Schiefergestein: Bruchstücke vom Glück

Winzer Näkel auf seinem Schiefer-Steilhang im Ahrtal.

© Weingut Meyer-Näkel/Dieth

Winzer Näkel auf seinem Schiefer-Steilhang im Ahrtal.

© Weingut Meyer-Näkel/Dieth

Das Auge trinkt mit. Für den Wein vom Schieferboden gilt das ganz besonders. Der matte Glanz des Schiefers, die Regelmäßigkeit seiner Struktur: Wer das Bild eines schieferübersäten Steilhangs oder eines schiefergedeckten Dachs vor dem inneren Auge hat, der nimmt einen Eindruck von Ruhe und Klarheit in sich auf, eine Anmutung fein gegliederter Ordnung. Passenderweise klassifizieren die Geologen den Schiefer auch nicht als Gestein, sondern als Gefüge. Verschiedene Ausgangsgesteine können sich in Schiefer verwandeln – unter Kräften der Erdgeschichte, die die menschliche Vorstellungskraft an ihre Grenze bringen.

Durch starken Druck, begleitet von hohen Temperaturen, die für Elastizität sorgen und im wahrsten Sinn des Wortes einen Stein erweichen können, wird das Ausgangsgestein verformt. In der Folge ordnen sich die Kristalle des Ausgangsmaterials neu an, und zwar in Ebenen senkrecht zur Richtung des Drucks. So bilden sie bei der erneuten Verfestigung des Materials jene parallelen Schichten, die das bestimmende Merkmal von Schiefer sind. Je nachdem, welches Gestein geschiefert wurde und welche Mineralien dabei entstanden sind, hat der Schiefer eine graue, schwarze, blaue, rote oder grüne Farbe und liegt als Tonschiefer, Glimmerschiefer, Phyllitschiefer, Ölschiefer und so weiter vor. So weit die Theorie. Doch was macht den Schiefer denn nun für den Wein so besonders?

Best of Pinot Noir vom Schiefer

Einer, der es wissen muss, ist August Kesseler aus Assmannshausen, der umgehend die Vorteile aufzählt: »Erstens hohe Durchlässigkeit. Nach einem Regen ist der Boden schnell wieder trocken. Zweitens hohe Erwärm-barkeit, die auch noch zu spüren ist, wenn sich die Sonne bereits aus dem Staub gemacht hat.« Zwei Standort-Vorteile, die mit dazu beigetragen haben, dass Assmannshausen mit seinem halsbrecherisch steilen Höllenberg dermaßen berühmt ist – und zwar, anders als die anderen Rheingau-Gemeinden, nicht für Riesling, sondern für Spätburgunder. Da auch in Kesselers Weingut die noble blaue Traube das Maß aller Dinge ist, hängt Kesseler gleich noch eine dritte Eigenschaft an: »Und Schiefer steht für sauer. Die Säure aber ist etwas ganz Wichtiges für die Eleganz des Pinot Noir.«

Kesselers Weine gehörten nicht nur zu den ersten, die bereits in den 1980er-Jahren einen internationalen Markt eroberten, sie sind auch Musterbeispiele für den subtilen Stil, den Spätburgunder vom Schiefer erlangen kann: Sie verbinden eine pikante, doch niemals eintönige Fruchtigkeit mit saftigem, feinnervigem Trinkfluss – etwas cremiger verpackt in der Cuvée Max, die »so gemacht ist, dass sie ein Essen parieren kann« – und mit vibrierender mineralischer Zartheit beim Großen Gewächs Höllenberg, »von dem wir wollen, dass es solo getrunken wird.«

Pinot-Eldorado Ahrtal

Neben Assmannshausen und seinem guten Dutzend Pinot-Noir-Spezialisten ist das Ahrtal Deutschlands zweite Hochburg des Spätburgunders vom Schiefer. Doch bis in die 1980er-Jahre hinein vergeudeten die Winzer das Talent ihrer Steilhänge an blasse, meist halbtrocken ausgebaute Weinchen, die zuweilen mehr nach dem Vorbild eines Rieslings erzeugt waren denn als ernst zu nehmende Rotweine. Die Tage des »Ahrbleichert« gingen vorüber, als eine Generation von Pionieren den Stil des Ahr-Burgunders revolutionierte: Winzer wie Werner Näkel, Jean Stodden und Wolfgang Hehle setzten auf Ertragsregulierung, solide Maischegärungen zur Extraktion und Barriqueausbau.

