Auberginen-Tower aus dem Buch »Vegan for Youth« von Attila Hildmann / Foto: © Simon Vollmeyer

Attila Hildmann sieht nicht aus wie ein verzopfter Weltverbesserer. Er ist jung, eloquent und wirkt verdammt fit. Er hat Physik studiert, fährt Porsche, trägt sein Siegerlächeln mit unverschämter Coolness im Gesicht und wirkt wie einer der Sorte: Es gibt nichts, was mir nicht gelingt.

Mehr Bücher als Jamie Oliver
Hildmann ist mit 32 Jahren bereits ziemlich vermögend. Als Ernährungsberater und einer der erfolgreichsten Kochbuchautoren Deutschlands landete er in den vergangenen Jahren einen Bestseller nach dem anderen. 2013 hat er mehr Bücher verkauft als Jamie Oliver.


Attila Hildmann: Der Bestseller-Autor und Porsche-­Fahrer ist die neue Galionsfigur der Veganer-Bewegung / Foto: Krzyzanowska

Man würde ihn auf den ersten Blick nicht jener Welt zuordnen, für die er zur neuen Galionsfigur geworden ist. Attila Hildmann ist Veganer. Das sind jene Menschen, die mit fundamentalreligiöser Entschlossenheit sämtliche Tierprodukte ablehnen. Sie essen nichts vom Tier und tragen auch keine Gürtel und Schuhe aus Leder. Als überzeugter Veganer tritt Hildmann laufend im Fernsehen auf. Nur ist er eben wesentlich lässiger als viele der sauertöpfischen Genuss-Taliban, die lange Zeit dem Veganertum ein zweifelhaftes Image verpassten. Gewollt locker promotet er seine Bücher und stilisiert sich flapsig zum neuen Guru der Vegan-Bewegung. »Jedes meiner Rezepte ist ein Kunstwerk«, posaunt er von sich überzeugt in die Welt und verweist siegessicher auf seine entschlackte Bauchnabelregion, »ich war früher ein schwabbeliger Typ mit 35 Kilogramm Übergewicht. Heute sind die Fettschwarten runter und durch ein Sixpack ersetzt worden.«

>>> Typologie der Fleisch-Verweigerer

In die Mitte der Gesellschaft
Wie kaum ein anderer hat Hildmann das Thema »vegan« mit seiner erfolgreichen Kochbuchserie (»Vegan for …«) in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Und er hat es positiv besetzt. Reich, schön und beliebt – und das als Veganer, so etwas hat es vor Hildmann in dieser Form noch nicht gegeben. Leute wie er machen deutlich: Vegan als lange Zeit belächelte Ernährungsform ist inzwischen ein Mega-Trend geworden, die Veganer sind drauf und dran, sich langsam, aber sicher aus der Ecke einer kleinen Minderheit zu befreien. Mainstreamgerecht sind sie bereits in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. So schrieb etwa das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« im Vorjahr über die »Besser-Essis«, die Veganer-Bewegung habe ihren Dogmatismus abgelegt: »Die Zeit des Missionierens ist vorbei, die meisten Veganer setzen auf Aufklärung, nicht auf die Verbreitung schlechten Gewissens.«


Veganes Gericht im »Tian« in Wien / Foto © beigestellt

Die vegane Lebensweise als Ideologie zum Schutz der Tiere, als Ernährungsalternative und jetzt auch als cooler Trend in der Gastronomie. In Deutschland gibt es bereits mehr als 50 vegane Restaurants, über zwei Dutzend davon alleine in Berlin. Sie werden inzwischen auch von Feinschmeckern geschätzt. In Wien etwa hat das Restaurant »Tian« – ein Trendlokal mit vegetarischer und veganer Küche – erst unlängst einen Michelin-Stern erhalten. Wiens erster Eissalon mit ausschließlich veganem Eis ist in kürzester Zeit zu einem Hotspot geworden.

