Tischgespräch mit Matthias Horx

Matthias Horx

© 2019 Klaus Vyhnalek

Matthias Horx

Matthias Horx

© 2019 Klaus Vyhnalek

Falstaff: Herr Horx, Sie sprechen bezüglich des Coronavirus einerseits von einem »historischen Moment« und andererseits von einer »Tiefenkrise«. Hat dieses Virus zwei Seiten?
Matthias Horx: Nein, das sind die zwei Seiten derselben Medaille. Ich werde immer gefragt, wann es wieder so wird wie früher. Meine Antwort ist: niemals. Die Geschichte ändert ihre Richtung, es wird eine Vor- und eine Nach-Corona-Zeit geben, die Welt, die Globalisierung, die Wertesysteme, die Kulturtechniken, alles wird sich nachhaltig verändern. Die Welt von morgen wird immer noch viele bekannte Elemente haben, aber vieles wird neu.

Wie gehen Sie mit der Situation um?
Ich denke viel, laufe im Wald, ich koche mit meiner Familie. Und ich führe pro Tag unendlich viele Interviews, weil mein Text »Die Zukunft nach Corona« tausendmal schneller im Internet viral gegangen ist als Corona.

Können tägliches Kochen, gemeinsames Essen und Genießen, aber auch das Mit-sich-allein-Sein durch eine Krise einen anderen Stellenwert bekommen? Und wenn ja, welchen?
Ja, es wird intensiver, klarer, deutlicher, weniger flüchtig.

Es scheint, als hätten viele Menschen das Gefühl für sich verloren. Mit sich allein zu sein ist für sie schwer. Wie lernt man es?
Indem man es tut. Dazu braucht man manchmal äußere Anlässe. Man wird dann mit der Nase drauf gestoßen, wer man ist und was man will.

Bekommen wir nun zurück, wie wir mit Ressourcen, Tieren und Menschen umgegangen sind?
Wir entschleunigen uns probeweise und erleben, dass das ja gar nicht so schlecht ist. Worauf wir auf keinen Fall verzichten zu können geglaubt haben, vermissen wir womöglich gar nicht so sehr. Die ganze Hektik, das ewige Herumrennen. Vielleicht ändert das auch unser Verhältnis zur Natur. Wir können auch gut leben, wenn wir nicht wie die Blöden konsumieren, reisen, uns aufregen. Das könnte ein Hinweis auf eine entschleunigte Kultur sein, eine Nach-Wachstums-Global-Warming-Gesellschaft.

Statt in der Weltgeschichte herumzureisen, wie können wir die Welt zu uns holen?
Im Geiste, aber auch mit dem Internet, gottlob.

Was sagen Sie Mitmenschen, die Angst haben? Und was sagen Sie – im Gegensatz dazu – Menschen, die das Gefühl der Angst gar nicht mehr spüren? Oder das zumindest behaupten.
Angst ist gesund, wenn man sie zulässt. Sie ist eigentlich ein Erregungszustand, der uns zum Kämpfen oder Flüchten anhalten soll. Sie geht vorüber, und dann sehen wir die Welt, die Zukunft, plötzlich wieder neu.

Und wie wird diese Zukunft aussehen?
Machen Sie ein Gedankenexperiment, reisen Sie geistig in die Zukunft, ein oder zwei Jahre. Und stellen Sie sich vor, sie stehen am Domplatz in Mailand. Was hat sich verändert? Wie verhalten sich die Menschen? Fliegen Flugzeuge? Gibt es wieder volle Lokale? Und wie haben Sie selbst sich verändert? Diese Zeitreise kann heilend sein.


Über Matthias Horx

Seit seiner Jugend sind die Geheimnisse der Zukunft das Steckenpferd von Matthias Horx, 65. Heute gilt der gebürtige Düsseldorfer als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher des deutschsprachigen Raums und ist Vertreter einer Futurologie, die auch den Bewusstseinswandel miteinbezieht. In seinem neuesten Buch »15½ Regeln für die Zukunft« geht es folgerichtig auch um unser Zukunfts­bewusstsein und was es bewirken kann.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 03/2020
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