Trinken im Auge der Webcam

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Es fiept und knarzt und hallt in meinen Kopfhörern, vor mir auf dem Bildschirm sehe ich briefmarkengroße Livebilder von elf anderen Menschen, die alle, wie auch ich, ein Weinglas vor sich stehen haben. Irgendwer sagt: »Bitte mal alle ihre Mikrofone stumm schalten und nur einschalten, wenn ihr was sagen wollt!« Dann beginnt sich die Akustik zu beruhigen. Sophie und Steffen Christmann haben zusammen mit Mathieu Kauffmann zu diesem Video-Umtrunk geladen, um über ihr gemeinsames Sekt-Projekt zu informieren.

Seitdem die Gastronomie dicht ist und auch Weinhandlungen nur noch online aktiv sein dürfen, ist die Weinwelt ins Internet abgewandert. Inzwischen erreicht mich jeden Tag ein halbes Dutzend Angebote für eine Online-Weinprobe. In der Tat macht das World Wide Web in dieser Krise seinem Namen alle Ehre: Chatten mit Winzern in Georgien, Erfahrungsaustausch mit Sommeliers aus New York – alles kein Problem. Und eine willkommene Abwechslung zur Beschränkung auf die eigenen vier Wände. In der Session mit Christmann und Kauffmann spannen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein virtuelles Dreieck zwischen München, Zürich und Hamburg auf – nicht ganz überraschend mit einem Schwerpunkt auf Teilnehmern aus der Pfalz. Da die Probe erst zwei Tage vorher anberaumt wurde, hat jeder etwas anderes im Glas. Egal! Es ist spannend zu hören, was die drei Winzer über den Beginn ihrer Koproduktion erzählen. Die Interaktion mit und zwischen den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern leidet zwar etwas unter technischen Kinderkrankheiten. Immer wieder verschwinden einzelne Chatter in einem Blackout oder Bilder frieren ein.

Unwillkürlich fällt mir eine Liedzeile von Pink Floyd ein – aus dem Song »Comfortably Numb«, den ich wahrscheinlich vor zehn Jahren das letzte Mal gehört habe: »You’re only coming through in waves / your lips move / but I can’t hear what you’re saying.« Die meisten anderen Teilnehmer der Konferenz werden diese Assoziation alleine schon deshalb nicht haben, weil sie zu jung sind, um das Ende der Siebzigerjahre und damit die Zeit vor der Erfindung des WWW miterlebt zu haben. Diese Altersstruktur der Teilnehmer scheint recht typisch für die Hangouts im Internet zu sein. Nicht von ungefähr veranstaltet einer der Mitverkoster des Falstaff Weinguides Deutschland, Matthias Neske, auf Instagram einen eigenen »Boomer-Talk« – das Wein-Event für die Generation der Babyboomer, also jene, die inzwischen jenseits der 50 stehen.

Herrenabend per Skype

Auch mein Freund Richard und ich gehören zu dieser Altersgruppe, Wein haben wir schon vor dreißig Jahren zusammen getrunken. Da es uns im Laufe der Jahrzehnte in unterschiedliche Ecken des Landes verschlagen hat, sehen wir uns nur noch selten. Mitte April wollten wir das mal wieder tun. Und dann kam Corona. Schnell war die Lösung gefunden: »Wir besorgen uns ein Set identischer Weine und trinken per Skype!« Also machten wir eine Liste und gaben unsere Orders ab. Innerhalb weniger Tage stellten sich die ausgesuchten Weine bei ihm und mir ein. Und zwar der Non Vintage Grand Réserve Champagner Brut von André Clouet in der halben Flasche (gute-weine.de, 19,95 Euro), der 2019er Baden Nouveau des Weinguts Wasenhaus (viniculture.de, 14,90 Euro), der 2010er Château Musar rot aus dem Libanon (abermals eine halbe Flasche, gute-weine.de, 22 Euro) und zuletzt ein 1999er Nebbiolo d’Alba Valmaggiore von Luciano Sandrone (auf eBay ersteigert, etwa 15 Euro).

