Tobias Moretti: Jedermann als Landwirt

Tobias und Julia Moretti vor ihrem Bauernhof auf 1000 Meter Höhe in der Nähe von Innsbruck.

© Andreas Balon

Tobias und Julia Moretti vor ihrem Bauernhof auf 1000 Meter Höhe in der Nähe von Innsbruck.

© Andreas Balon

»Es gab eine Zeit«, erzählt Julia Moretti, »da haben einige Tiroler Hoteliers Busfahrten zu uns herauf organisiert. Da standen dann plötzlich 30 Leute vor unserer Tür und haben fotografiert.« Moretti-Schauen als touristische Attrak­tion. Schließlich wohnt hier zusammen mit seiner Frau Julia und seinen Kindern einer der bekanntesten und erfolgreichsten Schauspieler Österreichs: Tobias Moretti, Darsteller in unzähligen Kino- und TV-­Filmen und seit dem Vorjahr im »Jedermann« bei den Salzburger Festspielen in der Hauptrolle zu sehen.

Verständlich auch, dass die Leute, die hier auf rund 1000 Meter heraufgekarrt wurden, begeistert waren von dem prachtvollen 400 Jahre alten Bauernhof und von der fantastischen Aussicht, die man hier hat. Verständlich aber auch, dass die Morettis diese Art von Belagerung nicht wirklich schätzten. »Wir haben das dann recht rasch wieder abgestellt«, sagt Julia Moretti.

Das Anwesen der Morettis in Ranggen in der Nähe von Innsbruck ist tatsächlich ein Stück Paradies. Es ist aber nicht der typische Rückzugsort gestresster Künstler, die hier in ländlicher Idylle Kraft tanken wollen. Die Morettis wohnen hier nicht nur, sie arbeiten hier auch. Und zwar als Landwirte. Und auch das ist nicht nur so ein Nebenbei-Hobby, sondern ernst gemeint. »Das hier ist keine Wohnsituation für Künstler in der Freizeit«, sagt Tobias Moretti. »Als wir das Haus vor mehr als 20 Jahren gekauft haben, war uns klar, dass wir da eine Landwirtschaft machen wollen, und das können wir nur als Familie schaffen.«

Moretti spielt auch 2018 wieder die Hauptrolle im »Jedermann« bei den Salzburger Festspielen.
Moretti spielt auch 2018 wieder die Hauptrolle im »Jedermann« bei den Salzburger Festspielen.

© Matthias Horn – Salzburger Festspiele

Witzigmann-Preis

Die Landwirtschaft, das sind 20 Rinder, genauer gesagt Tuxer Rinder, eine autochthone Rasse, die früher auf Tiroler Almen gehalten wurde. Das Bio-Fleisch der Tiere geht an Feinschmecker und ausgewählte Gastronomen. Mit dem wertvollen Mist, den die Viecher machen, werden nicht nur alle Felder gedüngt, sondern auch die Zucchini. Und davon gibt es bei den Morettis jede Menge; während der Hauptsaison ­werden bis zu zwei Tonnen am Tag geerntet und an die Supermarktkette »Spar-Gourmet« geliefert. Für diese Gemüsedelikatessen unter der selbstkreierten Bezeichnung »Bergzucchini« sowie für alle weiteren landwirtschaftlichen Lebensmittel hat das Ehepaar vor zwei Jahren sogar den »Eckart Witzigmann Preis« bekommen, eine Auszeichnung für kulinarisch verdienstvolle Personen.

Tobias Moretti wirkt jetzt ein wenig gestresst. Ein Traktor funktioniert gerade nicht so, wie er soll. Das ärgert ihn. »Es gibt hier zwei Welten, die sich wunderbar ergänzen«, sagt Moretti, »unser Leben als Künstler und als Landwirte. Aber manchmal ist es so, dass die eine Welt kein Er­­barmen mit der anderen hat.« Wenn etwa eine Filmproduktion anruft und sagt, Herr Moretti, wir brauchen Sie dringend am Set. Und wenn dann der Schauspieler antwortet, das ginge jetzt nicht, denn es komme gerade ein Kalb auf die Welt. Dann driften diese beiden Welten stark auseinander, denn die aus der Künstlerwelt meinen dann, Moretti habe den Verstand verloren, er aber ist sich sicher, dass er die Kuh, die gerade am Kalben ist, nicht allein lassen kann. »Früher konnten wir diese beiden Welten etwas leichter vereinbaren«, sagt Julia Moretti, »doch die Landwirtschaft ist inzwischen ziemlich gewachsen.«

Der Moretti Bauernhof liegt auf 1000 Meter Höhe in Tirol.
Der Moretti Bauernhof liegt auf 1000 Meter Höhe in Tirol.

