Sweet Home Palm Beach

Vintage trifft Moderne: Andrea Huainigg auf einem ihrer Lieblings-Vintage-Sofas (Vladimir Kagan Freeform). Ihr Stil ist stets sehr reduziert, die Räume leben aufgrund gut durchdachter Detailverliebtheit. 

© Kim Sargent

Vintage trifft Moderne: Andrea Huainigg auf einem ihrer Lieblings-Vintage-Sofas (Vladimir Kagan Freeform). Ihr Stil ist stets sehr reduziert, die Räume leben aufgrund gut durchdachter Detailverliebtheit. 

© Kim Sargent

Eigentlich hätte es nur ein launiges Familienexperiment von der Dauer eines Jahres werden sollen: Von einem Sommerurlaub in Florida enthusiasmiert, tauschten die Immobilien-Profis Andrea und Josef Huainigg den Heimatort Krumpendorf am Wörthersee mit der Millionärsenklave Palm Beach. Raus aus der Provinz hieß es, den drei Söhnen neben einer Privatschule eine internationale Karriere im Wasserski ermöglichen und die dort vorherrschende Vielfalt im Immobilien-Business erkunden. Das Resümee? Aus der selbst ernannten »Auszeit« wurden mittlerweile fünf Jahre. Und an die Rückkehr an den Wörthersee denkt man derzeit noch nicht. Denn die österreichische Vorzeigefamilie, die viel Mut für das neue Lebensterrain bewies, strotzt weiterhin vor Kreativität. Zu verlockend sind die Angebote hier in der Immobilienentwicklung, ebenso im Interior-Design. Andrea Huainigg, die stets ein Faible für Innenarchitektur hegte, macht in Palm Beach ihr Hobby zum Beruf und ist beliebte Andockstation, wenn es um ein reduziert-modernes Zusammenspiel hochwertiger Materialien und Möbel geht. 

Sie beherrscht es perfekt, europäische High-End-Brands mit dem hippen, eklektischen Palm-Beach-Style zu einer Harmonie verschmelzen zu lassen. LIVING traf die smarte Interior-Lady zum Gespräch über den Mythos Palm Beach, berufliche Herausforderungen und amerikanische Gewohnheiten.

Gekonnter Stilmix: Curtis Jere verewigte sich im Office mit der Wandskulptur »Pom Pom«.Tischlampe Atollo, Oluce. Eine exotisch überzogene Chaiselongue in Zebraoptik vervollständigt das gelungene Ambiente.

© Kim Sargent

 
LIVING: Seit fünf Jahren nun sind Sie mit Ihrer Familie in Palm Beach und haben sich im Interior-Bereich etablieren können. Wie hart ist es für eine Österreicherin, in dieser Millionärsenklave, wo es alles gibt, Fuß zu fassen? 

ANDREA HUAINIGG: Rückblickend empfinde ich es eigentlich nicht als hart. Man muss gewisse »secret codes« beachten und den hohen Erwartungen der Amerikaner – wie Leistung, Qualität, Einsatzbereitschaft, Durchhaltevermögen und Integrität – gerecht werden. Sehr viele Amerikaner schätzen und kennen Österreich als geschichts-, stil- und kulturreiches Land. Dies ergibt ein enormes Potenzial für Anknüpfungen. Ich bin sehr stolz auf unsere Heimat, und mir ist es wichtig, dies auch hier in den USA zu vertreten. Wenn man sich an diesen Kriterien orientiert, ist es mit den sehr anspruchsvollen Kunden in Palm Beach möglich, auf Augenhöhe zu agieren. 

Welche Regeln gelten dort?

Es sind sehr einfache Grund-regeln, die zu beachten sind: hohes Fach- und Allgemeinwissen, Höflichkeit, Freundlichkeit, gute Manieren, Diskretion, enormes Commitment gegenüber der Gesellschaft im Bereich Schulen, gemeinnützige Tätigkeiten und Einrichtungen, kirchliche Gemeinschaften und natürlich private Clubs. Insbesondere Mitgliedschaften in privaten Clubs erleichtern die Akzeptanz und Integration – nach dem Motto »Arbeite und baue an deinem Netzwerk, bevor du es brauchst«.

Sie und Ihr Mann kommen aus der Immobilienbranche. In Palm Beach kam es zur Idee, in das Interior-Business einzusteigen ...

Im Rahmen meiner beruflichen Laufbahn in Europa erkannte ich, dass ich eine Leidenschaft für Innenarchitektur habe. Um diese kreative Tätigkeit in den USA ausüben zu können, war es notwendig, einen Abschluss an einer US-Interior-Design-Universität zu machen. So habe ich ein Studium absolviert und mich danach mit ganzer Leidenschaft auf diesen Bereich konzentriert.

Ihr Ehemann ist im Immobilien-Development tätig, Sie liefern das Interior. Eine Art Teamwork, oder arbeitet jeder separat?