Die junge Generation

Heute hat in all diesen Betrieben schon die junge Generation das Heft in der Hand: »In den letzten zehn Jahren«, so gibt etwa Alexander Stodden zu Protokoll, »haben wir besser gelernt, wie der Weinberg funktioniert.« Nicht, dass die alte Generation nichts vom Rebbau verstanden hätte. Doch das Ahrtal mit seiner nördlichen Lage einerseits und seiner Wärme stauenden Enge und seinen stark erwärmenden Böden andererseits, bekam die Veränderungen durch die globale Erwärmung besonders stark zu spüren: War noch in den 1970er-Jahren jeder Jahrgang ein einziger Kampf um die Reife, so stellten sich in den 1990er-Jahren auf einmal fast wie von selbst Alkoholgrade von 14,5 Volumenprozent und darüber ein. Die typische De­­likatesse der Weine vom Schiefer geriet in Gefahr, durch Alkohol und portige Aromen an die Wand gedrückt zu werden. So mussten die Ahr-Winzer neu lernen, das Tempo im Weinberg zu dosieren – vor allem, wann etwas Einbremsen angesagt ist.

»Ein Wein muss animieren«, hält Alexander Stodden den Übertreibungen der Reife entgegen. »Wenn die Flasche leer ist, muss es eigentlich heißen: Und was trinken wir jetzt?« Sein 2010er-Wein aus »alten Reben« – genauer gesagt, aus einer 1920 wurzelecht gepflanzten Parzelle im Recher Herrenberg – entschied im Falstaff-Test nicht nur die Blindprobe für sich. Da der Wein ausschließlich in Magnum-Flaschen abgefüllt wurde, bedient er mustergültig eine der größten Tugenden des Spätburgunders vom Schiefer: seine Trinkfreudigkeit.

Starkes Teamwork: August Kessler (auf Kiste sitzend) und sein Team.

© Heinrich Völker

Die Mosel – (k)ein Geheimtipp

Da es um Schiefer geht, drängt sich fast von selbst die Frage nach der Mosel und ihren Nebenflüssen auf – Deutschlands wohl bekanntesten Weinbaugebieten auf Schieferboden. Da es durch die Erderwärmung weiter südlich oft schon fast zu warm wird für Spätburgunder, gelangt das Klima an Mosel, Saar und Ruwer mehr und mehr in die Wohlfühlzone der Burgundertraube. »Hätte man mir vor zwanzig Jahren die Frage nach Spätburgunder gestellt, dann hätte ich gesagt: Mein Wunsch wäre es sehr, ihn in Grünhaus anpflanzen zu können – aber er wird wohl nicht oft genug reif«, sagt Carl von Schubert, Leiter und Lenker des legendären Ruwer-Riesling-Weinguts Maximin Grünhaus. Und heute? Bereits 1,2 Hektar Spätburgunder wachsen in zwei Parzellen. Im Falstaff-Test hatten die Weine aus den Jahren 2011 und 2012 keine Mühe, mit den besten Rheingauern und Ahr-Weinen mitzuhalten.

Riesling-Magier Markus Molitor

Schon etwas früher hat ein weiterer Riesling-Magier Berühmtheit auch für seine Burgunder erlangt: Markus Molitor aus Zeltingen an der Mittelmosel. Und Molitor rückt gerne den Eindruck zurecht, dass erst die globale Erwärmung den Spätburgunder wieder an die Mosel gebracht habe: »Traditionell waren die Burgundersorten an der Mosel sehr etabliert. Allerdings wurde der Anbau von Rotwein 1937 verboten – erst 1987 hob man dieses Verbot wieder auf. Das hatte ­aber zur Folge, dass zwei Generationen von Moselwinzern keine Pinots Noirs erzeugen durften und die Burgunder-Tradition dabei weitestgehend in Vergessenheit geraten ist.«

In die Idee des Reichsnährstands passte die Burgundertraube offenbar nicht. Molitor weiß zwar, dass man an der Mosel besonders große Anstrengungen unternehmen muss, um Pinot Noir von Ausnahmerang zu erzeugen – doch seine Weine belegen auch, wie sehr die Sorte hierhin passt, wie sehr sie die berühmte Mineralität des Schiefers Seite an Seite mit dem Riesling und doch auf eine ganz eigene Art auszudrücken vermag. Unter allen Eigenschaften des Schiefers ist nämlich wohl seine Brüchigkeit die wichtigste. Diese führt zum einen dazu, dass die Weinberge von Steintrümmern übersät sind – mit den bekannten Folgen der Drainage und Wärmespeicherung. Zum anderen aber besitzt der Schiefer auch in seiner kompakten Form im Untergrund des Weinbergs jede Menge Ritzen und Spalten, in die die Wurzeln der Reben hineinwachsen, um sich am mineralreichen Kluftwasser zu laben.


Aus Falstaff Deutschland Nr. 01
/2016

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