Tischgespräch mit Julian Rachlin

© Ashley Klassen

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Falstaff: Als Musiker sind Sie 300 Tage im Jahr auf Achse. Planen Sie Ihre Reisen auch kulinarisch? Immerhin sind Sie ja auch bekennender Gourmet …
Julian Rachlin: Überspitzt formuliert ist mir das fast wichtiger als die Auftritte (lacht). Meine Frau und ich, wir sind totale Foodies und beschäftigen uns intensiv mit dem Angebot, das es in den jeweiligen Städten und Ländern gibt. Wir suchen neue, spannende Lokale, Nachtmärkte, kleine Läden, die man als Tourist nicht findet. In diesem Punkt vertrauen wir niemandem – nur unserer Nase, unserem Gespür. Und ebenso neugierigen Freunden.

Suchen Sie immer nach Neuem oder sind Sie auch »Wiederholungstäter«?
Auf unserer aktuellen Reise nach Mexico City haben wir zwei Restaurants am Plan, die wir wieder besuchen, weil die Erinnerung und der Geschmack noch immer da sind. Das ist wie in der Musik – ein tolles Konzert bleibt, das bebt nach, das wirkt in dir. Dann musst du zurück. Das geht gar nicht anders.

Sie haben 2018 in Frankreich geheiratet. Welche Affinität haben Sie zur französischen Küche?
Meine Frau und ich, wir lieben Frankreich. Ich habe immer davon geträumt, irgendwann einen Wohnsitz in Paris zu haben. Natürlich lieben wir Frankreich auch wegen der Küche, für mich ist sie die Bibel des Essens. Und natürlich war unsere Hochzeit auch sehr gourmetlastig. Wir haben über ein Jahr damit verbracht, den richtigen Caterer zu finden. Was wir uns durchgekostet haben, das können Sie sich gar nicht vorstellen.

Den hohen Anspruch haben Sie offenbar auch an sich selbst. Sie gelten als Virtuose am Herd.
Na ja, das ist vielleicht übertrieben. Aber wenn wir in Wien sind, gehen wir selten aus. Wir düsen gleich zum Naschmarkt und zu den Geschäften, die wir mögen. Dann kochen wir für Freunde, machen Kammermusik und ein paar richtig gute Flaschen Wein auf. Das ist ein schöner Abschaltmoment für uns beide. Wir stehen dann stundenlang in der Küche, meistens ohne Musik.

Und wer macht was?
Das kommt drauf an. Ich bin eher der Schnippsler, das hab’ ich bei Reinhard Gerer gelernt. Ich verdanke ihm unglaublich viel in der Küche. Er hat sehr viel Zeit investiert, um mir Sachen zu zeigen. Seine legendäre Ente koche ich beispielsweise heute noch mehrmals im Jahr.

Sie haben auch in jungen Jahren eine Zeit lang im Wiener Apartment von Udo Jürgens gewohnt, einem überzeugten Auswärtsesser. Konnten Sie ihn nicht bekehren?
Der Udo, der hat Kochen gehasst. Das Erste, was ich in seiner Küche gefunden habe, war Salz aus einer Zeit, als Kennedy noch US-Präsident war. Als Esser war er unkompliziert, aber als Gast hat er später immer eine Bedingung gestellt: Nie mehr als sechs Personen am Tisch, weil man sich sonst ja nicht mehr unterhalten kann. Große Runden – das hat er gehasst.

Über Julian Rachlin

1974 in Vilnius, Litauen, geboren, übersiedelte er 1978 nach Wien. Nach dem Sieg beim »Eurovision Young Musician«-Wettbewerb 1988 begann sein Siegeszug als Geiger und Bratschist, seit 2007 ist er auch Dirigent. Heute tritt der Fußballfan mit der Elite der Orchester und Dirigenten auf. Im Sommer 2018 heiratete er die Violinistin und Bratschistin Sarah McElravy.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 03/2019
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