Marcello Lunelli von Ferrari © Othmar Kiem

Giulio Ferrari ist eine Legende in der italienischen Spumante-Welt. Vor einigen Jahren durfte ich an einer Vertikalverkostung von zehn verschiedenen Jahrgängen dieses Ausnahme-Spumantes teilnehmen und war begeistert. Der von der Familie Lunelli in Trento erzeugte Spumante reift zehn Jahre auf der Hefe und wird zu Recht als bester Spumante Italiens bezeichnet. Das Trentino ist eine Chardonnay-Großmacht. Auf den Hängen entlang des Etschtals finden sich die größten Anbauflächen ganz Italiens. Auch Grauburgunder ist sehr wichtig. Während dieser als Pinot Grigio in vielen Teilen der Welt den Stil des italienischen Weißweins prägt, wird der Chardonnay in den meisten Fällen zu Sekt verarbeitet. Seit einigen Jahren nennt sich der in Flaschengärung erzeugte Spumante aus dem Trentino kurz und griffig Trento DOC. Er wird überwiegend auf der Basis von Chardonnay erzeugt, aber auch Pinot Noir ist zugelassen.

Mit einer Produktion von rund fünf Millionen Flaschen jährlich ist Ferrari in Ravina bei Trient der mit Abstand wichtigste Erzeuger. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann Giulio Ferrari mit der Produktion der Schaumweine, die auf den damaligen Karten noch als »österreichischer Champagner« aufschienen. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Familie Lunelli den Betrieb und baute ihn zur heutigen Größe aus. In den weitläufigen Kellern in Ravina lagern über 20 Millionen Flaschen – eine beeindruckende Menge. Vergangenen Herbst bekam die Spitzencuvée Giulio Ferrari eine kleine Schwester, die Riserva Lunelli. Sie ist der erste Trento DOC von Ferrari, dessen Grundweine im Holzfass – im Übrigen aus österreichischer Eiche – ausgebaut werden. Ein Extrabrut, füllig und cremig, der ideal als Begleiter zu Tisch passt. Wer lieber etwas weniger für seinen prickelnden Genuss ausgeben möchte, ist mit dem Ferrari Perlè – auf Chardonnay-Basis und mit Jahrgangsangabe – oder auch mit dem Ferrari Maximum Brut bestens bedient.

Auch die großen Genossenschaften des Trentino setzen in den vergan­genen Jahren vermehrt auf Trento DOC. Da ist einmal die Cantina MezzaCorona, die mit Rotari eine eigene Marke für Spumante schuf. In dem gefälligen Kellereigebäude an der Autobahnausfahrt von San Michele brummt vor Weihnachten das Geschäft. Viele laden sich den Kofferraum mit Rotari voll. MezzaCorona, das sind rund 2500 Hektar Weinberge zwischen dem Gardasee im Süden und Salurn im Norden, die sich auf 1500 Mitglieder verteilen. Die Verantwort­lichen der Kellerei setzen auf klare, geradlinige Weine, deren Preis in den meisten Fällen um fünf Euro liegt. Für die Spumante Rotari muss man zwar etwas tiefer in die Tasche greifen, sie sind aber immer noch sehr günstig.

 

 

Lavis
Lavis © Othmar Kiem

Auch die Cantina La Vis, die rund zehn Kilometer weiter südlich liegt, hat 1500 Mitglieder. Mit 1450 Hektar ist sie kleiner als MezzaCorona, hat aber immer noch gewaltige Ausmaße. Unter der Leitung von Fausto Peratoner vollzog die Kellerei in den letzten 20 Jahren beachtliche Qualitätssteigerungen. Die Flächen der Mitglieder liegen auf den Hügeln um Lavis und im etwas höher gelegenen Cembra-Tal. Dort wird vor allem Müller-Thurgau angebaut, der in Italien großen Zuspruch findet. Unter dem Markennamen Ritratti bietet die Cantina La Vis eine Reihe von schönen, ausdrucksvollen Weinen zu einem interessanten Preis. Im Jahr 2002 kaufte La Vis das Spumante-Haus Cesarini Sforza. Damit bietet nun auch La Vis die ganze Palette von Trento DOC, vom einfachen Brut bis zur edlen Riserva. Dritter Sekterzeuger im Bunde der großen Genossenschaften ist Cavit, eine Genossenschaft zweiten Grades, die den Wein ihrer Mitglieds­betriebe ausbaut und vermarktet. Die Riserva Graal besteht zu 70 Prozent aus Chardonnay und zu 30 Prozent aus Pinot Noir, reift sieben Jahre auf der Hefe und zählt zu den besten ­Spumantes Italiens.

