Tresterbrände
Tresterbrände / Fotos: beigestellt

Die Neuzeit des österreichischen Tresters, auch Treberner genannt, begann im Frühsommer 1995. Damals präsentierte Alois Gölles den Tresterbrand einer Kracher-Trockenbeerenauslese – ein Destillat, das eine völlig neue Benchmark setzte. Eine solche Vielschichtigkeit, Exotik und Athletik hatte man noch nicht erlebt. Alois Gölles suchte und fand mit diesem Trester die morbiden Noten der TBA. Es war seine erste Kooperation mit einem Winzer, dessen Weinetikett und Name sich auch in der Ausstattung des Destillats wiederfanden. Dieser fulminanten Initiation folgte eine Reihe von Trestern von F. X. Pichler, Manfred Tement und Arachon.

Der gemeinsame Auftritt mit den Winzern sollte helfen, den Trester besser zu verkaufen. Damals wie heute leiden österreichische Trester­des­tillate unter einem unerklärlich schlechten Image. »Lange war selbst Grappa nur ein ›Fluchtachterl‹ in Form eines Destillats«, sagt Alois Gölles, »bis er sich im Windschatten der Sehnsucht nach allem Italienischen zum Kult mauserte.« In Österreich hingegen wurden nennenswerte Umsätze nur erzielt, weil Winzer ihre Trester als Bonus für die Abnahme von Wein draufgaben, so Alois Gölles. So kam er zwar unter die Leute und in die Restaurants, aber meist ohne Wertschätzung. Dabei steht österreichischer Tres­ter seinem italienischen Pendant um nichts nach. Im Gegenteil: Willi Klinger, der einige Jahre im Piemont in den Diensten von Angelo Gaja stand, bevor er Chef der Österreich Wein Marketing wurde, formuliert es so: »Wer genau verkostet, wird erkennen, dass viele österreichische Tresterbrände deutlich über dem Niveau der meisten Grappaprodukte aus Italien liegen.«

Wenn TBA-Trester den einen morbiden Pol der Palette darstellt, dann ist Muskateller-Tres­ter sein genialer Counterpart. Diese Destillate sind duftig, blumig, leicht und zart und analog zum zugrunde liegenden Wein schon am Geruch ganz leicht zu erkennen. Auch andere Traubensorten behalten im Trester ihren unverkennbaren Charakter, wenn auch selten so deutlich wie Muskateller oder Traminer. Weißweintrester sind generell duftig und leicht im Charakter, Rotweintrester offenbaren dunkle, schokoladige Noten, bisweilen auch ungestüme Würze und Kraft. Bei aller Athletik ist im Trester jedoch ­immer noch Platz für Eleganz und Harmonie. Kaum eine andere Destillatgruppe zeigt eine so breit gefächerte Palette an Aromen und Würze. Die angedeuteten Stilistiken des Tresters sind unerhört vielfältig, und genau darin liegt ihr Reiz. Selbst extrem trockene und stängelige ­Exemplare sind in der Lage, logisch und ani­mierend auszuklingen. Trester von letzterem Typ füllt etwa der Gastronom und Hobbybrenner Josef Schmutzer ab.

Der Gipfel der Tresterkunst ist und bleibt wohl die TBA. Zehn Jahre nach Gölles’ Paukenschlag folgte im unglaublichen Riesling Scharzhofberg von Hans Reisetbauer eine weitere Überhöhung. Edelfäule pur – ein Destillat, das in seiner Kompromisslosigkeit und Direktheit nicht jedem zugänglich ist, jedoch schon kurz nach der Abfüllung ausverkauft war – trotz des astronomischen Preises. Dennoch, Hans Reisetbauer dürfte daraus kein Gewinn geblieben sein, zu gering war die Ausbeute und zu groß der Aufwand. Anders als etwa bei Williams- oder Himbeerbränden ist jedoch beim Trester nicht das Ausgangsmaterial das Teure, es handelt sich schließlich um ein Abfallprodukt der Weinwirtschaft. »Der Aufwand beim Trester besteht darin, nur bestes Material zu selektionieren und dieses so rasch wie möglich zu verarbeiten«, sagt Reisetbauer. »Der Muskatellertrester der Kellerei Manincor in Südtirol ist in nur acht Stunden hier und wird noch in derselben Nacht gebrannt. Dieser konsequente Ablauf ist in meinen Augen essenziell, daher arbeite ich auch nur mit Winzern zusammen, auf die ich mich hundertprozentig verlassen kann.«

Die Destillate vom Bela Rex von Albert Gesellmann, vom Rosenberg Reserve von Bernhard Ott, vom Cuore von Manincor sowie vom genannten Scharzhofberg von Egon Müller sind unerhört schöne Trester. Sie sind wesentliche Gründe dafür, dass Hans Reisetbauer wiederholt den Titel Falstaff-Meisterbrenner errungen hat. Und das obwohl er bisher nur seine klaren Tres­ter präsentiert hat. Wirklich gespannt darf man sein, wenn jene Destillate abgefüllt werden, die gegenwärtig noch in Eichenfässern reifen. Dass nämlich die Paarung Trester und Fassreifung Sinn macht, haben schon andere bewiesen, etwa Franz Tinnauer, 2011 ex aequo mit Reisetbauer Falstaff-Meisterbrenner. Auch er überzeugt mit Trestern von großer Transparenz und Dichte und ist mit Gölles und Reisetbauer einer der drei etabliertesten Tresterbrenner in Österreich.

