Vom anderen Ufer: Montreux

Es ist alles Gold, was glänzt. Zumindest hier, am goldenen Ufer des Lac ­Léman, wo in Montreux auch spätabends die ­Bürgersteige nicht hoch­geklappt werden.

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Es ist alles Gold, was glänzt. Zumindest hier, am goldenen Ufer des Lac ­Léman, wo in Montreux auch spätabends die ­Bürgersteige nicht hoch­geklappt werden.

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Den schönsten Blick auf Montreux hat man vom gegenüberliegenden Seeufer aus, von Port-Valais, einem kleinen, touristischen Hafen, der, wie der Name verrät, zum Kanton Wallis gehört und nicht zum Waadtland wie Montreux, Vevey, Lausanne und die anderen berühmten Orte der Seeriviera. Wenn man sommers in der spätabendlichen Ruhe am Ufer von Port-Valais an einem der Landungsstege die Beine Richtung Wasser baumeln lässt, dann erkennt man schnell, wofür Montreux steht – eine Stadt, die den Abend liebt und die Nacht machmal zum Tage macht. Zumindest bis zwei Uhr früh.

Montreux leuchtet. Und Montreux leuchtet ein bisschen mehr als andere Städte am See. Das liegt auch daran, dass man in Montreux die Strandpromenade gewichtig zur Repräsentation nutzt. Montreux lebt am See.

Das heißt nicht, dass das Hinterland, das ein Teil des alten Montreux ist und das gleich hinter dem Bahnhof beginnt, kein Leben und keine Schönheiten zu bieten hätte. Das Leben und die Schönheiten der Berglandschaft durchfährt man mit der Montreux-Berner Oberland-Bahn, die sich vom Bahnsteig weg in engen Serpentinen Richtung Zweitausender schlängelt und die Stadt mit dem Skiort Gstaad verbindet. Die Züge passieren auch das Château du Châtelard, das mächtig über der Stadt thront. Das Château ist kein Schloss, sondern eine Burg mit einem riesigen Wohnturm; die Hänge hinab zur Urbanität sind mit Weinreben bepflanzt. Château du Châtelard ist – gemeinsam mit dem am Ufer befindlichen Château de Chillon – das letzte Überbleibsel des Mittelalters, als Savoyen mit Bern Krieg um die Herrschaft am See führte. So richtig gewonnen hat keiner der beiden Rivalen, und deswegen teilen sich Frankreich und die Schweiz seit ein paar Jahrhunderten den Lac Leman. Wenn man hier heute noch zu Schwertern greift, dann nur, um Champagnerflaschen zu köpfen.

Das Château de Chillon ist die wichtigste und historisch gewichtigste Sehenswürdigkeit um Montreux, es schließt sozusagen das Ostufer ab. Hier macht der See dann die Biegung Richtung Frankreich und hin zum Kurort Evian, der, trotz aller architektonischen Ähnlichkeiten mit Montreux, eine völlig andere Welt darstellt. Montreux ist jünger und wilder als alle anderen Städte am See. Montreux ist Jazz. Montreux ist Pop.

Smoke on the Water, Fire in the Sky. Jeder, der in den letzten vierzig Jahren Rock und Pop gehört hat, kennt diese Zeile. Sie stammt aus einem Gassenhauer der britischen Hardrock-Band Deep Purple, deren vier Mitglieder Augenzeugen wurden, als das Casino von Montreux 1971 bei einem Frank-Zappa-Konzert komplett ausbrannte. Zappa, die Purple-Leute, im Publikum damals auch noch David Bowie: Montreux zieht Pop-Größen an, hier gibt es Aufnahmestudios, ruhige Villen und nur selten Stress, wie bei dem Feuer damals.

Unvermittelt steht er da. Oder besser gesagt steht sie da: die Statue von Freddie Mercury, dem legendären Sänger der Rockhaudegen Queen, der mit der Band hier eines der damals drei bedeutenden Tonstudios unterhielt. In einem seiner letzten Interviews für den Rolling Stone spricht Mercury davon, dass die Stadt am See sein eigentliches Zuhause geworden war, dass er sich hier von London und der krawalligen Szene erholte. Die Stadtverwaltung von Montreux dankte es Mercury mit einer Skulptur, die ihn in seiner klassischen Pose zeigt. Viele Tausend Touristen jährlich kommen nur wegen des gusseisernen Mercury nach Montreux und entdecken eine Stadt, eine Region, die einzigartig ist.

Montreux ist auch Jazz, denn seit 1967 findet hier jedes Jahr im Juli eines der berühmtesten Jazzfestivals der Welt statt. Die Klientel dieses Stelldicheins bleibt auch länger in der Gegend, hört genauer hin und ist nicht nur darauf aus, vor der Statue eines Popstars eine Kerze anzuzünden. Mit dem Montreux Jazz Festival hat die Stadt eine seriöse, intellektuelle und auch betuchte Klientel dauerhaft an den See geholt, denn Jazz wird hier nicht nur während des Festivals gespielt, sondern findet immer an irgendeinem Ort in den Häuserzeilen statt. Mit dem Jazz kam auch das kleine bisschen Verruchtheit nach Montreux, das Rauchige (auch wenn man nicht mehr rauchen darf), die langen Nächte an den Tresen der Bars, die Gespräche mit Whiskygläsern in der Hand.

