So klingt das Burgenland

Pannonische Impression mit Liszt, Goldmark und Haydn.

© Benedikt Kobel

Pannonische Impression mit Liszt, Goldmark und Haydn.

Pannonische Impression mit Liszt, Goldmark und Haydn.

© Benedikt Kobel

Es ist schon bemerkenswert, welche Dichte an musikalischen Persönlichkeiten das jüngste Bundesland aufweist, ist es doch nicht einmal 100 Jahre alt. Es stimmt schon, als »Burgenland« bestand dieser wundervoll klingende östlichste Teil Österreichs zur Zeit der meisten großen Meister noch nicht. Dennoch finden sich Wurzeln und Entwicklungsräume in diesem Landstrich, die in solcher Fülle zumindest nicht weitläufig präsent sind.

Joseph Haydn kennt man. Geboren 1732 in Rohrau, kam er mit sechs Jahren nach Wien zu den Chorknaben von St. Stephan. Einer drohenden Kastration entging der Pubertierende durch Intervention des Vaters. Lern- und Lehrjahre als Klavierlehrer und Gesangsbegleiter führten ihn nach Pilsen. 1761 trat er in die Dienste der Familie Esterházy und ging nach Eisenstadt. Ab 1766 war er Kapellmeister und für den gesamten Musikbetrieb zuständig. Einen Teil seiner Besoldung erhielt Haydn in Naturalien: Brennholz, ein halbes Mastschwein und Wein.

In den fast drei Jahrzehnten im Burgenland war Haydn sehr fleißig, hier konnte er »Original werden«: Opern, Sinfonien, Solo- und Kammermusik, er »erfand« das Streichquartett. Mit dem Tod Nikolaus Esterházys 1790 endete das Dienstverhältnis, die nächste Karriere konnte starten: London empfing Haydn mit überschwänglicher Begeisterung. Er schrieb die letzten Sinfonien (104 zählen wir), Oratorien und Messen, immer wieder ließ er sich von der lokalen Volks- und Volksgruppenmusik inspirieren. Am 31. Mai 1809 starb Haydn in Wien, die abenteuerliche Reise seines Craniums von der ersten Grablegung bis zur letzten Ruhe im Haydnmausoleum 1954 ist eine eigene Geschichte, die Krimiautoren nicht hätten besser erfinden können.

Zwischen Joseph Haydn und Franz Liszt, dem zweiten bekannten Musiker mit »burgenländischen« Wurzeln, gibt es eine direkte Klammer: Vater Adam Liszt spielte als junger Musiker unter Haydn im esterházyschen Sommerorchester Cello. Am 22. Oktober 1811 – gerade, als ein Komet über Raiding zog – wurde Franz dort geboren, ein kränkliches, schwächelndes Kind. Und doch wurde es zum bekanntesten Musiker seiner Zeit. Als Wunderkind begeisterte Franz Wien, Paris und London, als Virtuose tourte er quer durch Europa und zertrümmerte in Konzerten auch schon mal einige Klaviere: Lisztomania pur (© Heinrich Heine).

Gesellschaftliche Konventionen wurden über Bord geworfen, bald aber der Ausstieg aus diesem Zirkus. Der Segen der Kirche für die Beziehung zu Carolyne zu Sayn-Wittgenstein blieb dem Paar verwehrt. Weimar, Budapest und Rom wurden die Fixstationen in den letzten Lebensjahrzehnten. Liszt starb während der Bayreuther Festspiele 1886, und über diese zeitliche Überschneidung war Tochter und zugleich Wagner-Witwe Cosima »not amused«. Liszt wird gerne als erster Popstar bezeichnet. Das mag teilweise sicher zutreffen, aber gerade seine späten Kompositionen besitzen visionäre Voraussicht. Diese Vielfalt wird seit mehr als einem Jahrzehnt eindrucksvoll im Lisztzentrum Raiding dargestellt, gestaltet vom Intendanten- und Pianistenduo Eduard und Johannes Kutrowatz.

Elf Kilometer von Raiding entfernt liegt die bekannte mittelburgenländische Rotweingemeinde Deutschkreutz. Dorthin zog 1834 die Familie Goldmark von Keszthely vom Balaton kommend. Der damals vierjährige Sohn Karl sollte hier die nächsten zehn Lebensjahre verbringen und sein musikalisches Talent entdecken. Zwei Stunden lang marschierte er über Wiesen und Stoppelfelder zur Geigenstunde von Deutschkreutz nach Ödenburg/Sopron. Sein Vater war Chasan, jüdischer Kantor. Deutschkreutz gehörte zu den »Schewa Kehilot«, den sieben jüdischen Gemeinden im Nord- und Mittelburgenland, im Südburgenland war etwa Stadtschlaining bis 1938 jüdisch geprägt.

Einer der wichtigsten Geiger des 19. Jahrhunderts, Joseph Joachim (1831–1907), wurde in der ebenfalls jüdischen Gemeinde Kittsee im heutigen Dreiländereck Österreich-Slowakei-Ungarn geboren. Aber zurück nach Zelem/Deutschkreutz: Die Fortschritte auf der Violine motivierten Karl Goldmark im Alter von 14 Jahren, nach Wien zu gehen und dort seine Ausbildung zu perfektionieren. Er verdiente seinen Lebensunterhalt am Carltheater als Geiger, erst mit 35 Jahren trat er als selbst erlernter Komponist öffentlich in Erscheinung. Der Durchbruch gelang 1875 quasi über Nacht mit der Oper »Die Königin von Saba«. Das Stück wurde weltweit gespielt, nach Richard Wagners Tod 1883 war Goldmark über Jahre der populärste Opernkomponist auf den Bühnen. Bis 1937 wurde das Werk allein an der Wiener Staatsoper fast 300 Mal aufgeführt. Dann wurde Goldmarks Musik von der konsequenten Auslöschungspolitik der Nazis wie so vieles andere in die Vergessenheit gestoßen. 

Mit Goldmark sind wir im 20. Jahrhundert angekommen, also jener Zeit, als das Burgenland eigentlich erst entstanden ist. Im Zeitraffer abgespult und ohne Anspruch auf Vollständigkeit wirkten und wirken hier Jenő Takács (1902–2005) aus Siegendorf, die »Aufbauer« Karl Messner (1923–2016), Otto Strobl (1927–2019) und Stefan Kocsis (1930), die »Weiterentwickler« Franz Zebinger (1946), Christian Kolonovits (1952), Wolfgang R. Kubizek (1959–2008), Ferry Janoschka (1958), Wilhelm Spuller (1979) und Lukas Neudinger (1980). Oder der Landeshymnenkomponist Peter Zauner (1886–1973), Karl Schönfeldinger (1897–1976) und seine Spielmusik sowie der Geiger Toni Stricker (1930). In Oberschützen gibt es ein Institut der Kunstuni Graz, am Joseph Haydn Konservatorium Eisenstadt werden junge Komponistinnen und Komponisten ausgebildet. Und dass die Musik Haydns auch im 21. Jahrhundert Stellenwert und Bedeutung hat und bekommt, wird mit kompetenten Partnern aus den Bereichen Kunst, Kulturpolitik und Tourismus gerade in der »Haydnstrategie 2025« entwickelt. Man darf daher schon gespannt sein, wie diese Vielstimmigkeit zum 100. Geburtstag des Burgenlands tönen wird. Und über dieser klanglichen Vielfalt schwebend wollen wir uns Fanny Elßler elfengleich tanzend vorstellen. Es träumt sich vortrefflich zur Poesie pannonischer Musik.

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