Engagieren sich erfolgreich für die Weißweinqualität in der Thermenregion (v. l. n. r.): Johannes, Christian und Michael Reinisch, Harald Zierer, Bernhard Stadlmann und Karl Alphart / Foto: Moritz Schell
Engagieren sich erfolgreich für die Weißweinqualität in der Thermenregion (v. l. n. r.): Johannes, Christian und Michael Reinisch, Harald Zierer, Bernhard Stadlmann und Karl Alphart / Foto: Moritz Schell

Spannende weiße Burgunder und echte Raritäten aus autochthonen Rebsorten kommen inzwischen aus der Thermenregion. Die sind so gut, dass es ein großes Vergnügen ist, sie mit einem Experten aus Übersee zu trinken. Vor allem Rotgipfler.

In kräftigem Gelb schimmert der Wein, das Auge kann seine Konzentration in den Kirchenfenstern an der Innenwand des Glases förmlich sehen. Die Nase nimmt eine Mischung aus Kräutern, Honig und reifen gel­ben Tropenfrüchten wahr, etwas Mango und frische Ananas. Stoffig, kraftvoll, doch sehr elegant und balanciert erlebt der Ver­kos­ter den Wein am Gaumen, mit Nuancen von Steinobst, aber auch einer ausgeprägten Mineralik. Mit seiner überzeugenden Länge ist er ein unverwechselbares Sinneserlebnis.

Die sanften Hänge bei Gumpolds­kirchen, die sich nach Süden und Osten ausrichten, sind Herkunft der Trauben für die besten Weißweine der Region / Foto: ÖWM, Komitee Thermenregion
Die sanften Hänge bei Gumpolds­kirchen, die sich nach Süden und Osten ausrichten, sind Herkunft der Trauben für die besten Weißweine der Region / Foto: ÖWM, Komitee Thermenregion

 


Der Kollege von der »Washington Post«, mit dem ich in einem Wiener Restaurant zu Abend esse, tut sich sichtlich schwer, die Rebsorte zuzuordnen. Und vielen heimi­schen Weinfreunden wäre es vielleicht nicht anders ergangen. »Von der Komplexität bin ich echt begeistert«, sagt der Kollege. »Aber der ist doch nicht aus Österreich?«

 

Paradewinzer Karl Alphart zeigt mit seinem Rodauner Top Selektion die rare Sorte Rotgipfler von ihrer besten Seite / Foto: Moritz Schell
Paradewinzer Karl Alphart zeigt mit seinem Rodauner Top Selektion die rare Sorte Rotgipfler von ihrer besten Seite / Foto: Moritz Schell

Doch, ist er: Es ist ein Rotgipfler Rodauner Top Selektion von Karl Alphart aus Traiskirchen. Und wenn ein Wein den Zusatz »food wine« verdient, dann dieses Chamäleon. Alpharts Interpretationen der Sorte Rotgipfler gehören inzwischen zur internationalen Weißweinelite, auch sein Chardonnay Reserve ist beachtlich.
Das Feld der zweiten autochthonen Sorte der Thermenregion, der Zierfandler, führt Hans Stadlmann mit seiner »Mandel-Höh« an. Der Schaflerhof, ebenfalls in Traiskirchen zuhause, gehört wie Josef ­Piriwe zu den bekannten Erzeugern beider Raritäten.

 

Biowinzer Bernhard Stadlmann aus Traiskirchen glänzt mit Zierfandler aus der Spitzenlage Mandel-Höh / Foto: Moritz Schell
Biowinzer Bernhard Stadlmann aus Traiskirchen glänzt mit Zierfandler aus der Spitzenlage Mandel-Höh / Foto: Moritz Schell

In Gumpoldskirchen sind die Weingüter Biegler, Krug, Schellmann, Spaetrot-Gebetshuber und Zierer hervorzuheben, die alle Topweine im Keller haben. Im nahen Freigut in Thallern, das noch heute im Besitz der Zisterzienser von Stift Heiligenkreuz ist, gibt es seit einigen Jahren dank neuer Pächter rund um den südsteirischen Spitzenwinzer Erich Polz einen steilen Qualitätsanstieg. Wer dort vorbeischaut: Unbedingt auch die Gebietsvinothek Thallern besuchen, dort bieten 40 Winzer ihre Weine an.

Auch das Stift Klosterneuburg ist in der Region reich begütert. Den vielleicht
aktuell besten, fast burgundisch anmutenden Chardonnay der Region vinifiziert der Kamptaler Winzer Fred Loimer aus Trauben der Lage Brindlbach in Gumpoldskirchen, der »Gumpold Reserve« stammt aus Trauben des Weinguts Schellmann. Und der Johanneshof Reinisch schließlich zeigt mit seinem Chardonnay Lores eine eher internationale Stilistik à la Kalifornien.