Als die Champagnerkorken ploppen, gesellen sich unsere Frauen zu uns und wir stoßen virtuell zu viert an, dann lassen uns die Damen für einen Herrenabend allein – alles wie im richtigen Leben also. Der Champagner macht Laune, auch wenn dem Mousseux aus der halben Flasche vielleicht der allerletzte Drive fehlt. Schon rätseln wir, auf welchem Breitengrad wohl Reims und Épernay liegen. Und was man vermutlich nicht tun würde, wenn man sich im selben Raum gegenübersitzt, fügt sich hier nahtlos ein in die Gesprächssituation: eben schnell mal Google Maps aufrufen. Die beiden Hauptorte der Champagne liegen etwa auf gleicher Höhe wie Heidelberg oder Karlsruhe. Da bekommen Pfälzer Sektprojekte ja gleich noch einmal eine zweite Bedeutung.

Ansonsten fühlt sich das Plaudern und Trinken zunächst etwas fremd an – dieses dauerhafte Blicken auf die Fläche des Bildschirms, wo man sonst den Menschen dreidimensional und persönlich vor sich hätte. Richard erzählt, wie seltsam er es vor dem Beginn unserer Skype-Verabredung fand, den Tisch nur mit Gläsern für eine Person zu decken. Aber natürlich bekommt auch an diesem Abend jeder Wein sein passendes Trinkgefäß. Wir haben uns auch selbst gekleidet wie für eine festliche Einladung.

Tipp: Halbe Flaschen sind ein brauchbares Format, wenn man an unterschiedlichen Orten zu zweit dasselbe trinken will.

Tipp: Halbe Flaschen sind ein brauchbares Format, wenn man an unterschiedlichen Orten zu zweit dasselbe trinken will.

Foto beigestellt

Zeit über Wein zu plaudern

Jetzt ist als nächster Kandidat der Badische Landwein vom Weingut Wasenhaus an der Reihe. Offenbar direkt aus dem Gärtank in die Flasche gezogen, leicht trüb und noch mit deutlicher Gärungskohlensäure, wie schon das Zischen beim Abheben des Kronkorkens (!) ankündigt. Der Spätburgunder stellt hier die Beerenfrucht in den Vordergrund, am Gaumen ist der Wein betont leicht und, ja, süffig. Natürlich will dieser Wein genau das sein: ein bodenständiges Erfrischungsgetränk. »Sollte man eigentlich aus dem Wasserglas trinken«, sage ich. Sicher, der Wein hat einen sehr naturbelassenen Appeal. Wirklich beeindruckt sind wir nicht. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass dieser Wein eher zu einem kalten Abendessen gehört, mit deftigen Würsten und Schinken und Käse. Für einen Abend unter Freunden fehlt es ihm an Tiefe.

Jetzt beginnt sich eine Verwerfung zwischen Bild und Ton einzustellen, sodass wir den Anruf beenden und neu starten. Und tatsächlich ist alles fein, als die Verbindung wieder aufgebaut ist. Nun ist Zeit für den Wein aus dem Libanon. Richard rätselt, wo er diesen Roten in einer Blindprobe hinstecken würde: »Südfrankreich vielleicht, südliche Rhône.« In der halben Flasche hat dieser 2010er schon eine erste Trinkreife erreicht, das Tannin wirkt weich und geschmeidig. Da Musar seine Assemblage immer wieder verändert, schaue ich auf der Website des Weinguts nach und finde die Sortenangabe: Cabernet Sauvignon, Carignan, Cinsault. Im Sommer 2010, so steht im Jahrgangsbericht, betrug die Höchsttemperatur 48,5 Grad Celsius. Und das im Bekaa-Tal auf 1000 Metern Höhe! Die Südrhône-Assoziation ist nachvollziehbar, auch in den rosinigen Aromen – offenbar verliert selbst der Cabernet seine kühle Ader, wenn er ausreichend intensiv gekocht wird.

