In Blumenkisten können Pflanzen hervorragend heranwachsen, bis man sie im Garten einsetzt / Foto: Kneipp Verlag, Tilla Künzli

Es ist dieser Moment, wenn die erste selbst gezogene Tomate reif ist: Eines Morgens blitzt sie rot zwischen grünen Blättern hervor – aromatisch duftend, reif und saftig. Der Geschmack ist unübertrefflich intensiv. Eigenes Gemüse – ein exklusives Genusserlebnis für Landmenschen? Von wegen. Das Gärtnern hat die Städte erreicht. Und weil es ein Trend ist, nennt man es »Urban Farming«.

Bezug zur Natur geht verloren
Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten (in Deutschland drei Viertel, in Österreich zwei Drittel). Prognosen zufolge wird sich die Wanderung Richtung Stadt weiter fortsetzen. Diese Entwicklung führt zu einer immer stärkeren Entfernung vom Ursprung der Lebensmittel. Und zwar nicht nur geografisch, sondern auch im Kopf: Viele in der Stadt aufgewachsene Kinder kennen Obst und Gemüse nur noch aus dem Supermarkt. Dass Karotten in der Erde wachsen und Bohnen sich an einer Stange ranken, kennen sie allenfalls aus Bilder­büchern.

Städtische Gärten wirken dieser Tendenz entgegen. Entstanden die ersten Urban-Farming-Projekte in Havanna (Kuba) oder Detroit (USA) noch wegen mangelnder Lebensmittelversorgung, stehen beim Gärtnern in Europas Städten (noch) andere Aspekte im Fokus – Gemüse und Obst gibt es schließlich im Discounter an jeder Ecke.

Urbaner Gemüseanbau entsteht aus dem Bedürfnis nach dem Wissen über die Entstehung der Lebensmittel, der Freude am gemeinsamen Arbeiten und dem Genuss frisch geernteter Produkte.

Wenig Platz? Auch auf der Wäsche­leine fühlen sich Pflanzen wohl / Foto: Kneopp Verlag, Tilla Künzli
Wenig Platz? Auch auf der Wäsche­leine fühlen sich Pflanzen wohl / Foto: Kneopp Verlag, Tilla Künzli


Wenig Platz? Auch auf der Wäsche­leine fühlen sich Pflanzen wohl / Foto: Kneopp Verlag, Tilla Künzli

Gemeinschaftsprojekt
»Der Verbraucher hat häufig vollkommen falsche Vorstellungen von den Produktionsbedingungen von Lebensmitteln. Das gilt für Erwachsene ebenso wie für Kinder«, sagt der Stadtgärtner und Dokumentarfilmer Robert Shaw. Um diese Bildungslücke zu schließen, haben er und der Historiker Marco Clausen vor vier Jahren den »Prinzessinnengarten« in Berlin gegründet. Heute gilt die 6000 Quadratmeter große Gartenanlage als Vorzeigeprojekt. Da die Stadt den Mietvertrag für das Grundstück derzeit immer nur für ein Jahr verlängert, wird in Kisten, Säcken und Töpfen angebaut, um das Projekt mobil zu halten. Neben dem Austausch über Nahrungsmittel­produktion und Gemüseanbau steht die Arbeit in der Gemeinschaft im Vordergrund. Es gibt Kooperationen mit Universitäten, die Nachbarschaft wird eingebunden. »Da steht dann eine ältere russische Frau, die sehr gut im praktischen Gemüseanbau ist, neben einem 25-jährigen spanischen Hippie, der ein Permakultur-Buch in der Tasche hat, und einem Uni-Professor, der etwas über Bodenertrag erzählt. Dazu kommt eine Familie mit zwei Kindern, die auf der Durchreise in Berlin ist und mal ein bisschen gärtnern will. Alle zusammen erledigen dann eine Arbeit. So entsteht informell Wissen«, beschreibt Shaw das Konzept des Urban-Farming-Projekts. Niemand hat ein eigenes Beet, jeder kann mithelfen. Das produzierte Gemüse wird entweder direkt in der Gartengastronomie verarbeitet, oder man kann es selbst ernten und kaufen und so den Garten unterstützen. Inzwischen kann sich das Projekt, das von Anfang an auf finanzielle Unterstützung durch die Stadt verzichtet hat, 14 Vollzeitangestellte leisten.

