Emil Underberg mit dem Markenzeichen seines Unternehmens
Emil Underberg mit dem Markenzeichen seines Unternehmens / Foto: Paul Schirnhofer

Das lässt er sich nicht nehmen: An Personal gibt es zwar ­keinen Mangel, doch das ist für Rosenkohl, Sahnesauce und Kartoffeln zuständig, nicht für den massiv silbernen Tranchierwagen, groß wie eine Kinderbadewanne. Als der reingerollt wird, ist es der Tischherr höchstpersönlich, der sich erhebt, behände die schwarze Schürze anlegt, breitarmig zum Tranchierbesteck greift und amtlich wird: »Kann ich nicht sagen, ob von mir oder von meiner Gattin geschossen, aber es war garantiert ein ganz junges Reh.« Waidmanns Heil, Jägermeister Underberg!

Lunch beim Familienoberhaupt
Einladung von Emil Underberg zum Lunch im Stammsitz Rheinberg. Von außen ist es ein fast Angst einflößender imposanter Prachtbau im italienischen Renaissance-Stil. Innen do­miniert dunkles Holzparkett, noch dunklere Kassettendecken, schwere, deckenhohe Wandteppiche, überall prangen Ölgemälde mit Motiven und Porträts aus der Firmengeschichte, in den langen Fluren hängen die Geweihe ganzer Sprünge. Ein jeder Platz an der herrschaftlichen Tafel im sogenannten »Veranda-Raum« ist festlich eingedeckt, Namensschilder, persönliche Menükarten. Alles überragende Underberg-Gläser in der Edelvariante aus Murano-Glas lassen erahnen, wie der Lunch enden wird.
Wie sagt der Hausherr doch so schön: »Underberg – die Krönung eines festlichen Essens.« Als Amuse-Bouche reicht der Gastgeber gute Zahlen: »Acht bis neun Prozent haben wir bis zur Stunde zugelegt. Und zwar zu 2008. 2009 war allseits so problematisch, dass wir das nicht als Vergleich heranziehen wollen.«

Markante Werbestrategie
Emil Underberg ist zufrieden. Er präsidiert am Kopf der Tafel – wo denn sonst, fragt man sich bei einem Patriarchen seiner Statur. Der Mann, das Unternehmen, das Produkt – alles eins, alles Underberg. Streng konzentriert
steht der seit 46 Jahren persönlich haftende Geschäftsführer Rede und Antwort. Keine Spur von der doch so heiteren Melodie des »Colonel Bogey March«: »Komm doch mit auf den Underberg!«

Seit Jahrzehnten ist dieser Ohrwurm die Underberg-Werbehymne, interessanterweise im Text mit einem negativen Produktmerkmal: »... der schmeckt zwar ganz schön bitter ...« Kräuter aus 43 Ländern, mazeriert in Quellwasser, mit 44-prozentigem Alkohol versetzt und in slowenischer Eiche gelagert. Immer ohne jeglichen Zucker! Unverändert seit 1846, als Hubert Underberg seine Catharina Albrecht am 17. Juni heiratete und noch am selben Tag die Firma »H. Underberg-Albrecht« gründete. »Semper idem«, immer das Gleiche – das war die Vision des Kaufmanns, der im Ausland die Wohltat von Magenbitter zu schätzen lernte, sich gleichzeitig aber über deren ständig wechselnde Zutaten und Qualitäten ärgerte. An deren Stelle trat nun eine stets gleichbleibende Mischung von Alkohol und Kräutern.

Emil Underberg schaut zufrieden auf die Sauerampfersuppe, wünscht eine »gesegnete Mahlzeit«. Ein schnelles, fast herrisches Bekreuzigen lässt offen, wer hier die Mahlzeit segnet.

Die Nachfolge in der Dynastie
Dass Hubertine, eines von vier Kindern – drei Töchter, ein Sohn –, die Nachfolge an­treten würde, war nie in Stein gemeißelt. Im Gegenteil: Die Nachfolgeregelung gehört zu den großen Themen der Familie Underberg. »Mindestens einmal im Jahr habe ich den Kindern gesagt, habt bitte Verständnis dafür: Derjenige, der am geeignetsten ist, wird Nachfolger im Unternehmen. Und wenn ich zu dem Schluss komme, dass keiner geeignet ist, werde ich keinen einsetzen, sondern ein professionelles Management. Es kann nicht sein, dass das Unternehmen unter der Familie leidet.«

Die promovierte Mikrobiologin Hubertine wurde es und nicht der Sohn – trotz seines Wirtschaftsstudiums in St. Gallen. Vater Emil lud zum Gespräch, danach war die Sache klar und geklärt. Unmissverständlich, mit einer Härte, die Emils Dogma erkennen lässt: »Jeder ist in der Unternehmensgeschichte halt nur eine ­Episode.« Und die Episode Emil Underberg? Dem ist sein Ruhmesplatz in der Dynastie sicher. War Urgroßvater Hubert der Gründer, war Emil I. der marketinggeniale Erfinder der in Packpapier gehüllten Underberg-Portionsflasche, so war Emil II. der Visionär, der das Unternehmen auf eine breitere Basis gestellt hat. »Der Wachstumstreiber«, wie das Handelsblatt mit Respekt bemerkt. »Von der ersten Stunde an, als ich 1964 als persönlich haftender Gesellschafter reingekommen bin, habe ich ihnen gesagt, ihr müsst hier was ändern. Wir können hier nicht so weiterwursteln.«

Interview: Im Gespräch mit Eduard Kranebitter

Den vollständigen Text lesen Sie im Falstaff Nr. 1/2011

Text von Christoph Schulte

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