Der eindrucksvolle Barriquekeller im Johanneshof, wo auch kraftvolle Weißweine aus Chardonnay oder Rotgipfler ihrer Vollendung entgegenreifen / Foto: beigestellt
Der eindrucksvolle Barriquekeller im Johanneshof, wo auch kraftvolle Weißweine aus Chardonnay oder Rotgipfler ihrer Vollendung entgegenreifen / Foto: beigestellt

 


Das Weinbaugebiet Thermenregion entstand mit dem Weingesetz 1985, als die Gebiete von Gumpoldskirchen und Bad Vöslau zusammengelegt wurden. Etwas mehr als 2000 Hektar Reben lehnen sich an die Hänge des Wienerwalds, vom Stadtrand Wiens entlang einer Hügelkette bis südlich von Baden. Und noch heute regiert im nördlichen Teil um Gumpoldskirchen der Weißwein mit Schwerpunkt auf den Burgundern (samt Neuburger sowie der autochthonen Sorte Zierfandler, die hier auch Spätrot genannt wird) und dem Rotgipfler, während im Süden der Rotwein mit den Sorten Sankt Laurent und Pinot Noir dominiert. Schon vor mehr als 2000 Jahren wurden in der klimatisch begünstigten Region südlich von Wien Weinreben kultiviert.

 

Das dynamische Brüder-Trio Christian, Michael und Johannes Reinisch vom Johanneshof in Tattendorf / Foto: Moritz Schell
Das dynamische Brüder-Trio Christian, Michael und Johannes Reinisch vom Johanneshof in Tattendorf / Foto: Moritz Schell

Im Mittelalter erlebte der Weinbau unter Federführung der Zisterziensermönche eine regelrechte Hochblüte. Die Anlage der Rebberge, aber auch der Charakter der Dörfer lassen den Einfluss aus dem burgundischen Mutterkloster Citeaux erkennen. Die zisterziensischen Weinbauexperten hatten den Wert dieses außerordentlichen Terroirs sofort erkannt. Die Weinreben profitieren hier vom pannonischen Klimaeinfluss: heiße Sommer, trockene Herbste und 1800 Sonnenstunden im Jahr. Ständige Luftbewegung lässt im Herbst die Trauben nach Tau oder Regen rasch abtrocknen. Bei der geologischen Vielfalt überwiegen relativ schwere

Harald Zierer aus Gumpoldskirchen baut seine Weine sowohl im klassischen als auch im internationalen Stil aus / Foto: Moritz Schell
Harald Zierer aus Gumpoldskirchen baut seine Weine sowohl im klassischen als auch im internationalen Stil aus / Foto: Moritz Schell

Böden wie lehmige Tone, sandige Lehme und Braunerde mit hohem Muschelkalkgehalt. Der darunterliegende Verwitterungsschutt und tief reichende Schichten von Schwemmland helfen bei Entwässerung und Durchwärmung. Im Steinfeld bieten eher steinige und karge Schotterböden den Rotweinsorten ausgezeichnete Bedingungen.

Hausrecht haben die gebietstypischen – sonst kaum zu findenden – weißen Rebsorten Zierfandler (Spätrot) und Rotgipfler. Der Rotgipfler wird insgesamt auf etwas mehr als 100 Hektar geerntet und ist fast ausschließlich in der Thermenregion anzutreffen. Er reift spät, bei genügender Ertrags­begrenzung sind die Weine gekennzeichnet von hohem Extraktgehalt, angenehmer Säure und feinem Bukett. Der Wein entwickelt sich langsam und wird gerne mit der Sorte Zierfandler verschnitten. Der Zierfandler ist ebenfalls eine natürliche Kreuzung aus Rotem Veltliner und einer traminerähnlichen Sorte und steht nur noch auf etwa 85 Hektar.

Die Weine sind bei guter Reife der Trauben extraktreich, ausgestattet mit angenehmer Säure und feiner Blume. Beide Rebsorten dürfen nur in der Thermenregion reinsortig angefüllt werden. Diese klassischen Weißweine kommen aus den Rieden von Perchtoldsdorf, Gumpoldskirchen, Pfaffstätten, Baden, Guntramsdorf und Traiskirchen.

Die Raritäten Rotgipfler und Zierfandler


Top-Weine aus der Thermenregion finden Sie in der Falstaff-Weindatenbank!

 

Text von Peter Moser
Fotos von Moritz Schell
Aus Falstaff Nr. 02/2013

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