Foradori
Foradori

Elisabetta Foradori schwimmt gerne gegen den Strom. Das Weingut Foradori liegt in Mezzolombardo, ringsherum erstreckt sich die Piana Rotaliana, die vollständig mit Reben bepflanzt ist. Die Piana Rotaliana zwischen Mezzolombardo und Mezzocorona wurde in Millionen Jahren vom Noce-Fluss, der hier aus dem Nonstal herunterbricht, mit Steinen und Geröll aus den Bergen aufgefüllt. Diese Geröllmassen ziehen sich heute ein bis eineinhalb Meter durch das ganze Gebiet und sorgen für die optimale Drainage der Weingärten. Hier ist Teroldego-Land. Diese eigenständige Rebsorte ist fast nur hier verbreitet. Ihr hat sich Elisabetta Foradori verschrieben. Da der Vater früh verstarb, musste sie Anfang der Achtzigerjahre von der Schulbank weg direkt den Betrieb übernehmen. Entgegen dem damaligen Trend, der klar auf Cabernet und Merlot setzte, glaubte sie an das Potenzial des Teroldego. Zum Entsetzen ihrer Nachbarn führte sie im Sommer die Ausdünnung ein; die neuen Weingärten pflanzte sie nicht im traditionellen Pergolasystem, sondern in Guyot-Erziehung. Sie ist damit bis heute auf den ganzen 400 Hektar der Piana Rotaliana die Einzige geblieben. Der Erfolg aber hat ihr recht gegeben. 1986 erzeugt sie den ersten Granato, der – weil nicht dem damaligen Kanon eines Teroldego entsprechend – als Tafelwein erscheint. Der Wein und mit ihm der Teroldego machten Furore. Seither sind über 20 Jahre vergangen, gefolgt sind Elisabetta Foradori nur wenige. Sie gehe einfach ihren eigenen Weg weiter, meinte Elisabetta bei meinem letzten Besuch. Seit zehn Jahren bewirtschaftet sie ihre Weingärten nach biodynamischen Kriterien und setzt auf Biodiversität. Die Weine seien dadurch lebendiger geworden. Der Granato ist immer noch ihr Spitzenwein. Der Foradori, so heißt der normale Teroldego, hat deutlich an Format gewonnen. Auch der Myrto, Foradoris Weißwein aus Incrocio Manzoni und Sauvignon Blanc, zeigt sich spannend und vielschichtig.

 

 

 

Pojer und Sandri
Pojer und Sandri

Sie gehören eindeutig zu den Tüftlern unter den Winzern. Im Jahr 1975 gründeten der gelernte Mechaniker Fiorentino Sandri und der junge ­Weinbautechniker Mario Pojer ihren eigenen Betrieb. Die Keimzelle waren zwei Hektar, die Fiorentino Sandri geerbt hatte. Faedo liegt 550 Meter hoch und bietet ideale Voraussetzungen für feine Weißweine – damals etwas Neues im Trentino und überhaupt in ganz Italien. Seither hat sich der Betrieb bedeutend vergrößert und umfasst nun 20 Hektar in Faedo und rund acht Hektar im nahen Cembra-Tal. Jedes Mal, wenn ich einen der beiden auf einer Veranstaltung treffe, erzählen sie mir von neuen Erkenntnissen, die sie im Weinberg oder im Keller umsetzen. Dieses Mal bin ich hier raufgekommen, um ihre Traubenwaschanlage zu sehen. Doch Fiorentino Sandri überrascht mich mit etwas noch Neuerem. Gerade haben die beiden eine Kollektion von Fruchtessigen auf den Markt gebracht – unerhört intensive Essige, die es nur in Sprühfläschchen gibt und die allerlei Speisen verfeinern können. Doch zurück zur Waschanlage: Seit fünf Jahren experimentieren Pojer & Sandri mit einer Waschanlage für die Trauben. Nun ist sie endlich ausgereift. Die frisch geernteten Trauben kommen in ein Sprudelbad aus Wasser, dem etwas Zitronensäure beigegeben wird. Mit einem ausgeklügelten Gebläse werden die Trauben anschließend getrocknet. Dies bringe eine deutliche Reduzierung der Rückstände, meint Mario Pojer. Auch der ganze Staub, der sich auf den Beeren befinde, werde beseitigt. Die Zitronensäure binde zudem Schwermetalle und synthetische Pflanzenschutzmittel. Ziel sei es, möglichst rückstandsfreie Trauben zu verarbeiten. Ob es daran liegt, dass mir die Weine von Pojer & Sandri heute tatsächlich noch klarer und präziser vorkommen?

