Robert Parker hypt Napa-Weine, und Bordeaux schäumt!

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FBI: Falstaff Bureau of Investigation. Hier finden Sie Geschichten, die viele vermuten, aber niemand genau weiß, und trotzdem finden sie statt!

Der Jahrgang 2016 zählt zu den großen. Davon konnte sich die Fachwelt erst kürzlich bei den En-primeur-Proben überzeugen. Die Produzenten der besten Rotweinregion der Welt könnten sich also angesichts großer Mengen und bester Qualität so richtig freuen. Aber sichtlich nicht alle tun es.  

Und warum? Ich frage bei einem Winzerfreund in Margaux nach. 

Na ja, der Jahrgang ist toll, aber er fehlt halt schon. 

Wer? 

Robert Parker. 

Moment mal. Ich habe doch erst vor zwei Tagen die Parker-Bewertungen für 2016
gelesen. Okay, die waren genauer gesagt
von Neal Martin, dem britischen »The Wine Advocate«-Mitarbeiter, der nun seit 2014
für Bordeaux zuständig ist. 

Eben.

Dem Markt wird das doch egal sein – Parker-Punkte sind Parker-Punkte. 

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Ist es nicht, meint mein französischer Winzer und spricht sinngemäß so etwas wie: »Man geht nicht zum Schmiedl, wenn man zum Schmied gehen kann.« Kann man aber nicht, denn Robert Parker Jr., der von Jahrgang 1982 an Bordeaux in höchsten Tönen gelobt hat, immer vorausgesetzt, die Weine entsprachen seinen kraftvollen Ansprüchen, hat das Jungweinverkosten im Bordelais hochoffiziell ad acta gelegt.

Und doch hat sich der 69-jährige Chefverkoster Parker in Maryland keineswegs in den in Bordeaux wohlverdienten Ruhestand begeben. 

Im Gegenteil. Und genau das macht die Girondins fuchtig.

»Kannst du dir bitte die Bewertungen für diese konzentrierten Säfte aus Napa Valley ansehen?“ Ich sehe sogar durch das Telefon die zarte Schaumbildung um den Mund meines französischen Winzers. Er wird lauter. »Schau dir einmal Jahrgang 2013 an – dann reden wir weiter!!« Rumms, aufgelegt.
»Die spinnen, die Franzmänner«, denke ich. Dann werfe ich den Laptop an und öffne www.robertparker.com.

Und checke zunächst Bordeaux en primeur 2016. Acht Weine sieht Herr Martin da
mit Potenzial für die Topnote und gibt 98–100. Das sind immerhin drei Weine mehr als das Falstaff-Magazin. Was regt die guten Franzosen also so auf?

Nun nach Kalifornien und zum angesprochenen Superjahr 2013. 

Dann wird mir schlagartig klar, worum es geht. 

Allein aus der Mini-Anbauzone Napa Valley haben 49 Weine 100 Parker-Punkte. Und zwar richtige, vom Meister höchstpersönlich! Jetzt will ich es ganz genau wissen und nehme mir einmal hüben wie drüben die Bewertungen der letzten Topjahrgänge vor. 2009 gab Bob Parker in Bordeaux immerhin 19-mal die Traumbewertung von 100. Also mehr als doppelt so oft wie Herr Neal Martin 2016. Aber ist der deswegen eine notorische Spaßbremse? Nun, in früheren Zeiten war auch Robert Parker mit seinen 100ern in Bordeaux nicht gerade großzügig. Fünfmal 1982, ein einziges Mal 1986, viermal 1990, fünfmal 2000, elfmal 2005 sowie zuletzt im hochgepriesenen und sündhaft teuren 2010er-Jahr. Vergleichsweise bedrohlich erscheint aus Bordelaiser Sicht das Anschwellen der Höchstnoten für die Konkurrenz aus dem kalifornischen Napa-Tal. Waren es 2001 noch vertretbare sechs Weine mit 100 PPs, so hat Herr Parker für 2007 bereits 16 100er vergeben. 2012 waren es schon 18.

Und nun für 2013: 49! 

Da wird der gallische Hahn in der Pfanne verrückt.

Robert Parker hat also President Trumps Aufruf »We will make America great again« bereits voll umgesetzt. Nach dem für Frankreich verheerenden Desaster des »Urteils von Paris« im Jahre 1976, als die Kalifornier die Franzosen in Blindprobe niederrangen, legt Bob Parker endgültig den Hebel für Napa Valley & Co um.

Vielleicht hätte man nicht so viel Bordelaiser Know-how nach Kalifornien schicken sollen. Alle Starönologen von Michel Rolland abwärts zeigen in Sunny California vor, wie man’s macht, dass es Parker gefällt. »Und die ganz Klugen von euch, was machen die?«, denke ich bei mir. »Die kaufen sich gleich in Napa direkt ein.« Christian Moueix hat für seinen Napa-Wein Dominus 2013 die 100 Punkte abgeräumt, Pétrus 2016 bekam »nur« 96–98. Château Latours Besitzer François Pinault hat sich das berühmte Weingut Araujo Estate in Napa zugelegt, leider hat es für den Cabernet Sauvignon Eisele Vineyard 2013 nur für 99 Punkte gereicht, für den 2016er Latour könnten sich dafür die 100 Punkte zukünftig noch ausgehen. Der kommt ohnehin erst in zehn Jahren auf den Markt. Alfred Tesseron von Château Pontet-Canet hat die Zeichen der Zeit schon richtig gedeutet. Er hat im Vorjahr das Weingut des verstorbenen Hollywood-Schauspielers Robin Williams gekauft und blickt nun voll Vorfreude auf künftige Parker-Megaratings. Denn dass er und seine Nichte wissen, wie man 100-Punkte-Weine macht, hat er 2010 in Pauillac bewiesen. Die Liste der französischen Winemaker, die in Napa Valley ihre Spuren hinterlassen, ist lang. 

Da wären Stéphane Derenoncourt, Pierre Seillan, der die 100-Punkte-Weine von Vérité zaubert, oder Nathalie Jure bei Opus One, das sich kein Geringerer als Baron Philippe de Rothschild mit Robert Mondavi ausgedacht hat. Zu viel Wissenstransfer kann in die Hose gehen – zumindest aus französischer Sicht.

Mein Telefon klingelt wieder. Eine französische Vorwahl.

O GOTT! 

Jetzt hat der arme Mann in Bordeaux die Parker-Bewertungen der Fassproben der Roten aus Napa Valley 2015 gesehen.

Sparen Sie sich die Mühe, sie selbst zu zählen. Nicht weniger als 53 Weine stehen im Moment bei 98–100. Und das sind noch lange nicht alle. Denn in den Garagen in und um St. Helena schlummert noch mehr Sprengstoff 

Aus Falstaff Magazin Nr. 04/2017

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