Die Lieferung aller Pakete für diesen Abend hat übrigens problemlos geklappt. So toasten wir auf das Wohl der Paketboten und auf dasjenige der fleißigen Helfer in den Lagerhäusern des Weinhandels – und gehen weiter zum letzten Wein, einem eBay-Fund. Und der macht richtig Spaß: kräuterig im Duft, ultrafein im Gerbstoff. Richard wechselt auf ein Burgunderglas, um im großen Kelch neben den Kräutern schließlich auch das Aroma der Herzkirsche zu finden. Der Wein ist ein kleiner Barolo, perfekt in seiner Flaschenreife – und ein Beweis dafür, dass man bei dem Online-Auktionshaus Schnäppchen finden kann, wenn man Sachverstand und Risikobereitschaft in ein gesundes Verhältnis bringt.

Die Zungen lösen sich

Luciano Sandrones großartiger Nebbiolo tut ein Letztes dazu, um unsere Zungen zu lösen. Und uns auf Zeitreise zu schicken: Wir erinnern uns an Weine, die wir seit mindestens 20 Jahren nicht mehr getrunken haben, beispielsweise kommt uns eine Flasche 1987er Château Latour in den Sinn, die wir uns irgendwann in den Neunzigerjahren vom schmalen Budget abgespart hatten. Und ein 1988er Chablis Grand Cru Le Clos, der in einem Hochsommer auf einer Dachterrasse unserer jugendlichen Trinkfreude kaum eine halbe Stunde Widerstand leisten konnte. Wäre es jetzt nicht schon fast Mitternacht und wäre da nicht das Problem mit den akustischen Rückkopplungen, dann wäre jetzt der Moment gekommen, um Musik aufzulegen. Platten und CDs, die wir bestimmt seit 30 Jahren nicht mehr gehört haben.

»Eine Erwähnung ist auch wert«, sagt Richard stattdessen, »dass man sich bei einem solchen Skype-Weinabend durch die Einblendung im Bildschirm die ganze Zeit selbst beim Trinken zusieht. Mein Gott, was müssen die Leute nur aushalten!« Wir kichern wie die Schulbuben. Sind uns aber auch einig, dass der Online-Abend in nur zwei oder drei Stunden selbstverständlicher geworden ist, als wir beide erwartet hatten. »Das gemeinsame Trinken habe ich schon als ein solches empfunden«, sagt Richard – und mir geht es genauso. Ein schöner Abend geht zu Ende. Wir werden jetzt gleich auf den roten Button mit dem Telefonhörer-Logo klicken. Und erheben vorher noch einmal unsere Gläser und halten sie vor die Kamera: »Es gibt kein Geräusch beim Anstoßen«, meint Richard. »Aber sei’s drum. Dafür bekommen die guten Gläser wenigstens keine Sprünge.«

Zu den besten Online-Auktionen.


Wein-Blogs

Für den Online-Besuch im Weinberg:

Quinta do tedo
Kay Bouchard, ihr Ehemann Vincent (aus der Burgunder-Dynastie Bouchard) und Tochter Odile bloggen regelmäßig aus dem Douro-Tal. Dort macht die Familie Port und Tischwein – und liefert wunderbare Ansichten aus dem Weinberg.
quintadotedo.com

Château de Beaucastel
Familie Perrin informiert auf Facebook in kurzen Intervallen über all das, was gerade im Weinberg los ist.
facebook.com/beaucastel

Tablas Creek
Aktuelle Berichte aus Paso Robles, Kalifornien – vom Austrieb der Reben bis zu den Verschnittverkostungen im Keller.
tablascreek.typepad.com

Winzerverein Deidesheim
In einer vergleichsweise kleinen und familiären Genossenschaft wie derjenigen Deidesheims in der Pfalz bleibt Zeit, die Website regelmäßig zu aktualisieren.
winzervereindeidesheim.de

Weingut Schwarz, Freienstein
Der Vlog eines Weinguts im Kanton Zürich. An Details wie den gefilmten Schafen im Weinberg erfreut man sich auch ohne Kenntnisse des Schweizerdeutschen.
youtube.com/weingutschwarz

Eschenauer
Ein Vlog, der einmal pro Woche Arbeiten in der Landwirtschaft im Bild festhält, nicht ausschließlich solche im Weinberg (aber häufig). Ort ist der Großraum Heilbronn.
youtube.com/eschenauer

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 03/2020
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