 

Für die Zukunft möchten die beiden noch einen Schritt weiter gehen und Weine ohne jeglichen Zusatz, ohne Pflanzenschutz oder Schwefel erzeugen. Dafür kauften sie im hintersten Cembra-Tal einen Hof an und pflanzten interspezifische Sorten aus. Hierbei handelt es sich um Rebsorten, die aus Kreuzungen von amerikanischen und europäischen Reben gezüchtet wurden. Die bekanntesten sind Regent und Bronner. Die Trauben werden normal im Keller verarbeitet, nach Ende der Gärung aber hefetrüb abgefüllt. Das erlaubt es, die Weine gänzlich ohne Schwefel zu verarbeiten. Mario Pojer präsentierte mir auch schon eine erste Flasche Bronner. Der Duft konnte mich nicht ganz überzeugen, aber im Geschmack ist der Wein wirklich beachtlich. Da wird sich in den nächsten Jahren noch viel tun. Einstweilen gebe ich dem Merlino den Vorzug, einer weiteren Neuentwicklung von Pojer & Sandri. Nach dem Vorbild des Porto wird dafür frischer Lagrein mit eigenem altem Brandy abgestoppt und restsüß auf die Flasche gefüllt – ein wahrlich köstlicher Wein.

 

 

San Leonardo
San Leonardo

Im ganzen Trentino sind Cabernet und Merlot weit verbreitet. Der beste Wein aus dieser bewährten Bordeaux-Basis stammt von der Tenuta San Leonardo. Das gepflegte Anwesen liegt in Borghetto d’Avio, im südlichsten Zipfel des Trentino, und befindet sich seit Generationen im Besitz der Guerrieri Gonzagas. Marchese Carlo Guerrieri Gonzaga hat sich zum Ziel gesetzt, mit seinen Weinen einen Platz an der Spitze zu besetzen. Im Jahr 1982 kreiert er erstmals den San Leonardo. Als önologischen Berater holte er sich dafür keinen Geringeren als Giacomo Tachis. Ihm ist vor einigen Jahren Carlo Ferrini nachgefolgt. Heute wird die Tenuta von Carlos Sohn Anselmo geleitet. Im Unterschied zu den Cabernet-Cuvées der Toskana zeigt der San Leonardo in seiner Jugend etwas mehr Säure und Härte, er vermag dafür aber hervorragend zu altern. Nach sieben bis zehn Jahren Lagerung kommen seine Charakteris­tiken – Würze und Salzigkeit – erst so richtig zum Ausdruck. Als vor zwei Jahren bei der Vinitaly in einer exklusiven Verkostung die besten Weine des Jahrganges 1997 präsentiert wurden, stahl der San Leonardo allen anderen die Schau – inklusive Sassicaia. Daher mein Rat: Lassen Sie sich Zeit. Genießen Sie zunächst all die wunderbaren Trento DOC, und heben Sie sich den San Leonardo für später auf. Sie werden es nicht bereuen.

 

Othmar Kiem, aus Falstaff 01.10

Verkostungsnotizen zu den Weinen aus den Dolomiten

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