Auch wenn die Top-Süßweine ohne Frage zu den weltbesten Kreszenzen zählen, es war auch für die Spitzenerzeuger schon mal leichter, ihre zuckersüßen Flaschen abzusetzen. Noch vor nicht allzu langer Zeit war Zucker ein ­begehrtes, teures Produkt, das man sich nur leisten konnte, wenn man reich war. Entsprechend wertvoll und gesucht waren die süßen Weine. Edle Tokajer, Sauternes oder gar Trockenbeerenauslesen waren für die fürstlichen Tische und nicht für das gemeine Volk gedacht. Heute ist Süße nichts Besonderes mehr. Im Gegenteil: Das Angebot an Softdrinks, Schokolade und gesüßten Lebensmitteln ist ­un­übersehbar geworden. Andererseits gibt es immer mehr Menschen, die aufgrund eines neuen Gesundheitsbewusstseins um jede unnötige Kalorie einen weiten Bogen machen. Da haben es selbst die besten Süßweine nicht leicht, auf dem Markt zu ­bestehen. Kommenden Generationen wird es zunehmend schwerer fallen, in einem hochkonzentrierten edelsüßen Wein mit mehreren hundert Gramm Restzucker je Liter etwas Erstrebenswertes zu sehen. Die spezialisierten Produzenten sehen das naturgemäß optimistischer, allerdings beginnen sie sehr wohl, neue Strategien zu entwickeln. Bestes Beispiel ist die Hochburg für französische Spitzensüßweine, nämlich Sauternes und Barsac im Bordeaux. Zunächst hatte man auf den aufstrebenden asiatischen Markt gesetzt und versucht, den Konsumenten die komplexen Süßweine zu ­ihren würzigen Gerichten schmackhaft zu machen – mit überschaubarem Erfolg. Weshalb nun vermehrt über Alternativen nachgedacht wird. Warum also nicht trockene Weißweine machen? Aus Sauvignon und Sémillon geht das doch, und Château d’Yquem macht das mit seinem »Y« längst vor. Château Rieussec, das Sauternes-Weingut aus der La­fite-Rothschild-Gruppe, ließ einen trocke­nen »R« vom Stapel, Graf Neippergs Sauternes-Weingut Guiraud einen »G« und AXA launchte einen »S de Suduiraut«. Und weil sich die Produzenten dieser Weine mit der wenig prestigeträchtigen Appellation Bordeaux AC abfinden müssen, wird bereits überlegt, ob man die Weine nicht unter der besser bekannten Nachbar-Appellation Graves anbieten könnte. Doch dort hält sich die Freude in Grenzen.


Text von Peter Moser
Aus Falstaff Nr. 08/2014