Steinberg: Gourmandise für Reben

Entdeckt wurde der Steinberg von den Zisterziensern mit ihrem Know-how über beste Lagen.

© www.Hartmann-Fotodesign.de

Entdeckt wurde der Steinberg von den Zisterziensern mit ihrem Know-how über beste Lagen.

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Beginnen wir mit einer Betrachtung über das Wursten. Das Zerkleinern von Zutaten bringt ein Höchstmaß an Geschmack und aromatischer Komplexität hervor, wenn das Ausgangsmaterial hochwertig ist. Im Fall der Wurst reden wir dabei über Fleisch und Gewürze. Und natürlich lassen wir jene Erzeugnisse außer Betracht, die aus Industrieabfällen bestehen und in Bahnhöfen und Autobahnraststätten an wehrlose Reisende verhökert werden.

Ganz ähnlich wie eine exquisite Wurst muss man sich den Boden des Steinbergs vorstellen. Denn dem Herrn gefiel es, an diesem Ort in Jahrmillionen durch Überflutungen und Sedimentbildungen, durch Hebungen und Senkungen eine Vielfalt unterschiedlichster Gesteine zur Oberfläche zu tragen. Dann warf der Allmächtige den Fleischwolf der Geologie an: Durch Verwitterung entstand ein Lehm mit steinernen Bruchstücken in der Größe der Fettstückchen in einer Salami. Fertig! Reben, die in einem solchen Substrat wurzeln, geht es wie einem Leckermaul beim Verzehr einer ausgezeichneten Saucisson: Nährstoffe, Mineralien und das richtige Quantum Wasser bescheren ihnen eine Gourmandise zum Zungeschnalzen.

Die Zisterzienser, und nun kommen wir langsam zur eigentlichen Geschichte, verstanden nicht nur etwas vom Essen und Trinken, sie hatten auch ein untrügliches Auge für die besten Weinbergslagen, als sie sich im 12. Jahrhundert über Europa hin ausdehnten: Nach der Gründung des Stammklosters Cîteaux (1098) gelang es dem unternehmungslustigen Orden nur rund 15 Jahre lang, die Füße still zu halten. Ab 1113 folgte dann eine »Filiation« nach der anderen. 1136 machten sich Zisterzienser aus Clairvaux – also aus dem heute zur Champagne zählenden Département Aube – in den Rheingau auf, wo sie mit dem Segen des Mainzer Erzbischofs eine bereits zuvor bestehende Struktur der Benediktiner übernahmen. Bald darauf begannen sie, eigenhändig den Wald in ihrer Nachbarschaft zu roden. 

Neu und alt vereint: Der Keller-Neubau der Domäne Steinberg, 2008 eröffnet, fügt sich harmonisch ins Ensemble ein.

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Ein Rheingauer Clos De Vougeot

Eberbach und sein erster – und bis auf den heutigen Tag wichtigster – Weinberg gehören so eng zusammen, dass man versucht ist, anzunehmen, das weinbauliche Interesse sei der Klostergründung vorangegangen und nicht umgekehrt. In dieses Bild passt, dass die Mönche schon fast ein ganzes Jahrzehnt vor der Weihung der Klosterkirche, die 1186 erfolgte, am Fuß des Steinbergs eine sogenannte Grangie, also ein klösterliches Bauerngehöft mit Viehwirtschaft in Betrieb nahmen. Dadurch wurde nicht zuletzt die Möglichkeit, Dung in die Reben zu bringen, auf die eleganteste Weise vereinfacht. Etwa zeitgleich dürfte es dem Kloster auch gelungen sein, durch Schenkungen, Tausch und Kauf in den Besitz des gesamten, annähernd 40 Hektar großen Hangs zu gelangen. Im Jahr 1211 spricht ein Güterverzeichnis bereits wie selbstverständlich von der »vinea Steinb’ch« als einer zu Eberbach gehörigen Einheit.Dieses Schema ist natürlich bekannt: Die Mönche des Stammklosters in Cîteaux hatten Anfang des 12. Jahrhunderts im Herzen Burgunds den Clos de Vougeot angelegt und an seinem Rand eine Grangie errichtet, das heutige Château du Clos de Vougeot.

Vinothek im Steinberg mit Aussicht.

