Leerflaschen Rotwein
Leerflaschen Rotwein / Foto: ÖWM

Auf dem Weg zu einem kleineren ökologischen Fußabdruck oder gar zu einer ausgeglichenen CO2-Bilanz versuchen viele Winzer, das Gewicht ihrer Weinflaschen zu reduzieren. Jancis Robinson, eine weltberühmte Wein-Autorität, berichtete im Falstaff 01/10 von der spanischen Finca Sandoval, die allein durch die Reduktion des Flaschengewichts von 650 auf 400 Gramm jährlich 20 Tonnen Glas einsparen konnte. Owens-Illinois, der weltgrößte Produzent von Glasverpackungen, kündigte laut Washington Post an, mit der Produktion von Glasflaschen mit einem Gewicht von nur noch 329 Gramm für den nordamerikanischen Markt zu beginnen. »Bodybuilder-Flaschen« mit einem Kilo und mehr sind längst nicht mehr zeitgemäß, wenn auch hierzuland noch äußerst beliebt.

Wolfgang Hamm, Geschäftsführer des Stifts Klosterneuburg, des ersten CO2-neutralen Weinguts Österreichs, berichtete Falstaff.at, dass er alle Weine in 400-Gramm-Flaschen füllen ließ – das ist das geringste Gewicht, das im Moment in Österreich erhältlich ist. Flaschenlieferant Vetropack arbeitet aber schon an einer leichteren Variante.

Bordeaux en plastique
Will man beim Glas bleiben, wird man bei der Gewichtsreduktion trotz modernster Technologie bald an Grenzen stoßen. Vorreiter bei Einsparungen an Volumen und Gewicht sind traditionellerweise Fluglinien, die mittlerweile auf kleine Weinflaschen im Plastik-Kleid setzen. Sogar Franzosen, die sich nicht einmal mit dem Schraubverschluss anfreunden wollen, servieren in der Air France Economy Class Bordeaux in Plastikflaschen. Auch Marks & Spencer, die größte Supermarktkette Großbritanniens, stellte laut Guardian das komplette Sortiment von Kleinflaschen (0,25 Liter) auf »umweltfreundliches« Plastik um. Die Briten haben offensichtlich einen unverkrampfteren Zugang zu PET-Flaschen als wir Österreicher. Softdrinks und Mineralwasser werden hierzulande zwar fast ausschließlich in Plastikgebinden erstanden, aber beim Gedanken an Wein in Plastikflaschen wird reflexartig der Untergang des Abendlandes proklamiert.

Plastik-Doppler bei Hofer

Plastikdoppler
Plastikdoppler

Auch in Skandinavien erfreut sich Wein in PET-Flaschen großer Beliebtheit – in Nordamerika und Australien ist diese Verpackung heute schon Normalität. Mit ein Grund dafür ist der Umweltschutzgedanke. Was für heimische Ohren paradox klingen mag, ist nicht ganz von der Hand zu weisen: Schon in der Produktion von PET-Flaschen wird weniger Energie als bei Glas verbraucht, die Flaschen sind um rund 90 Prozent leichter und ebenso wie Glas wiederverwertbar. Der deutsche PET-Produzent Artenius ist laut Rhein-Zeitung überzeugt davon, dass sich Plastikflaschen auch als Weingebinde durchsetzen werden. Geschäftsführer Pöhner schätzt, dass bereits in zwei bis drei Jahren die deutschen Supermärkte erobert sind. In Österreich hat der Discounter Hofer bereits tausende Plastik-Doppellitergebinde verkauft (Bild).

Keine gesundheitlichen Bedenken, aber...
Hinsichtlich möglicher Gesundheitsrisiken gab das deutsche Institut für Risikoforschung (BiR) schon während der Diskussion um Mineralwasser in PET Entwarnung: Weichmacher sind darin entgegen landläufiger Meinung nicht enthalten. Dennoch ist die instinktive Abneigung gegen Plastikgebinde nicht ganz unbegründet. Eine Absonderung von Acetaldehyd ist laut BiR zwar gesundheitlich unbedenklich, aber nachweisbar. Und wie ist das mit geschmacklicher Beeinflussung? Eine Studie der Weinforschungsanstalt in Geisenheim über einen Zeitraum von sechs Monaten ergab, dass sich Wein in PET bei kürzeren Lagerzeiten ganz ähnlich wie in Glas verhält. »Schwierig wird's erst, wenn man den Wein über längere Zeit lagern will, denn die Sauerstoffbarriere der mehrschichtigen Kunststoffverpackung baut sich sukzessive ab«, erklärt Christoph Schüssler, der die Untersuchungen geleitet hat, gegenüber der Rheinzeitung. Die Produzenten garantieren eine Lagerfähigkeit von maximal eineinhalb Jahren und verweisen auf einen laufenden Entwicklungsprozess.

Bag-in-Box und Dosenwein

Bag in Box
Bag in Box

Ebenso begrenzte Lagerfähigkeit weist eine weitere Verpackungsalternative auf: Bag-in-Box. Der Vorteil dieser Variante liegt in einem Schlauch, der sich in einem schicken Karton verpackt bei Flüssigkeitsentnahme zusammenzieht und somit keinen Sauerstoffkontakt zulässt. Angebrochene Einheiten können somit über Wochen hinweg ohne nennenswerten Qualitätsverlust durch Oxidation weiterverwendet werden. Für den Klosterneuburger Hamm kommen Plastikflaschen zum jetztigen Zeitpunkt ebensowenig in Frage wie Bags-in-Boxes, denn beide seien noch gasdurchlässig. Bag-in-Box-Systeme könnten aber interessant werden, wenn Versuche mit Metallbeuteln erfolgreich abgeschlossen werden können. Natürlich ist auch Wein bzw. Prosecco in Dosen eine grundsätzliche Verpackungsalternative, aber das überlassen wir lieber den sogenannten It-Girls aus Hollywood.

Preis-Argument
Wie schwierig es für Early Adopter ist, Konsumenten von Verpackungsalternativen zu überzeugen, musste der Wiener Essigproduzent Erwin Gegenbauer erfahren. Aus ökologischen und praktischen Gründen brachte er seine edlen Essige in Plastikflaschen auf den Markt und sah sich mit derart wütenden Protesten eines Großteils seiner Kunden konfrontiert, dass er schon bald wieder auf Glas umstellen musste, um keine massiven Umsatzeinbußen zu erleiden. Auch wenn PET-Flaschen für trinkfertige Weine eine mögliche Alternative darstellen, ist den heimischen Konsumenten die Ästhetik offenbar im Moment noch wichtiger. Auch der weltweite Trend zu leichteren Glasflaschen hat sich erst zu sehr wenigen Austro-Winzern herumgesprochen. Aber vielleicht siegt letztendlich das Preis-Argument: Denn wollen Sie nicht lieber für die Qualität des Weines bezahlen, als für das Gewicht der Flasche?

(von Bernhard Degen)

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