Apropos Tresen und Bars: Diese findet man in Montreux meist in den grossen Hotels, wie etwa das »Montreux Jazz Café« im Hotel »Fairmont Le Montreux Palace«, einem grossen Kasten der Luxusklasse. Im »Jazz Café« kann man anständig Austern schlürfen und lokale Gerichte speisen, später dann geht es in den Nebenraum, wo ein nahezu riesiger Tresen wartet, und auch eine Bühne, auf der jedes Wochenende Konzerte stattfinden. Das »Jazz Café« ist mit der »Funky Claude’s Bar«, dem »Mayfair House« und der schönen »Orient Express Bar« der ideale Platz, um in den frühen Nächten abzuhängen. Ein richtig kurioser, kulinarischer Ort ist hingegen die »Giger Bar« neben dem gleichnamigen Museum, in der Nähe von Montreux gelegen. Hans Rudolf Giger, ein bildender Künstler der Ostschweiz, wurde weltberühmt, als er das Monster Alien für die gleichnamige Spielfilmreihe erschuf: ein Geschöpf des Grauens, das einen bis in die Träume verfolgt. Die »Giger Bar« nimmt die Alien-Skelett-Architektur in die Inneneinrichtung auf – ein richtig spezieller Ort.

In gastronomischen Angelegenheiten verfolgt man in Montreux offenbar das Ziel, auf eine vielfältige, international orientierte, kulinarisch saubere, aber nicht allzu kreative Küche zu setzen. Und so liegt das einzige, hochkulinarische Restaurant der Stadt auch einige Hundert Meter über dem See, weit von der Promenade und ihrem Treiben entfernt. Das »Le Pont de Brent« hat zwei Michelin-Sterne, die Küche leitet der junge Stéphane Décottert, der das Traditionslokal 2011 übernommen hat. In Montreux selber bietet »MP’s Bar & Grill«, ebenfalls im »Fairmont-Hotel«, die qualitativ hochwertigste Küche – mit schlicht grandiosem Seeblick und einer der besten Weinkarten am stillen, doch tiefen Wasser. Freilich darf die Frage gestellt werden, warum man sich hier nahezu ausschließlich auf perfekte, richtig perfekte Steaks konzentriert und die regionale Küche des Hinterlandes hintanstellt. Doch die Antwort ist klar: Montreux lebt vom einem internationalen, sehr angelsächsisch geprägten Publikum. Wer die Gegend kulinarisch nachhaltiger erkunden will, muss eben ein paar Höhenmeter bergan fahren. Auch dort gibt es einen tollen Blick auf den schönen See. Die Seeküste des Waadtlands hat einige Ähnlichkeiten mit der Côte d’Azur. Wie am französischen Mittelmeer herrscht auch hier, wenn auch nur als Ausläufer, mediterranes Klima. Die nahen Alpen sorgen vor allem in Montreux für ausreichend Niederschläge und für kühle Abendluft – bläst der Wind nur in die richtige Richtung. Wenn das Ufer des Waadtlands nun die Côte wäre, dann wäre Montreux wohl Cannes, ein Ort, an dem sich vor allem Künstler und Lebenskünstler treffen, ein Ort auch, der gerne auch in den Medien steht, ein Ort, der Festivals ausrichtet, um genug Trubel um die Ohren zu haben, ein Ort, der sich selber nicht so wichtig nimmt, seine Gäste aber durch den Aufenthalt schaukelt und bei Bedarf in Watte packt. Montreux lebt von einer leichtlebigen Klientel, die für ihr Savoir-vivre einen Ort sucht, in dem Laissez-faire nicht nur zum Vermarktungsslogan verkommt.

Montreux ist von all den großen Städten am See, auch jenen am französischen Ufer, die touristischste Stadt. Und der Tourismus hat ihre Struktur bestimmt, die Ausrichtung des Städtebaus nach 1850, als die großen Hotels schon vor dem Eisenbahnbau entstanden. Für den guten touristischen Ruf im 19. Jahrhundert war vor allem George Gordon Noel Byron – besser bekannt als Lord Byron – verantwortlich. Der Zeitgenosse Goethes und Schillers war der damalige Star der Romantik-Literaten und machte auf seinem Weg nach Oberitalien in Montreux halt, wo er sich später eine Zeit lang dauerhaft aufhielt und verschiedenste Damenbesuche empfing. Hier in Montreux konnte das Platz greifen, was im puristischen London verpönt war: freie Liebe und Wein. Montreux leuchtet, Montreux klingt. Am Ufer von Port-Valais kann man Montreux nicht nur leuchten sehen, sondern auch summen hören. Während es hier, am gegenüberliegenden Teil des Sees, schon um 22 Uhr recht still wird, hört man aus dem kilometerweit entfernten Montreux Musik und Gelächter. Es lebt, wo Leben ist.

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