinen gut geeignet) und Steingutfliesen (nur innen – etwa an den Wänden, immer glasiert).

Bodenfliesen: Grundsätzlich von höherer Härte und Abriebfestigkeit. Fast alle angebotenen Bodenfliesen haben zumindest eine gewisse Rutschsicherheitsklasse.

Wandfliesen: Einfacher zu verlegen als Bodenfliesen. Theoretisch können auch Bodenfliesen an der Wand verlegt werden, umgekehrt ist das keine gute Idee.

Grob gesagt wird die Branche von Herstellern aus Deutschland, Italien und Spanien bestimmt. Letztere sind gerade im Bereich Wandfliesen äußerst kreativ, während die Italiener in Sachen Feinsteinzeug tonangebend sind. Eine Beratung vom Profi ist unerlässlich, hier einige Firmen, deren Webseiten zur Inspiration taugen.

Deutschland: Ströher Steuler Agrob BuchtalGrohn

Italien:FMG Floor Gres Iris Ceramica Marazzi Marca Corona

Spanien: Wow Design EU (Elle / Boho Collection!) • Mainzu ceramicaAzteca LaPlatera Porcelanite Dos

Weitere: Karak (Österreich, japanische Raku-Technik mit charakteristischen schwarzen Mustern) • Dzek Limited (Großbritannien, auffällige Terrazzo-Muster)

ERSCHIENEN IN

Falstaff Profi Magazin 01/2019
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