Mein Mann ist neben meinen Kindern die wichtigste Säule in meinem Leben. Er ist bester Freund, Berater und Coach. Im Rahmen seiner Projekte in den USA bin ich kreativ stark involviert, dort arbeiten wir als Team mit klarer Aufgabenverteilung. Parallel bearbeitet mein H-Interior Design Studio private Residenzen externer Kunden. Bei uns vermischt sich das Berufliche oft mit dem Privaten, dadurch geht uns der Gesprächsstoff nie aus.

Wie hart ist der Markt in Florida und wie stark die Konkurrenz?

Der Kunde in Palm Beach ist anspruchsvoll, verwöhnt und international, es gibt viele kompetente Mitbewerber. Wichtig ist es, eine Nische zu finden, um sich mit seiner Leistung erkennbar zu machen und sich so von der Konkurrenz abzuheben. 

Wie unterscheidet sich der amerikanische vom europäischen Immmobilienmarkt?

Die Amerikaner sind Umzugskaiser, in kaum einer anderen Nation wechseln Menschen im Laufe ihres Lebens so häufig ihr privates Heim. In Florida kommt hinzu, dass sehr viele Menschen eine Ferienimmobilie besitzen oder erst im Pensionsalter ein Domizil erwerben. Dies führt zu einem enormen Umschlag von Immobilien, und diese Faktoren bieten im Interior-Design laufend einen neuen Kundenkreis.

»Ein Projekt ist für mich dann gelungen, wenn jedes Detail dazu beiträgt, den Kunden emotional, funktional und designbezogen zu begeistern.«

Was unterscheidet Ihre Arbeit von jener eines US-Designers, was ist Ihr USP?

Ich denke, dass ich mich dank meiner inter­-na­tionalen Stilsicherheit sehr gut in dieser Branche bewegen kann. Ich liebe die schönen Dinge und habe genug Gespür, die passenden Kreationen von Materialien und Möbeln auch bereits bei der Planung eines Hauses mit einfließen zu lassen. Viele Amerikaner fühlen sich davon angezogen und vertrauen mir bei der Stil- und Einrichtungsberatung. 

Ist Palm Beach auch offen für Neues?

Palm Beach war immer offen für alle Stil­richtungen, insbesondere im Interior. Auch historisch betrachtet war es stets im Trend seiner Zeit, stilistisch sehr europäisch beeinflusst. Wichtige Interior-Designer und Architekten um die Jahrhundertwende waren Maurice Fatio mit Schweizer Wurzeln, John Volk aus Graz und natürlich Joseph Urban aus Wien, der das berühmte Mar-a-Lago-Anwesen (heute im Eigentum von US-Präsident Donald Trump, Anm. d. Redaktion) entwarf. Palm Beach lebt vom eigenen Charme und Zauber, einem Mythos, der schon lange existiert. Es geht aus meiner Sicht daher nicht darum, den Stil zu verändern, sondern diesen vor dem Hintergrund neuer Designaspekte weiterzu­entwickeln. Das stilistische Finger­spitzengefühl besteht darin, Inspirationen der Umgebung, wie gewisse vorhandene Stilelemente und Materialien, in ein zeit­gemäßes Design ein­fließen zu lassen.

Dabei geizen Sie auch nicht mit europä­ischen Marken bei der Einrichtung. Was reizt die Amerikaner am europäischen Stil?

Es sind die Geschichte, unsere Traditionen, die sowohl im Design als auch im Lifestyle immer wieder integriert werden.

Inwieweit müssen Sie sich selbst mit der Einrichtung identifizieren können? Wenn das nicht so ist, würden Sie den Auftrag abgeben bzw. gar nicht annehmen?

Die Identifikation mit dem Design ist sehr wichtig für mich, um das Produkt mit Leidenschaft, Sinnhaftigkeit und Erfahrung umsetzen zu können. Jedes Detail wird mit Liebe und Akribie ausgesucht und inszeniert. Im Umgang mit dem Kunden ist es wichtig, auf die Persönlichkeit, Bedürfnisse und Erwartungen einzugehen, Empathie beeinflusst und bereichert den kreativen Prozess. Mein Ziel ist es daher, nicht einen Stil aufzudrängen, sondern den Kunden bei der Raumgestaltung zu führen, um eine moderne, beruhigende Atmosphäre mit subtilen Akzenten, die trotzdem Wärme vermittelt, zu schaffen. Mein Anliegen ist es, ein emotional erlebbares Refugium zu schaffen, in dem die Bewohner die Hektik des Alltags hinter sich lassen, um sich den wesentlichen Dingen im Leben widmen zu können. Sollte kein gemeinsamer Nenner bezüglich dieser »soft facts« gefunden werden kann, lehne ich einen Auftrag auch ab.

Worauf kommt es bei einer gelungenen Einrichtung an?

Es ist die Summe aller Details, die eine erfolgreiche Atmosphäre schafft. Für mich ist ein Projekt dann gelungen, wenn jedes Detail – wie die Verarbeitung, die Oberflächen, Möbel, Kunst, Farbgestaltung, Accessoires etc. – dazu beiträgt, den Kunden und Designer funktional, emotional und designbezogen zu begeistern.

 

Aus dem Living Magazin 03/2017.

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