Önologe Kevin Judd ­benannte sein Gut nach den runden ­Flusssteinen, die er in Rapaura vorfand: Greywacke Estate
Önologe Kevin Judd ­benannte sein Gut nach den runden ­Flusssteinen, die er in Rapaura vorfand: Greywacke Estate / Foto: beigestellt

Wenn man die dynamische Entwicklung des Weinbaus in Neuseeland an einer einzigen Rebsorte misst, dann hat sich die Doppelinsel in wenig mehr als 40 Jahren von null aus in die Weltelite katapultiert.

In den 1970er-Jahren wurden erste Experimente mit Qualitätsreben angestellt, heute kommen aus Neuseeland einige der besten Sauvignons Blancs der Welt.

Rückblicke zum Anfang
Erschien den Winzern zuerst die Nordinsel mit ihrem recht warmen, fast subtropischen Klima verheißungsvoll, verlagerte sich der ­Fokus bald auf die Südinsel, denn in der ­kühleren Witterung reifen Trauben für finessenreiche Weißweine. Marl­borough in der östlichen Küstenregion ist das dominierende Anbaugebiet. Hier wurde auch 1974 der erste reinsortige Sauvignon Blanc Neuseelands auf die Flasche gefüllt. Keine zehn Jahre später begann eine beispiellose Erfolgsgeschichte, die vor allem mit dem Namen eines Weinguts verbunden ist: Cloudy Bay.

Der Sauvignon Blanc Neuseelands
Der Australier David Hohnen, Besitzer des Weinguts Cape Mentelle in Margaret River, erkannte 1985 das Riesen­potenzial des Landes. Im Wairau Valley in Marlborough pflanzte er Sauvignon Blanc, den er gemeinsam mit dem Önologen Kevin Judd zu einem unverwechselbar aromatischen Wein verar­beitete. Die Erfolge bei internationalen Vergleichsverkostungen waren enorm, und heute (da das Weingut zur LVMH-Gruppe gehört) bezeichnen nicht wenige Experten den Wein von Cloudy Bay als den besten Sauvignon Blanc der Welt. Wenn sich darüber auch trefflich streiten ließe – fest steht, dass der Wein in den Neunzigerjahren stilbildend für die Weine aus Marlborough war und sich zahlreiche Wein­güter der Region an ihm orientierten.

Handelsgut Wein für Neuseeland
Die Akzeptanz von neuseeländischen Weinen auf dem Weltmarkt entwickelt sich auch sehr gut. Mitte der 90er-Jahre lag die Exportquote noch unter 15 Prozent, heute hingegen bei zwei Dritteln. Dazu hat sich die Erntemenge im letzten Jahrzehnt glatt verdreifacht. Nicht weniger als 2,2 Millionen Hektoliter konnten zuletzt binnen eines Jahres exportiert werden – und zwar hochpreisiger Wein! Vom erzielten Durchschnittspreis können zahlreiche traditionsreiche Weinnationen nur träumen. Womit sich Wein zum neuntwichtigsten Außenhandelsgut Neuseelands ent­wickelt hat.

Dog Point war die erste ­europäische ­Ansiedlung  in Marlborough. Der Name ­verweist auf die in der ­Re­gion typischen Schäferhunde / Foto: beigestellt
Dog Point war die erste ­europäische ­Ansiedlung in Marlborough. Der Name ­verweist auf die in der ­Re­gion typischen Schäferhunde / Foto: beigestellt


Dog Point war die erste ­europäische ­Ansiedlung in Marlborough. Der Name ­verweist auf die in der ­Re­gion typischen Schäferhunde

Fokusierung führte zum Erfolg
Die Erfolgsgeschichte des Weins aus Neuseeland scheint noch lange nicht den Höhepunkt erreicht zu haben. Die wichtigsten Exportmärkte Großbritannien, Australien und die USA (Abnehmer von rund 80 Prozent der neuseeländischen Weinausfuhr) entwickeln sich nach wie vor positiv, dazu reüssiert neuseeländischer Wein zusehends in Europa und Asien. Acht von zehn exportierten Flaschen sind mit Sauvignon Blanc befüllt, wenn auch Chardonnay und komplexe Rotweine allmählich an Bedeutung gewinnen. Diese außer­gewöhnliche Fokussierung auf eine einzige Rebsorte bringt Vorteile in Marketing und Kommunikation, birgt aber in einem Markt, der auch Moden unterliegt, nicht unbeträchtliche ­Gefahren.

Parallelen zu Österreich
Die Parallelen zwischen dem neuseeländischen und dem österreichischen Weinbau sind zahlreich. Mit dem Grünen Veltliner ­existiert auch hier eine (wenn auch in deutlich geringerem Maß) dominierende Rebsorte. Das Volumen der Weinproduktion ist in Neuseeland und Österreich ähnlich. In beiden Ländern wird größter Wert auf Nachhaltigkeit in der Produktion gelegt und die organische Bewirtschaftung kontinuierlich ­vor­angetrieben.

Zukunftsblick
»Ich sage, dass wir mit dem Grünen Veltliner das tun können, was wir vor 30 Jahren mit dem Sauvignon Blanc gemacht haben«, meint John Forrest, Besitzer von Forrest Estate in Marlborough. »Mit dem Sauvignon Blanc haben wir unsere Märkte bedient, insbesondere den Commonwealth. Der Gedanke, dass uns das nun auch mit dem Grünen Velt­liner gelingen könnte, elektrisiert mich.«
Elektrisieren kann eine solche Ansage auch Österreichs Winzer. Als Schreckensvision ist sie nicht zu verstehen. Durch ein Engagement neuseeländischer Winzer für Österreichs Leit­sorte kann der Veltliner nur an Popularität auf dem Weltmarkt gewinnen. Eine wirtschaftliche Gefahr droht davon kaum.


Typisch Neuseeland: Weinreben und Schafe, so weit das Auge reicht Fotos: beigestellt / Foto: beigestellt
Typisch Neuseeland: Weinreben und Schafe, so weit das Auge reicht Fotos: beigestellt / Foto: beigestellt


Typisch Neuseeland: Weinreben und Schafe, so weit das Auge reicht

Spannende Zukunft für den Grünen Veltliner
Möglicherweise aber ist von einem großen neuseeländischen Veltlinerprojekt ein Stück österreichischer Nationalstolz bedroht. Denn auf die Frage, wer die Top-Weingüter für Grünen Veltliner sind, wird heute jeder Kenner österreichische Winzer nennen. Wie die Frage im Fall der Fälle in ein, zwei Jahrzehnten beantwortet wird, ist ungewiss. Schon einmal hat Neuseeland eine Rebsorte höchst erfolgreich okkupiert. Denn wenn man heute ­wissen will, woher der beste Sauvignon Blanc kommt, wird in England oder in den USA keineswegs häufig die Loire genannt. Und schon gar nicht die Südsteiermark.


Text von Peter Moser

Den vollständigen Artikel mit allen Informationen zu Neuseelands Weingeschichte und Entwicklung finden Sie im aktuellen Falstaff 05/2012.

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