Ein Thunfischschwarm - bald ein Bild mit Seltenheitswert
Ein Thunfischschwarm - bald ein Bild mit Seltenheitswert / Foto: iStock

Das Thema lässt sich zu einem einzigen Wort verdichten: Überfischung. Dies bedeutet nichts anderes als die Reduzierung eines Fischbestands bis zu seiner Vernichtung. Oder bis auf ein Quantum, bei dem er sich nicht mehr reproduzieren kann, was auf dasselbe hinausläuft. In sehr naher Zukunft wird in Freiheit ­gefangener Fisch eine Rarität sein – und schier unbezahlbar. Die Überfischung ist ein inzwischen all­gegenwärtiges Phänomen mit Auswirkungen auf die Meeresökologie wie auch auf die ökonomischen und sozialen Verhältnisse sehr vieler Länder. Und zwar in einem Ausmaß, das niemand realistisch einschätzen kann. Ein bescheidener Versuch, diese Schäden wenigstens einigermaßen zu begrenzen – kompensieren lässt sich die Überfischung nicht mehr –, sind Ansätze zu nachhaltiger Fischerei, zu Aquakulturen und zu ökologischer Fischwirtschaft.

Reduzierung bei den Kleinen wie bei den Großen
Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts war Überfischung nur in einigen Teilen der Meere und bei einigen Spezies wie etwa Walen zu beobachten. Seitdem hat sich die Situation grundlegend verändert. Die Bestände der gro­ßen (Raub-)Fische wie Thunfisch, Schwertfisch, Marlin, Kabeljau, Heilbutt, Rochen und Flunder sind auf zehn Prozent des Bestands von 1950 reduziert worden. Die Konsequenz: Hunderttausende von Arbeitsplätzen gingen weltweit verloren. So kollabierte der Arbeitsmarkt für Fischer, als 1992 die internationale Kabeljaufischerei vor Neufundland zusammenbrach – 40.000 Stellen wurden auf einen Schlag gestrichen. Doch die Überfischung trifft auch kleinere Arten. Die Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen schätzt, dass 2010 weltweit bereits 75 Prozent aller kommerziell genutzten Fischarten überfischt waren oder doch dicht vor der Überfischung standen. 
In den europäischen Gewässern, so eine ­Kommission der EU 2009, galten 80 Prozent der ­Bestände als überfischt, Umweltschutz­organisationen wie Greenpeace sprechen 
von mehr als 88 Prozent.

Das Ende des natürlichen Habitats
Überfischung hat den Effekt, dass sie das ­gesamte marine Habitat neu strukturiert. Die Reduktion der großen Räuber, die am Ende der Nahrungskette stehen, schafft Raum für das Wachstum ihrer bisherigen Beute. Ein Beispiel: Die Population des (in Japan heiß begehrten) Blauflossenthunfischs im Mittelmeer wurde so stark reduziert, dass Experten mit seinem Aussterben schon in diesem Jahr rechnen. Deshalb haben sich Quallen – ­geschätzte Nahrung des großen Fisches – so stark vermehrt, dass an vielen Stränden in Zukunft kaum noch gebadet werden kann. Ein weiterer Aspekt der Überfischung ist die Einführung fremder Arten in einen Lebensraum, »invasive Spezies«, die einheimische Arten bedrohen und auch überwältigen. Ein Beispiel ist die Pazifische Felsenauster (Crassostrea ­gigas), eine kommerziell höchst erfolgreiche Art (mehr als 93 Prozent Marktanteil weltweit). Die Einfuhr und Ansiedlung in die ­europäischen Meere stellt mittlerweile eine äußerst ernst zu ­nehmende Bedrohung der einheimischen ­Mies­muscheln dar.

Geld regiert die Meereswelt
Die Ursache der Überfischung ist so simpel wie offensichtlich: Profit. Ernährungsengpässe oder gar Hunger sind nicht relevant. Die Geldgier hat in den vergangenen sechs Jahrzehnten zu einer enormen Ausweitung der Fänge geführt. 1959 wurden rund 20 Millionen Tonnen Fisch aus den Meeren geholt, 1980 hatte sich diese Menge bereits verdreifacht. Und 2006 ­waren es 144 Mil­lionen Tonnen, mehr als das Siebenfache. ­Damit war der Gipfel erreicht. Die Mengen stagnieren und beginnen zu sinken – es ist kaum noch Fisch da.