Vertikalbegrünung liegt weltweit im Trend: Das Hundertwasserhaus ist Wiens grünstes inner­städtisches Gebäude und ein Paradebeispiel dafür / Foto: Julius Silber
Vertikalbegrünung liegt weltweit im Trend: Das Hundertwasserhaus ist Wiens grünstes inner­städtisches Gebäude und ein Paradebeispiel dafür / Foto: Julius Silber


Vertikalbegrünung liegt weltweit im Trend: Das Hundertwasserhaus ist Wiens grünstes inner­städtisches Gebäude und ein Paradebeispiel dafür / Foto: Julius Silber

Vom Kleinkind bis zum Pensionisten
Dass die Initiative zum Urban Farming oder Urban Gardening auch von der Stadt ausgehen kann, zeigt das Beispiel Wien.

Seit zwei Jahren fördert die Stadt Nachbarschaftsgärten, inzwischen gibt es fast in jedem Bezirk einen. Die Stadt stellt die Fläche kostenlos zur Verfügung und übernimmt ­einen Teil der Projektkosten für die Infrastruktur. Private Initiativen oder Vereine – wie etwa die Plattform Gartenpolylog, die sich auf interkulturelle Gemeinschaftsgärten in Österreich spezialisiert hat – sorgen für die Koordination der Projekte. In den Gärten gibt es Einzelparzellen für indi­viduellen Anbau ebenso wie Gemeinschaftsflächen. »Wir versuchen bei den Nachbarschaftsgärten immer, verschiedene Gruppen einzubeziehen. Der Kindergarten ist genauso dabei wie das Pensionistenheim und die Schule – plus der Leute, die in der Umgebung wohnen. Das funktioniert sehr gut, was man auch daran merkt, dass wir in diesen Gärten so gut wie gar keinen Vandalismus haben«, so die Wiener Umweltstadträtin Ulli Sima. Die Stadt selbst ist einer der größten Bio-Landbaubetriebe Österreichs. Auf 900 Hektar Ackerfläche werden Kartoffeln und anderes Gemüse produziert, die auch über den Handel vertrieben werden. Selbst die Guerilla-Gardening-Bewegung, die heimlich Pflanzen im öffentlichen Raum einsetzt, wird von der Stadt in einem gewissen Ausmaß toleriert Sima:»Wenn Leute die Baumscheiben in ihren Bezirken bepflanzen wollen, funktioniert das eigentlich ganz gut. Wichtig ist nur, dass sich dann auch jemand fürs Gießen verantwortlich fühlt.«

Exquisit speisen im Gewächshaus: Im »De Kas« in Amsterdam wurden im Glashaus sowohl Restaurant als auch Gemüseanbau unter ein Dach gebracht / Foto: beigestellt
Exquisit speisen im Gewächshaus: Im »De Kas« in Amsterdam wurden im Glashaus sowohl Restaurant als auch Gemüseanbau unter ein Dach gebracht / Foto: beigestellt


Exquisit speisen im Gewächshaus: Im »De Kas« in Amsterdam wurden im Glashaus sowohl Restaurant als auch Gemüseanbau unter ein Dach gebracht / Foto: beigestellt

Urbanen Raum nutzen
Auch in München wird es inzwischen von der Stadt per Stillschweigen akzeptiert, wenn Guerilla-Gardener Flächen übernehmen. »Es ist ein absoluter Trend, öffentlichen Raum zu nutzen, um etwas zum Essen anzubauen«, sagt Judith Anger, Autorin des Buchs »Jedem sein Grün! ­Urbane Permakultur. Selbstversorgung ohne Garten«. Anger kennt die bes­ten Tipps für Stadtgärtner mit wenig Platz: »Wer eine Terrasse hat, kann die Grundfläche und auch die Balustrade nutzen. Das Fensterbrett ist als Anbaufläche ebenfalls nicht zu unterschätzen. Hängende Salat-Ampeln sind eine gute Möglichkeit, um auf kleinem Raum viel Ertrag zu erzielen.«

Den gesamten Artikel inklusive Buch- und Anbautipps lesen Sie im Falstaff Magazin Nr. 01/2013.

Text von Sonja Hödl

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