Neben diesen drei Ausnahmeproduzenten gibt es noch eine Reihe anderer Brenner, die sich in der Sache verdient gemacht haben. Waltraud Jöbstl liefert etwa schöne fassgereifte Schilcherbrände, Josef Schmidt aus Stammersdorf ist bekannt für athletische Trester, und auch Markus Wieser weiß, was er seiner Heimat Wachau schuldet. In jüngster Zeit treten außerdem ­lobenswerte Initiativen auf wie »Carnuntum brennt Trester«, ein Zusammenschluss der ­Brenner Kollmann, Wiederstein und Rupp, oder auch die Marke Stroblbauer, die ausschließlich auf Trester fokussiert. Dennoch ist Trester in Österreich noch nicht dort, wo er sein könnte. Das Zeug zum Kult hätte er gewiss.


DIE TOP-12-TRESTERBRENNER


96 Punkte
Riesling-Trester Scharzhofberg 2005, 44 %
Hans Reisetbauer, Kirchberg-Thening, www.reisetbauer.at

Exotisch, erdiger Charakter, kandierte Früchte, süßlich-rosinig, dennoch sehr dunkelwürzig, vielschichtig, mit viel Botrytis. Präsentiert sich am Gaumen sehr trestrig, mit beinahe knackiger Frische und ­»Mineralik«.

93 Punkte
Traminer Tresterbrand 2008, 44 %
Franz Tinnauer, Gamlitz, www.tinnauer.at

Prägnante Traminerstilistik, süßlich-blumig, röstig. Am Gaumen herbwürzig und gelbfruchtig, kraftvoll, fruchtsüß und trestrig-trocken im Abgang.

92 Punkte
Olivin Tresterbrand 2001, 47 %
Weingut Winkler-Hermaden, Kapfenstein, www.winkler-hermaden.at

Vielschichtige, opulente und morbide Tresterstilistik, mit Noten von Honig bis zu dunklen würzig-stängeligen Aromen. Konsequent am Gaumen, mit viel Kraft und Länge, viel Würze, Schmelz und Bitter­­schokolade. (Gebrannt von A. Gölles.)

91 Punkte
F. X. Pichler Riesling Kellerberg, Losnr.: L 2001, 48 %
Alois Gölles, Riegersburg, www.goelles.at

Würzige und morbide Noten mit medizinalem Hintergrund, tabakig. Analog am Gaumen, wieder tabakiger Touch, trocken im Ausklang.

91 Punkte
Tresterbrand vom Schilcher, Losnr.: L0611, 45 %
Waltraud Jöbstl, Wernersdorf, www.brennerei-joebstl.at

Animierender Duft aus trestrigen, traubigen sowie würzig-röstigen Noten, sehr gut eingebundene Fassaromen. Dunkle Würze des Schilchers am Gaumen, daneben trockene, tabakige und auch hefig-zitronige Töne, präsenter Alkohol.

91 Punkte
Tresterbrand Merlot, Losnr.: L MT2010, 41 %
Thomas Rupp, Bruckneudorf, www.rupp-heidehof.at

Warme, röstige Noten im Duft, auch grünblättrige Würze. Am Gaumen typisch schokoladiger und stängeliger Rotweintrester.

91 Punkte
N°1 Trebern Grüner Veltliner 2010, 43 %
Stroblbauer, Linz, www.stroblbauer.at

Blumig-würziges Duftbild, röstig, weinig, rosinig, mit zart-morbiden Noten. Detto am Gaumen, druckvoll, saftig und vielschichtig, würzig und anhaltend. (Gebrannt von H. Reisetbauer.)

90 Punkte
Trester vom Gelben Muskateller 2009, 41 %
Reinhard Wetter, Missingdorf 33, www.wetter-brennerei.at

Helle, florale, süßliche und zitronige Aromatik im Duft, hefig; am Gaumen die typischen muskierenden Aromen, vielfältig und kraftvoll.

89 Punkte
Traminer Tresterbrand 2010, 41,5 %
Landgasthof Peilsteinblick, Yspertal, www.wirtshausbrennerei.at

Ein transparenter Mix aus hellen, blumigen und erdigen Aromen, Assoziation von Enzianwurzeln. Ähnlich am Gaumen, der traubige Charakter ist stärker betont, würzig im Abgang.

89 Punkte
Traminer Trebernbrand, Losnr.: L 2002, 42 %
Rosemarie Neumeister, Straden, www.obsthof-neumeister.at

Ruhige, reife Tresteraromatik, süßlicher Rosenduft angedeutet. Auch am Gaumen süßlich und fruchtig, stängelig-röstige Noten, im Abgang etwas spitz.

89 Punkte
Muskateller Tresterbrand, Losnr.: L30610, 40 %
Steiermärkisches Landesweingut Silberberg, Leibnitz, www.silberberg.at

Blumiges Duftbild, mit zarter Würze unterlegt, traubig und rosinig. Akzentuierte Würze auch am Gaumen, gelbfruchtig, anhaltend.

89 Punkte
Muskateller Trester, Losnr.: L 2010, 42 %
Garagenbrenner Wöhrer, Traun, www.woehrer.at

Süßlich-blumige Aromatik im Duft, verhalten, doch sehr traubig und harmonisch. Sehr präsent am Gaumen, mit viel muskatigen, grasig-herben und würzig-stängeligen Noten.


Diese Auflistung enthält immer nur den jeweils besten Tresterbrand einer Brennerei. Insgesamt wurden 54 Trester eingereicht. Die vollständige Liste finden Sie unter www.falstaff.at/tresterranking.


Text von Peter Hämmerle
Aus Falstaff Nr. 2/2012

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  • 18.03.2012
    Trester-Tasting
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