Die Tiki-Mode war die erste, die von der Gastronomie ihren Ausgang nahm. © Shutterstock
Die Tiki-Mode war die erste, die von der Gastronomie ihren Ausgang nahm. © Shutterstock

Der Startschuss zu Tiki fiel schon Ende 1933, als die Prohibition in den USA bundesweit endete. Denn während der vorangegangenen 13 Jahre hatte sich das US-amerikanische Trinken nach Kanada (Whisky) und – vor allem – in die Karibik verlagert. Nun gab es dort unsägliche Mengen Rum, für die sich plötzlich keiner mehr interessierte, weil man wieder bei den gewohnten, geliebten Spirits daheim bleiben konnte. Diese Situation nutzten findige Entrepeneure aus und schufen eine ganze Welt rund um den – durchaus auch häufig als Fusel auftretenden – Zuckerrohrschnaps: eine Welt der Exotik und des ewigen Sonnenscheins, in die man in einer Bar oder einem Restaurant eintauchen konnte.

Südsee-Welle
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschob sich die Szenerie in die Südsee. Heimkehrer aus dem Pazifik brachten sentimentale Reminiszenzen mit, James Michener bekam für sein Buch »Tales of the South Pacific« den Pulitzer Peis, Thor Heyerdahl feierte mit seiner abenteuerlichen Kon-Tiki-Expedition nach Polynesien populärwissenschaftliche Triumphe, so wie Rodgers und Hammerstein auf der Bühne mit ihrem – auch verfilmten – Musical »South Pacific«. Aus einer neuen Lokalsparte war plötzlich eine Bewegung der Popkultur geworden, mit Manifestationen in Kunst, Literatur, Musik, Innenarchitektur und Design. Die Aufmerksamkeit Amerikas, insbesondere der Westküste, richtete sich plötzlich viel mehr auf den Großen Ozean samt seiner Ländereien als auf Good Old Europe. Höhepunkt der Südsee-Welle war die Aufnahme Hawaiis in die Vereinigten Staaten als 50. Bundesstaat am 21. August 1959, in den folgenden Jahren flaute die Euphorie zusehends ab. Ende der 60er-Jahre kam schließlich eine neue Mode auf, die gegensätzlicher nicht hätte sein können: Die Hippie-Kultur bot statt pazifischer Abenteuer-Camouflage authentisches Aussteigerleben.


»Richtig zubereitet, kann jeder Tiki-Drink ein Hochgenuss sein. Ihren schlechten Ruf haben sie von dem Irrglauben, dass es sich dabei um übersüßte Saft-Panscherei mit x-beliebigem Billigrum handelt.«  Heinz Kaiser - der Vize-Barweltmeister steht im Wiener «Dino's« hinter der Bar. © Manfred Klimek


Tiki: Das ist Kitsch versus Kunst
Es gibt solche Hypes, wie man das heutzu­tage nennt, schon lange, spätestens seit der Hysterie um Goethes »Werther«. Die Tiki-Mode war aber die erste, die von der Gastronomie ihren Ausgang nahm. Weil nichts Höhergeistiges dahintersteckte, erging sie sich auch nur in Trivialitäten – eben eine typische Erscheinung der Populärkultur. Obwohl, was wird nicht trivial, wenn es nicht die Sache elitärer Zirkel bleibt, sondern zur Massenbewegung wird?

Viele Ingredienzen und ausgefallene Dekorationen
Manch echter Ästhet und Gourmet kann mit Tiki nichts anfangen. Zu kitschig, zu lieblich, zu süß, zu künstlich. Die Drinks gehen über von Orangen-, Ananas-, Limonensäften, Grenadine, Falernum (Rumlikör), Kokosnusscreme, Kokoslikör, Blue Curaçao, Ananas, Passionsfrüchten, Bananen, Erdbeeren, Limetten und Rohrzucker. Bis zu 15 Ingredienzen können drin sein, und die Dekorationen übertreffen den Aufputz mancher Damenhüte in Ascot. Bei den Spirituosen dreht es sich in der Regel um mehrere: Wodka, Gin, Tequila, Brandy, dunkler Rum, und praktisch immer ist heller Rum dabei. Dass man da sensorisch bald einmal aussteigt, ist klar, der Rest ist sinnloses Betrinken – man probiere etwa den Zombie, der als echter Ladykiller gilt.

Beliebteste Longdrinks

Bei einer guten Rezeptur kann sich das aber schnell drehen. Denn nach wie vor gehören die Tiki-Klassiker mit ihren schrägen Namen wie Mai Tai, Zombie, Bahama Mama, Hurricane oder Scorpion zu den beliebtesten und meistgefragten (Long-)Drinks des geschätzten Publikums. »Sie bedienen einfach den Geschmack der breiten Masse, und das nicht zu Unrecht: Das ausgewogene Verhältnis von süß, sauer, fruchtig und der Vollmundigkeit des Rums wird von den meisten als ansprechend und leicht zugänglich empfunden, ohne langweilig zu wirken«, meint dazu Österreichs höchstdekorierter Bar-Gaumen Heinz Kaiser. Da unterscheidet er sich von vielen modernen Mixologen, die es für unter ihrer Würde halten, an Tiki auch nur anzustreifen. Denn diesen Drinks wohnt eine gewisse Beliebigkeit inne. Rezepte, präzise Mengenangaben – fachmännisches Mixen ist da nicht so wichtig, allein das Resultat zählt unter der Kuppel des bunten Tropenhimmels. Noch dazu werden die Cocktails oft in Tiki-Mugs serviert, also Keramikbechern mit den verrücktesten Südseeartefakten, von den Osterinselskulpturen bis zur Kokosnuss (oder gar in einer echten ausgehöhlten Kokosnuss). Dafür gibt es auch schon einen Sammlermarkt, von Industrieware bis zu teuren, handbemalten Vintage-Exemplaren. Alles in allem der Gegenentwurf zu dem, was die moderne Barkultur in den letzten Jahrzehnten zu etablieren versucht hat.


»Für mich bedeuten Tiki-Cocktails schlicht und einfach: Spaß! Sie nehmen sich selbst nicht zu ernst, ich mag diese süffigen, in lustigen Gefäßen servierten Drinks.« Lukas Motejzik - der Bartender mixt Drinks in München. © Michael Wilfling


Alles kommt wieder
Doch man kann derzeit ein gewisses Tiki-Revival beobachten. Man schaue aktuell, nur zum Beispiel, auf die »Monkey Bar«, derzeit der angesagteste Hotspot der Berliner Szene, ohne Südseeramsch, aber mit getwisteten Tiki-Drinks wie etwa einem Tiki Reviver, einem Don the Beachcomber, einem Mai Tai im »Monkey Style« oder einem Ricky Tiki. Denn wenn man einmal alles erreicht hat, dann lässt sich immer wieder eine gewisse Freude am Überschreiten der selbst gezogenen Grenzen feststellen. Oder pointierter gesagt: Klassik braucht Junk, um sich als Klassik darstellen zu können.

Hintergrundinformationen zu den Tiki-Pionieren lesen Sie im Falstaff Magazin 04/2015!

Die Rezepte einiger Tiki-Drinks finden Sie in unserer Bildergalerie!


Text von Angelo Peer

 

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