© Anja Sommer

Die feinen Unterschiede

In Eberbach wie in Vougeot erstreckt sich der Weinberg über verschiedene Hangabschnitte, sodass sich die Bedingungen an verschiedenen Punkten des Besitzes zwar gleichen, aber dennoch nicht völlig homogen sind. Genau das suchten die Zisterzienser: Denn sowohl der Clos de Vougeot als auch der Steinberg dürften ihnen als Forschungszentren gedient haben. Als Beispiel-Weinberge, in denen sich untersuchen ließ, welchen Effekt kleine Unterschiede in Höhenlage, Hangneigung und Bodenstruktur mit sich bringen und wie man sich bei der Arbeit in den Reben am besten auf die jeweiligen Randbedingungen einstellen kann.

Einen Unterschied gibt es dann allerdings doch: Während die Mauer um den Clos de Vougeot bereits um 1330 angelegt wurde, sollte es im Rheingau bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts dauern, ehe der Druck durch Traubendiebe so groß wurde, dass man das rund drei Kilometer lange, mit Schiefer gedeckte Bauwerk in Angriff nahm. In der Mauer wurden konsequenterweise Lesesteine aller im Boden selbst vorkommenden Materialien verbaut: weißer Quarzit und Schiefer in farblichen Spielarten von rötlich über grünlich bis grau. Die Komplexität des Bodens wird dadurch fast ebenso anschaulich wie am Duft des Weins. 

Doch die Umfriedung des Weinbergs ist noch aus einem zweiten Grund bemerkenswert. Dieter Greiner, der Weingutsdirektor der Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach, in deren Alleinbesitz sich der Steinberg heute befindet, weiß nur allzu gut, dass er trotz seiner Herkunft aus dem protestantischen Schwaben in der Tradition der Eberbacher Äbte steht. Also  zelebriert er den Besuch im Steinberg, indem er zum Eintritt gerne jenes eine Tor wählt, vor dem ein schmiedeeisernes Gitter prangt. Der Schlüssel dreht sich im Schloss und man schreitet hinein in den Rheingauer Clos. »Und jetzt?«, fragt Greiner. »Wie fühlt es sich an?«

»Es ist ein gut gehütetes Geheimnis, wie viele Flaschen reifen Steinbergers bei uns im Keller ruhen.« Dieter Greiner – Weingutsdirektor Kloster Eberbach.

© Markus Hintzen

Ein magischer Ort

Man müsste schon sehr abgestumpft sein, wenn man nicht bemerken würde: Magisch fühlt es sich an, erhaben. Denn einerseits wird der Blick weit, öffnet sich nach drei Seiten hin über 37 Hektar Reben. Andererseits fühlt es sich an, als beträte man ein Wohnzimmer. Die Mauer, mag sie trotz ihrer Höhe von drei, vier Metern weit drunten am Hangfuß klein wirken, sie schafft ein wohliges Gefühl der Abgeschlossenheit, ja geradezu des Intimen. Auch Carsten Pfaff, der seit 1978 die Reben des Steinbergs pflegt und dessen Großvater zwischen 1922 und 1938 an selber Stelle noch als Pferdefuhrmann tätig war, zeigt in diesem Moment eine Emotion: »Großartig, oder?« In einem solchen Moment kann es passieren, dass man den 56-Jährigen mit den zupackenden Händen in neuem Licht betrachtet: Fantasiert man sich eine schwarz-weiße Kutte um seine breiten Schultern – dann scheint es fast, als habe sich in den annähernd 900 Jahren, seitdem dieser Weinberg das Herz der Menschen erfreut, viel weniger geändert, als man in der Regel anzunehmen bereit ist.

Einmaliger Geschmack

Der Steinberg ist eine Höhenlage. Während der Rhein auf etwa 80 Metern über dem Meeresspiegel fließt, erstreckt sich der Steinberg in Höhen von 150–270 Metern. Daher fallen die Weine strenger, »kühler« aus, als diejenigen der nahe am Fluss gelegenen Weinberge. Die Aromen des Weins spiegeln den mineralischen Gehalt der Böden. Typisch sind Noten von Gesteinsmehl, feuchtem Schiefer, Pfeffer. Steinberg-Weine sind extraktreich: Schon in der Frühzeit der Chemie zeigte eine Analyse, dass der Steinberger den höchsten Extrakt aller Rheingauer erreicht. Ein 1822er kam beispielsweise auf den doppelten Wert eines Marcobrunn. Steinberg ist gleich Riesling – diese Formel gilt seit etwa 250 Jahren. Davor war der Weinberg vermutlich als Mischsatz gepflanzt. 

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Falstaff Nr. 03/2018
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