Unter vier Augen mit Maike Cruse

Maike Cruse, Leiterin der art berlin, gilt als renommierte Kennerin der Kunstszene der deutschen Hauptstadt.

© Gene Glover

Maike Cruse, Leiterin der art berlin, gilt als renommierte Kennerin der Kunstszene der deutschen Hauptstadt.

© Gene Glover

»Viel Freiheit, wenige Regeln«

LIVING: Berlin gilt als weltweiter Magnet für Künstler. Was macht die Stadt so besonders?
Maike Cruse: Seit Anfang der Neunzigerjahre ziehen die Künstler nach Berlin. Das liegt einerseits an den niedrigen Mieten, andererseits auch an der Freiheit der Stadt. Es gibt wenige Regeln hier, und das schätzen Künstler. Sie werden auch davon angelockt, dass andere Künstler und Kuratoren schon hier sind. Es hat sich eine Kreativwirtschaft mit enormer Kunstproduktion etabliert. Berlin ist weltweit der inte-ressanteste Galerienstandort, weil die Galerien hier sehr nah an den Künstlern und daher inhaltlich ausgerichtet sind. Der Berliner Kunstmarkt ist jung und noch nicht besonders stark, aber das ändert sich. Seit einigen Jahren ziehen zahlreiche internationale Sammler hierher, und immer mehr junge Berliner beginnen, Kunst zu kaufen.

Wie lebendig ist die Galerienszene?
Sehr! Es kommen heute noch ständig neue, inte-ressante Galerien dazu. Bei unseren Veranstaltungen, dem Gallery Weekend im April und der Kunstmesse art berlin im September, sind immer wieder neue junge Galerien dabei, die junge Künstler repräsentieren, wie Gillmeier Rech, Leslie, Sandy Brown oder Lars Friedrich. 

 

 

Welche Stadtviertel sind für Kunstinteressierte zurzeit am spannendsten?
Berlin-Mitte mit seinen großen Galerien ist nach wie vor sehr stark, auch wenn heute weniger darüber geredet wird. Die Potsdamer Straße und Schöneberg sind seit fünf Jahren sehr präsent, ebenso die Gegend um den Checkpoint Charlie in Kreuzberg. Neu hinzugekommen ist Charlottenburg. Die Galerien wählen sich die Orte entsprechend ihres Programms aus. Das kann ein Ladenlokal, ein Loft oder ein altes DDR-Heizkraftwerk im Hinterhof sein. Oder eine ehemalige Kirche, wie die König Galerie. Und noch dazu gibt es die 120 Projekträume – so viele wie wahrscheinlich in keiner anderen Stadt.

Sie haben jahrelang die art berlin contemporary (abc) organisiert, im Herbst 2017 wurde die Kunstmesse art berlin gestartet. Was unterscheidet die beiden?
Die abc war von den Galeristen getragen, sie war eher als Ausstellung gedacht, die Kunstwerke sind oft extra für die Ausstellung entstanden. Wir waren keine Kunstmesse im klassischen Sinn. Irgendwann war aber der Aufwand für die Galeristen zu hoch und die Veranstaltung dafür zu wenig kommerziell erfolgreich. Wir wollten also den nächsten Schritt gehen und brauchten dafür einen Kooperationspartner. Die Stadt Berlin hat sich nicht sehr interessiert gezeigt, also haben wir uns mit der Köln Messe zusammengetan und eine neue kommerziell ausgerichtete Veranstaltung, eine Kunstmesse, gegründet.

Ihr Fazit für die art berlin lautet wie? 
Es war spannend und ein außerordentlich erfolgreicher Neustart! Viele interessante Gäste, hohe Besucherzahlen, ein deutlicher Schritt nach vorne.

Was würden Sie kunstinteressierten Besuchern empfehlen, die für drei Tage nach Berlin fahren? 
Natürlich die Messe und die dort ausgestellten Galerien! Von den etablierten Institutionen auf jeden Fall die Kunst-Werke in der Auguststraße, den Schinkel-Pavillon im Stadtzentrum und die Sammlung im Hamburger Bahnhof. Dazu eines der klassischen Museen und abends dann eines der vielen Theater oder die Oper. Und danach im »Berghain« tanzen gehen!

ERSCHIENEN IN

LIVING Nr. 05/2017
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