Zwei Drittel aller weltweit für den Menschen verwertbaren Fischarten sind inzwischen bedroht
Zwei Drittel aller weltweit für den Menschen verwertbaren Fischarten sind inzwischen bedroht


Zwei Drittel aller weltweit für den Menschen verwertbaren Fischarten sind inzwischen bedroht

Die globalen Zahlen der Fischereiflotten: 1,3 Millionen ­Fischerboote mit geschlossenem Deck, 43.500 davon größer als 100 Bruttoregistertonnen (entspricht etwa 283 Kubikmetern). 43,5 Millionen Fischer und Fischfarmer hängen direkt von der Fischindustrie ab, ­indirekt sind es mehr als 500 Millionen. Der Wahnsinn dabei: Nur ein (!) Prozent der »Fischerboote« schöpft zwischen 50 und 60 Prozent aller Fänge ab. Es handelt sich um ­gigantische, hochgerüstete Fischfabriken, ausgestattet mit 3-D-Sonar, GPS und bärenstarken Motoren. Sie bringen 100 Kilometer lange Langleinen mit Zehntausenden von ­Haken oder unvorstellbar große Schleppnetze zum Abgrasen der Tiefsee aus, verarbeiten den Fisch direkt an Bord und schockfrosten ihn.

Die große Lüge: Vom »Beifang« bis zum Grundschleppnetz
Die Statistiken lügen. Alles ist viel schlimmer. Denn es wird viel mehr Fisch gefangen als in den Zahlen aufscheint. »Beifang« ist der Schlüsselbegriff: Bei fast jeder maritimen Fangmethode geht nicht nur jener Fisch ins Netz, in die Reuse oder an den Haken, den der Fischer haben will und fangen darf. Greenpeace geht davon aus, dass jährlich rund 30 Millionen Tonnen Meerestiere über Bord geworfen werden: »Etwa 100 Millionen Haie und Rochen enden jährlich als Beifang. Das gilt auch für 650.000 Wale und Robben, die sich nicht mehr aus den Netzen der Fischer befreien können. 100.000 Albatrosse sterben, weil sie nach den Ködern tauchen, die in der Langleinenfischerei verwendet werden.« Ein vielleicht noch tiefer greifender Effekt des Beifangs: Weil viel zu junge Fische über Bord gehen, erreichen zu wenige ein Alter, in dem sie sich fortpflanzen können. Laut Greenpeace schwimmen deswegen heute siebenmal weniger geschlechtsreife Tiere in der Nordsee als vor 30 Jahren. Das Resultat: Das Schrumpfen der Bestände wird durch geringere Reproduktionsraten weiter verstärkt.

Auch die Fangmethoden selbst sorgen für eine Verstärkung der Überfischung. Bei Grundschleppnetzen, sogenannten Baum­kurren, kann ein einziger Fang von Seezungen durch das Aufwühlen des Meeresbodens nicht nur die zehnfache Menge an Beifang ­erbringen. Die grundlegende Schädigung des Meeres­bodens stellt einen buchstäblich tiefen Eingriff in das Ökosystem dar, das die Entwicklung ­einer ganzen Population der unterschied­lichsten Meereslebewesen zerstört. Das Management der Fischbestände ist nicht nur in großen Teilen widersinnig, wie die Beifangregulierung zeigt, es ist auch in den meisten Fällen nicht konsequent genug. Vorschläge für Moratorien oder drastische ­Begrenzungen der Fangmengen, wie sie die Wissenschaft (etwa der ICES) Jahr für Jahr vorträgt, werden in aller Regel von den ­zuständigen politischen Gremien angehört – und dann nicht befolgt. Die Quoten liegen praktisch immer deutlich höher als das, was wissenschaftlich fundiert notwendig wäre. ­Zudem halten sich einige Länder (Beispiel ­Japan beim Walfang) generell an keine Quote.