© Andreas Balon

Julias Wildkräuter

Julia Moretti ist eigentlich Oboistin. Acht Jahre lang hat sie das Orchester »modern­times_1800« geleitet, ein österreichisches Kammerorchester für alte und neue Musik. Die Orchesterleitung hat sie inzwischen abgegeben, heute spielt sie nur noch, was ihr Spaß macht. Dafür hat sie jetzt mehr Zeit für die Rinder, für die Zucchini – und für ihre Kräuter. »Die Wildkräuter haben es mir angetan«, sagt Julia, »mich fasziniert dieses Zusammenspiel. Einerseits ist es ­Futter für die Tiere, andererseits ist da ein Schatz, der sich erst auftut, wenn man genauer hinschaut.«

Das Sammeln und das Trocknen der Kräuter erledigt Julia Moretti allein. Sie verarbeitet die Kräuter zu Teemischungen, zu Salzen und Sirupen. Verkauft werden die Produkte in Innsbruck im Geschäft Tiroler Edles oder ab Hof. Was immer die Morettis landwirtschaftlich erzeugen, es entstammt einem Bio-Betrieb. Ökologischer Landbau mit einem möglichst geschlossenen Kreislauf aus Ackerbau und Viehhaltung. Beides ist an­­einandergekoppelt. Überdies haben es die Tuxer Rinder auf der Alm ideal, sie fressen, was die Natur bereithält, darunter auch Kräuter, die es nur in diesen Höhen gibt.

Julia Moretti und die Kräuter: »Da tun sich Schätze auf, wenn man genauer schaut.«
Julia Moretti und die Kräuter: »Da tun sich Schätze auf, wenn man genauer schaut.«

© Andreas Balon

Das Fleisch dieser Rasse ist sehr feinfaserig und etwas stärker marmoriert, was einen besonderen Geschmack ergibt. Geschlachtet werden die Tiere bei einem Freund in der Umgebung, der dafür geeignete Bedingungen geschaffen hat. Danach wird es – in Öl und Kräuter eingelegt – vakuumiert. Insgesamt kommen bei den Morettis acht Kälber im Jahr auf die Welt. Geschlachtet werden nur die einjährigen männlichen Tiere.

Es sind Restaurants wie die »Stadtflucht Bergmühle« in Niederösterreich, die dieses Fleisch besonders schätzen, der Haupt­abnehmer ist aber der »Gasthof Inntal« in Unterperfuss, ganz in der Nähe der Morettis. Ein typisches Tiroler Wirtshaus und ein angenehmer Kunde, denn die nehmen gleich das ganze Tier und verarbeiten in der Küche praktisch alles. Inzwischen funktioniert der Traktor ­wieder, der kurzfristig seinen Geist aufgegeben hat. Moretti, der schon mal mit seinem Bruder die Rallye Paris–Dakar gefahren ist, hat das Gerät irgendwie zum Laufen gebracht. Wie, weiß er auch nicht so recht. Aber so ist das eben auf einem Bauernhof. Man muss nur Geduld haben.

Wo es Moretti zu kaufen gibt:

Bio-Fleisch: Ab-Hof-Verkauf oder man genießt das Fleisch im »Gasthof Inntal« (www.gasthof-inntal.at) bzw. in der »Stadtflucht Bergmühle« in NÖ (www.stadtfluchtbergmuehle.at).
Bio-Zucchini: gibt es bei Spar in Tirol und Salzburg und fallweise auch in Vorarlberg.
Bio-Kräuter: Ab-Hof-Verkauf oder im Geschäft Tiroler Edles in Innsbruck (www.tiroleredles.at).


Fotos: Andreas Balon
Mitarbeit: Ilse Fischer

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Falstaff Nr. 05/2018
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