Auf dem Vormarsch
Fast jede Supermarktkette führt inzwischen vegane Produkte, mittlerweile existieren auch einschlägige Vegan-Supermärkte wie etwa die deutsche Kette Veganz mit rund 6000 veganen Produkten und Filialen in Hamburg, Berlin und München. Auch in Wien hat Veganz seit diesem Jahr eine Filiale. Der mit einer Biomarkt-Kette schon einmal gestartete Stefan Maran eröffnete ein Jahr davor mit dem Laden Maran Vegan den ersten veganen Supermarkt Österreichs. Das Veganertum greift unaufhörlich um sich, auch immer mehr Starköche beschäftigen sich mit dem Thema und kreieren laufend neue Rezepturen.


Veganz-Supermarkt­kette in Hamburg / Foto: beigestellt

Bis vor Kurzem war das noch ganz anders. Veganer galten lange Zeit als genussfeindliche Sektierer, denen sogar Vegetarier sus­pekt waren, weil vegan sein ja weit mehr bedeutet als nur der Verzicht auf Fleisch. Veganer waren ursprünglich eine radikale Gruppe, die sich unter der Führung des Lehrersohnes Donald Watson 1944 von der britischen Vegetarian Society abspaltete. Bis heute lehnen die Anhänger der Bewegung alles ab, was mit der Nutzung von Tieren in Verbindung steht. Zum Schutz der Kreatur. Ein überzeugter Veganer tötet im Sommer nicht einmal eine Mücke.

Streitfall tierisches Protein
Vegane Lebensweise ist allerdings nicht unumstritten und löst unter Ernährungsexperten immer wieder heftige Diskussionen aus. So fürchten die einen, der völlige Verzicht auf tierische Produkte würde beim Menschen zu Mangelerscheinungen führen, da der Homo sapiens aus biologischer Sicht ein Allesfresser (Omnivore) sei.


Maran Vegan: erster veganer  Supermarkt in Wien / Foto: beigestellt

Andere, wie etwa der amerikanische Veganer-Prophet und Arzt Milton Mills, vertreten die Meinung, dass der Mensch eher einem anpassungsfähigen »Frugivoren« (Fruchtfresser) gleiche und keinerlei Probleme damit habe, wenn er auf tierisches Protein verzichte. Dem widerspricht allerdings die deutsche Evolutionsbiologin Sabine Paul, wenn sie meint: »Es gibt kein Naturvolk, das wir in unserer direkten Abstammungslinie kennen, dessen Angehörige reine Vegetarier gewesen wären. Von Veganern ganz zu schweigen. Die haben alle mindestens fünf Prozent tierische Nahrungsmittel auf ihrem Speiseplan gehabt.«

Lust nach Fleisch?
Umstritten ist auch, ob Veganer nicht tief in ihrem Inneren trotz ihrer tierfreundlichen Weltanschauung eine tiefe Lust nach Fleisch verspüren. Karl Schillinger ist jedenfalls überzeugt davon. Als Veganer betreibt er im niederösterreichischen Großmugl ein veganes Gasthaus, in das selbst Veganer aus Deutschland pilgern. Der Grund: Schillinger bietet seinen Gästen eine typisch österreichische Wirtshausküche mit Gerichten wie Rindssuppe, Backhendl, Schnitzel und Gulasch. Doch in all den üppigen Speisen befindet sich kein Gramm Fleisch. Alles wird aus pflanzlichen Ersatzstoffen zubereitet. Und die bezieht Schillinger aus Taiwan. Denn die Nationalchinesen haben ein weltweites Monopol auf Fleischersatzprodukte aus Soja. »Sie werden es mir nicht glauben«, sagt Schillinger, »aber ich kann absolut verstehen, weshalb Menschen gerne Fleisch essen.«

Für einen überzeugten Veganer ein erstaunlicher Satz. Doch Schillinger muss es wissen. Ein halbes Jahr bevor er sich dem Veganismus verschrieben hatte, ging er bei einem Hamburger-Wettessen als Sieger hervor.

Text von Herbert Hacker aus Falstaff 03/14 bzw. Falstaff Deutschland 04/14

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