Aquakulturen - Lösung oder Eskalierung des Problems?
Fische aus Aquakulturen haben vielfach den »Wildfang« verdrängt: Der meiste Lachs auf deutschen Tellern ist zuvor in einem ­ringförmigen Netzkäfig geschwommen. Die rasant fortschreitende Ausbreitung von ­Fischfarmen at natürlich sehr ausgeprägte ­­Vor- und Nachteile. Biofisch oder -garnele, mit kontrolliertem Futter gemästet, kaum mit Chemikalien behandelt, umweltschonend erzeugt, ist die eine Seite. Mit ­Exkrementen und Pestiziden verseuchte Garnelenteiche, die weite Küstenlandschaften Südostasiens in tote Zonen verwandelt haben, die andere. Laut ­Peter Krost vom privaten Forschungs- und Consulting-Institut CRM in Kiel sprechen für Aquakulturen keine Beeinträchtigung der natürlichen ­Bestände, keine unerwünschten Beifänge, keine mechanischen Zerstörungen des natürlichen Lebensraums durch Fanggeräte wie bei der traditionellen Fischerei, die ­Erzeugung hochwertiger Nahrungsmittel und sichere Arbeitsplätze.

Aquakulturen, vor allem für Lachse, finden sich an der norwegischen Küste
Aquakulturen, vor allem für Lachse, finden sich an der norwegischen Küste


Aquakulturen, vor allem für Lachse, finden sich an der norwegischen Küste

Die Nachteile: eine Erhöhung der Nährstoffkonzentration (vor allem Stickstoff und Phosphor) sowie die Verringerung der Sauerstoffkonzentration im Wasser, die Belastung der Umwelt durch medizinische Komponenten wie etwa Antibiotika sowie das Entkommen von Zuchtfischen und damit die Gefahr der Übertragung von Krankheiten auf Wild­bestände. Hinzu kommt die Frage nach der Herkunft des Fischfutters: Stammt das Futter aus einer nicht nachhaltig operierenden oder gar zer­störerisch arbeitenden Fischerei, ist kein ökologischer Vorteil entstanden. Vor allem Raubfische wie Lachse oder Thunfisch fressen Fische oder Fischmehl und Zubereitungen aus Fischöl. Und der Futterverbrauch ist enorm: Während die Industrie von einem »Fish-in-Fish-out«-Verhältnis (FIFO) von 1:2,3 oder 1:4 spricht, nennen Umweltorganisationen Werte bei Thunfisch von bis zu 1:20 – um ein Kilo Thunfisch zu produzieren, sind also 20 Kilo Futterfisch nötig. Dies mag übertrieben sein, kennzeichnet aber das Dilemma.

Eine ganz einfach Lösung ...
Es ist absehbar, dass die Zerstörung ganzer Küstenlandschaften, die Vernichtung von Mangrovenwäldern, die Verschmutzung von Meeresarmen und Fjorden Fischfarming mittelfristig erschweren und in einigen ­Gegenden (z. B. Südostasiens) beenden wird. Umweltauflagen werden diese Produkte ­zudem erheblich verteuern. Wenn kaum noch Fisch im Ozean schwimmt und der Nachschub aus den Aquafarmen allmählich versiegt, dann gibt es eben irgendwann keinen Fisch mehr – oder? Doch. Das Problem ließe sich lösen. Ganz einfach. Indem die Fischerei für Jahre oder vielleicht sogar ein ganzes Jahrzehnt eingestellt würde. Die Entschädigungszahlungen für die arbeitslosen ­Fischer würden viele Milliarden Euro kosten. Eine teure Rechnung. Aber sie würde sich ­lohnen. Denn Versuche in einzelnen Re­gionen zeigen, wie rasch sich eine geschwächte Fischpopulation wieder erholen kann.

Woher der Fisch kommt
Hier finden Sie die Weltkarte zum Download.


Text von Jan Brinkmann

Den vollständigen Artikel mit weiteren Informationen zu Überfischung, Fangflotten und -methoden sowie zu deren Auswirkungen auf die Meeresökologie finden Sie im aktuellen Falstaff 04/2012.


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